Frag Frieda: Erben

Was bleibt

Wir planen alles, bis auf den Tod. Über das Lebensende zu sprechen, kommt uns geschmacklos vor. Dabei gehören Testament und Nachlassregelung zum guten Abschiednehmen dazu.

Veröffentlicht am 05.07.2017
Frag Frieda.


Meine Mutter ist schwer krank, ihr Lebensgefährte kümmert sich um sie. Mein Bruder sagt, man müsse jetzt das Testament im Auge haben. Wirklich?

Kennen Sie die Ente, das melancholische Geschöpf aus Wolfgang Erlbruchs Buch „Ente, Tod und Tulpe“? Sie trifft auf den Tod und fragt ihn, was er wolle. Er stellt sich vor, die Ente erschrickt und fragt: „Und jetzt kommst du mich holen?“ Der Tod antwortet: „Ich bin schon in deiner Nähe, solange du lebst – nur für den Fall.“ Sie freunden sich an, reden viel, bis die Ente friedlich einschlafen kann.

Immer wenn uns die Muffe geht, weil wir uns mit Krankheit und Tod konfrontiert sehen, wünschte ich, wir hätten etwas von dieser Entenruhe. Wir sind es gewohnt, wichtige Lebensabschnitte zu gestalten. Manche von uns verbringen Jahre damit, ihre Hochzeit zu planen. Taufen, Geburtstage – kein Fest überlassen wir dem Zufall. Nur das Lebensende, das sparen wir aus. Darüber zu reden kommt uns geschmacklos vor, deshalb zweifeln Sie, ob Sie sich Sorgen ums Testament machen sollten, eher: dürfen.

Dabei gehört eine Nachlassregelung zum guten Abschiednehmen dazu. Ob wir wollen oder nicht – am Erbe messen wir, wie sehr wir geliebt wurden. Die Frage, was bin ich wert, die uns ein Leben lang begleitet, wird plötzlich mit einer Summe X beantwortet. Eigentlich absurd, wir lassen uns trotzdem darauf ein. Fühlen uns benachteiligt, streiten uns, werden gierig. Sämtliche frühkindliche Frustrationen, von denen wir dachten, sie im Griff zu haben, schwappen hoch. Sie sind verunsichert, Ihr Bruder misstrauisch, ein fruchtbarer Boden für Streit.

Erben macht hässlich, wenn wir nicht offen miteinander reden. Und diese Chance haben Sie. Als Schwerkranke wird Ihre Mutter diesen Prozess nicht mehr lenken können. Also sollten Sie das Gespräch suchen über das, was Ihnen lieb und damit teuer ist. Über das, was Sie empfinden. Reden Sie mit allen, auch mit dem Lebensgefährten Ihrer Mutter. Ich bin mit Stiefmüttern und -vätern aufgewachsen und weiß, wie ambivalent die Gefühle gegenüber dem oder der Neuen bleiben. Auch wenn derjenige längst integriert scheint, bleibt die Konkurrenz um Nähe bestehen. Unerträglich die Momente, wenn die Frauen meines Vaters mir etwas über ihn erzählen wollten. Was weißt du schon, dachte ich. Irgendwann habe ich begriffen, dass die Beziehung zwischen Kindern und Eltern exklusiv bleibt, wenn sich beide darum bemühen.

Entsprechend sieht es das Gesetz vor, dass erst ein Lebensgemeinschafts- und Erbvertrag aufgesetzt werden muss, damit der neue (unverheiratete) Partner etwas erbt. Ob Sie das beruhigt? Mich hat die Feststellung erleichtert, dass es mit dem Erbe ist wie mit Dingen im Keller: Wir vermissen sie nicht, brauchen sie also nicht und freuen uns, fallen sie uns zufällig in die Hände. Was ich vielleicht einmal erbe, verliert an Bedeutung, wenn ich mich auf das konzentriere, was ich schon jetzt besitze.

Haben Sie mal überlegt, wie gut situiert Sie sind, weil Sie – davon gehe ich aus – für sich aufkommen können? Wie glücklich Sie sich schätzen können, dass jemand Ihre Mutter pflegt? Wirklich reich aber macht Sie die Chance, den langsamen Abschied Ihrer Mutter nicht als Bedrohung, sondern als Lebensphase wahrzunehmen, die Sie gestalten, die Sie wie Erlbruchs Ente umarmen können. Besser, Sie bemühen sich um die Nähe zu Ihrer Mutter als um ein Stück Papier – das eine bleibt, das andere vergeht.

Wenn Sie ebenfalls ein Thema haben, das Sie umtreibt – mailen Sie an: fragfrieda@myself.de.