Florian Illies im Interview

Erklären Sie uns Kunst, Herr Illies!

Warum begeistern uns manche Bilder und andere lassen uns kalt? Und auf welche Künstler sollte man jetzt ein Auge haben? Florien Illies erklärt, warum Kunst nicht nur ein Hobby für gelangweilte Milliardäre und abgehobene Experten ist.

Veröffentlicht am 10.11.2017

Ein entscheidendes Kriterium für die Bewertung eines Werkes? Begeisterung, sagt Florian Illies.


Florian Illies stammt aus dem oberhessischen Provinznest Schlitz, ist jedoch längst eine Berliner Größe: Hier lebt der 46-Jährige mit seiner Ehefrau, der Journalistin Amélie von Heydebreck, und zwei Kindern, hier hat das Paar 2004 das Kunstmagazin Monopol gegründet und zwei Jahre später verkauft. Und in der Hauptstadt geht Illies höchst erfolgreich seinen zahlreichen Tätigkeiten nach: Mit „Generation Golf “ und „1913“ hat er sich als Autor einen Namen gemacht, Ende Oktober erscheint sein neues Buch „Gerade war der Himmel noch blau“ (S. Fischer). Er ist Mitherausgeber der Zeit und Leiter des Auktionshauses Villa Grisebach. Zum Gespräch lädt er in sein geschmackvolles Büro im Obergeschoss der Gründerzeitvilla in Charlottenburg: Die Wände sind in einem warmen Grauton gestrichen, die Büromöbel von USM Haller, eine Récamiere steht zum entspannten Betrachten der Ölgemälde aus dem 19. Jahrhundert parat, die auf Bücherregalen voller Kunstbände lehnen.

Hier im Auktionshaus Grisebach sind Sie umgeben von Kunst. Würden Sie nicht am liebsten alles behalten?
Natürlich. Diesen Impuls verspüre ich immer wieder. Allerdings haben wir es hier nicht nur mit Meisterwerken zu tun, wir bekommen auch Flohmarktbilder, Unbekanntes und Fälschungen angeboten. Mir macht das unglaublich viel Spaß, weil es wachhält und das Auge schult. Wenn Werke nicht signiert sind, arbeitet man wie ein Detektiv: Aus welcher Zeit stammt es? Von welchem Maler?

Hat man als Laie überhaupt eine Chance, gute Kunst zu erkennen?
Sicherlich gibt es Qualitätskriterien, für die man Wissen braucht, aber das Faszinierende ist: Am Ende entscheiden Laien wie Experten aus dem Bauch heraus. Die Begeisterung für ein bestimmtes Werk kann man nicht begründen – und man sollte sie immer ernst nehmen.

Welche Rolle spielt Geschmack?
Er wächst unmerklich mit und verändert sich mit der Zeit. Kennt jeder, der alte Fotos von sich anschaut und sich über seine Frisur wundert – aber damals fand man sie super. Mir ist es schon oft passiert, dass mich ein Bild, das ich vor Jahren unbedingt haben musste, heute kaltlässt – oder dass ich erst viel später begreife, wieso ein bestimmter Maler wirklich ein solches Genie ist.

Sie sind Experte für das 19. Jahrhundert. Pardon, aber sind diese alten Ölschinken nicht ein wenig angestaubt?
Unsere Generation war darauf geeicht, diese Epoche spießig zu finden, das hatte viel mit Abgrenzung von den Eltern zu tun, bei denen solche Bilder vielleicht im Wohnzimmer hingen. Wenn Menschen in Biedermeierkleidung darauf zu sehen sind, dann kann auch ich wenig damit anfangen, denn dann bleibt das Bild in seiner Zeit kleben und wirkt altmodisch. Es gab im 19. Jahrhundert auch einen fatalen Hang zum Malen von Tieren, Bilder von Ziegen und Kühen vor Alpenpanorama – schwierig! Was mich interessiert, sind kleinformatige Naturstudien, vor allem Wolkendarstellungen. Die habe ich schon als Student gesammelt. Die sind heute so frisch wie an dem Tag, an dem sie gemalt wurden.

