Familienmodell Vollzeitmutter

„Bloß“ Mutter?

Es ist emanzipiert, sich für ein Leben als Vollzeitmutter zu entscheiden? Helena von Hutten hat es getan: Sie hat ihr Studium abgebrochen und kümmert sich seither um ihre drei Kinder – und fühlt sich gerade deshalb als Feministin.

Veröffentlicht am 22.03.2017
Helena von Hutten.

Helena von Hutten entschied sich für ein Leben als Vollzeitmutter.


Natürlich könnte man sagen: Es ist meine Entscheidung zu leben, wie ich lebe. Aber seit ich so lebe, muss ich mir anhören, wie unemanzipiert ich sei, wie altmodisch und ob mir das nicht zu wenig sei‚ „bloß“ für meine Kinder da zu sein. Dabei fühle ich mich gerade deshalb als Feministin, weil ich Mutter von drei Töchtern und Vollzeithausfrau bin. Wenn wir Frauen wirklich frei wären, sollten wir tun können, was wir wollen. Und dazu gehört auch die Freiheit zu entscheiden, zu Hause zu bleiben. Nicht weil wir uns das finanziell leisten können, sondern weil es das Beste für unsere Kinder ist. Für mich ist es notwendig, dass sie Stabilität erfahren, dass sie zu Hause verwurzelt sind und Erziehung hier stattfindet und nicht in irgendwelche Institutionen ausgelagert wird. Natürlich sind und waren meine Töchter auch im Kindergarten. Aber erst ab drei Jahren und nur bis mittags. Dann koche ich für sie, jeden Tag.

Als Vollzeitmutter unter Rechtfertigungszwang

Eigentlich selbstverständlich, dass man sich das Familienleben so einrichtet, wie man es für richtig hält. Tatsächlich aber haben Frauen dazu heute kaum eine Chance. Da ist der gesellschaftliche Druck, der sie dazu drängt, ihre Kinder möglichst schon nach einem Jahr in die Betreuung zu geben. Habe ich selbst erlebt. Denn mit meinem Lebensmodell bin ich unter Rechtfertigungszwang, seit ich mit 23 Jahren das erste Mal Mutter wurde. Oft bekomme ich zu hören: „Willst du wirklich deine berufliche Zukunft und deine Altersvorsorge aufs Spiel setzen?“ Ja, es sind ja nur zehn oder zwölf Jahre, über die wir sprechen. Frauen haben dann immer noch genügend Zeit, wieder berufstätig zu sein.

Umso unverständlicher ist, dass es auch politisch nicht gewollt zu sein scheint, Frauen es zu ermöglichen, zu Hause zu bleiben. Finanziert mit einem Betreuungsgeld, das deutlich höher ist als 150 Euro und das ihnen eine vernünftige Rente sichert. Es ist nicht einzusehen, weshalb ein Kita-Platz mit bis zu 1000 Euro subventioniert wird, wenn Mütter gleichzeitig für ihre Kinder da sein wollen. Ich halte es überhaupt gesellschaftlich für sehr fragwürdig, Kinder und Eltern im Alltag so stark zu trennen, dass Kinder so wenig zu Hause sind und nicht selbstbestimmt über ihre freie Zeit verfügen können, sondern unter pädagogischer Aufsicht stehen. Ich kritisiere die Institutionalisierung der Kindheit und würde mir wünschen, dass es nicht nur Ganztagsschulen und -kitas ab einem Jahr gibt. Natürlich ist ein solches Angebot notwendig, damit Frauen die Doppelbelastung von Beruf und Erziehung stemmen können. Aber ist es nicht auch frauenverachtend, pauschal anzunehmen, dass wir immer allem gerecht werden müssen – selbst wenn dafür die Kinder zurückstecken?

Modern und emanzipiert als Vollzeitmutter

Natürlich spielt manchmal Ehrgeiz eine Rolle, der Wunsch, sich selbst nicht aus den Augen zu verlieren und sein Leben nicht für das Kind „opfern“ zu wollen. Für mich ist das aber kein Opfer. Ich finde es vielmehr sehr befriedigend, mich einmal nur um andere zu kümmern, ohne selbst dauernd im Fokus zu stehen. Mit meinem Lebensmodell lehne ich mich deshalb auch gegen den ständigen Optimierungs- und Perfektionswahn auf, dem Frauen normalerweise ausgesetzt sind. Und ich bin nicht allein. Seit ich im Netz einen offenen Brief zum Thema veröffentlicht habe, bekomme ich viel Zustimmung. Ich erlebe, dass viele Frauen ähnlich fühlen und sich immer gegen den Verdacht wehren müssen, Verräterinnen der Frauensache zu sein oder – was noch viel schlimmer ist – Parteien wie der AfD ein gestriges Mutterbild zu liefern. Deshalb wünsche ich mir ein neues Selbstbewusstsein der Frauen, das uns erkennen lässt, wie modern und emanzipiert es eigentlich sein kann, sich für ein Leben als Vollzeitmutter zu entscheiden.