Trotzdem versteigern Sie verstärkt zeitgenössische Kunst. Weil sie am Ende doch cooler ist?
Für mich persönlich macht das keinen Unterschied, ich liebe beides. Weltweit ist aber die Kunst der 60er- und 70er-Jahre mehr in den Fokus gerückt, deswegen handeln wir bei Grisebach Klassische Moderne und zeitgenössische Kunst.

Kunstmessen sind Society-Events, bei denen Milliardäre mit Geld um sich werfen. Was halten Sie von dieser Entwicklung?
Für mich sind das Begleiterscheinungen, mehr nicht. Ich finde es in Ordnung, wenn ein Gemälde von Warhol, Basquiat oder Rothko so viel kostet wie ein Top-Fußballspieler. Die sind auch teurer geworden. Sicher, das sind unvorstellbare Summen, und es wird an einigen Stellen übertrieben, aber in den Kunstmarkt fließt eben viel neues Geld aus Asien oder den arabischen Ländern.

Gibt es überhaupt einen realen Wert von Kunst?
Wir sprechen bei Bildern über einen Materialwert von ein paar Euro, deswegen ist die Sache immer irrational. Das macht aber auch ihren Zauber aus. Es ist immer eine gesellschaftliche Übereinkunft, dass bestimmte Werke Millionen wert sind – nicht mehr und nicht weniger.

Können auch Normalverdiener Kunstsammler werden?
Einige der schönsten Studien in meiner Sammlung habe ich für 50 Euro auf Ebay ersteigert. Auch die Editionen der Kunstvereine sind interessant. Viele Sammler, die ich kenne, verbringen Nächte auf lottissimo.com, da sind alle 500 Auktionshäuser in Deutschland gelistet, auch die abgelegenen in Pforzheim und Satow, da kann man großartige Sachen finden. Und bei uns gibt es mit „Third Floor“ eine eigene Auktion, auf der ausgewählte Originale bis maximal 3000 Euro versteigert werden. Was man braucht, ist Zeit, Neugier, Begeisterung und Kennerschaft. Geld ist nicht das Entscheidende.

„Geld ist nicht das Entscheidende beim Sammeln von Kunst“.


Was ist mit junger Kunst?
Die ist meist gar nicht so billig. Sobald Akademie-Absolventen von Galerien vertreten werden, kosten deren Arbeiten schnell ein paar Tausend Euro.

Wenn jetzt alle Fotokunst sammeln, sollte man gegen den Trend kaufen?
Immer. Aber man schafft es wahrscheinlich selten, weil natürlich das Gegen-den-Trend-Sein wieder im Trend ist. Aber generell sollte man nie aus rein rationalen oder spekulativen Gründen ein Kunstwerk kaufen. Das geht nach hinten los.

Wie findet man den passenden Rahmen?
Das ist eine Wissenschaft für sich. Gerade bei älteren Werken sind sie oft Ausdruck der jeweiligen Epoche. Furnierholz, Leinen-Passepartouts, feist glänzendes Gold. Da gibt es viel Horror. Manchmal, wenn ich die Werke hier im Büro ausrahme, höre ich förmlich die Erleichterungsjuchzer der Bilder, weil sie endlich wieder atmen können. Umgekehrt kann ein toller alter Rahmen auch die Kraft eines Bildes verstärken. Persönlich bin ich bei schlichten schwarzen Rahmen angelangt. Die wirken wie ein Fond, auf dem sich das Bild entfalten kann.

Anfänger haben oft Scheu, überhaupt eine Galerie oder ein Auktionshaus zu betreten.
Das ist leider auch die Schuld von vielen Kunstexperten, die es lieben, möglichst kompliziert über Kunst zu sprechen. Dadurch ist vielerorts das Gefühl entstanden, Kunst sei ein Tempel, den man erst betreten darf, wenn man ein paar Hauptseminare belegt hat.

Ein Kunstwerk muss heutzutage „spannend“ sein oder, noch besser, „mit Sehgewohnheiten brechen“. Schönheit scheint verpönt.
Ich freue mich wahnsinnig, wenn Kunst schön ist. Allerdings ist das riskant, weil die Stiefschwester namens Kitsch immer nebenan lauert. Es geht bei großer Kunst immer um die Frage, ob sie den Betrachter zu berühren vermag. Und das kann durch Schönheit sein, klar, aber auch durch Verstörung.

Ist es wirklich so schlimm, sich ein Bild zu kaufen, das zur Couch passt?
Die Reaktion „Wow!“ auf ein Kunstwerk ist legitim und zunächst völlig ausreichend als Bewertung. Wenn irgendwann das Sofa nicht mehr zum Bild passt, ist man auf einem guten Weg.

Wenn es nach der Zahl der verkauften Leinwände geht, ist Ikea der größte Kunsthändler der Welt. Ist das Kunst?
Würde man Andy Warhol fragen, würde er vermutlich mit Ja antworten. Und reproduzierbare Kunst wie den Holzdruck gab es schon bei Dürer. Aber nicht alles, was aus der Druckpresse kommt, ist Kunst. Manches bleibt pure Dekoration.

Wo liegt der Unterschied?
Eine wichtige Zeitschrift der 20er-Jahre hieß Kunst und Dekoration, das zeigt, dass man es nicht wirklich so leicht voneinander abgrenzen kann. Bei mir wechselte der Wandbehang irgendwann von Fußball- zu Kunstpostern und später zu echter Kunst. Weil ich etwas haben wollte, das die Hand eines Künstlers berührt hat. Vielleicht ist das der Unterschied zu Ikea, die Werke, die dort verkauft werden, hat kein Künstler mehr in der Hand gehabt. Wer sich das übers Sofa hängen will – bitte. Aber das Schöne ist eben: Es gibt andernorts für den gleichen Preis erstklassige Gemälde und Grafiken zu kaufen, die sogar Kunst sind.

Taugt Kunst als Mittel zum Rückzug von der Welt?
Das Wunderbare an der Kunst ist, dass sie beides ist: Man geht raus, ins Museum oder in Galerien, ist mit Menschen zusammen. So gesehen ist der „Kunstbetrieb“ natürlich sehr öffentlich. Das Gespräch mit dem Bild aber, das ist immer eine intime, sehr persönliche Angelegenheit.

Verändert sie den Betrachter?
Unbedingt. Sie bereichert den Alltag, aber das Leben wird durch sie nicht bequemer.

Das müssen Sie uns erklären.
Kunst stellt die ganze Zeit Fragen, an sich selbst und an den Betrachter. Sie ist immer auch ein Spiegel und deshalb auch manchmal anstrengend. Trotzdem ist ein Leben ohne Kunst für mich nicht vorstellbar. Denn wenn man mit Bildern lebt, will man, dass sie so vielschichtig sind wie man selbst.

Illies' Kunst-Tipps

  1. Jagoda Bednarsky: Die junge polnische Malerin sollte man im Auge behalten.
  2. Nazarener: Sammler aus Hollywood kaufen gerade religiöse Kunst aus dem 19. Jahrhundert. Ein untrügliches Indiz.
  3. Tamina Amadyar: Eine 28-jährige Malerin aus Afghanistan, die mit abstrakter Kunst begeistert!
  4. Günter Fruhtrunk: Der Gestalter der Aldi-Tüte. Liegt preislich unter seiner Bedeutung.

Illie's Kunst-Tipps.


Ende Oktober erscheint "Gerade war der Himmel noch blau" (S. Fischer) mit Texten aus 25 Jahren, die Florian Illies als Feuilletonredakteur über Kunst und Literatur geschrieben hat. Kluge Porträts und feine Analysen. Und wer jetzt Feuer gefangen hat: Vom 29.11 bis 2.12. laufen die nächsten Auktionen bei Grisebach in Berlin.