Frag Frieda: Geschlechterdebatte

Kann einem Feminismus egal sein?

Kann einem als Frau der Feminismus egal sein? Oder fehlt manchen vielleicht einfach nur die Begeisterung für das Thema? Eines jedenfalls weiß unsere Autorin: Es wäre leichtsinnig, die Geschlechterdebatte nicht zu hinterfragen.

Veröffentlicht am 13.06.2017
Frag Frieda.


Meine Freundin ist neuerdings Feministin, dauernd redet sie darüber und geht auf jede Demo. Bin ich spießig, wenn mir das Thema egal ist?

Im ersten Moment scheinen mir Ihre Worte so verkehrt zu sein wie blau glänzende Dachziegel: Wie kann einem die Frauenbewegung egal sein? Das wäre ja so, als kümmerten einen Kriege nicht, und Umweltschutz wäre eine Frage des Geschmacks. Da fällt mir ein, genau das habe ich behauptet, ist noch nicht lange her. Ich bin neben meinen Halbschwestern die Straße runtergelaufen, an einem Wochenende, das schwesternmäßig famos werden sollte und im Desaster endete.

Ich dachte, wir gehen aus. Ich sah uns drei lachend durch Freiburg laufen, bereit zum fröhlichen Exzess. Von wegen. Unsere Gespräche drehten sich um ökologische Lebensweisen, darin gingen beide auf. Ich nicht. Als ich meine Kippe in den Rinnstein schnippte, belehrte mich meine jüngste Schwester, ob ich eigentlich wisse, wie viele Kubikmeter Trinkwasser ich damit verseucht hätte. Nach zwei Tagen war ich für Atomkraft. Und als ich abreiste, war mir Umweltschutz so egal wie Ihnen der Feminismus.

Natürlich lebe ich umweltbewusst. Und Sie finden es richtig, dass Ihre Freundin für Frauenrechte kämpft. Sonst müssten Sie sich nicht als Spießer abwerten, weil Sie nicht mitlaufen. Nur ist Ihnen die Begeisterung der Freundin fremd. Weil neben ihr alle Frauen, die keine Plakate malen, wie blutleere Streikbrecherinnen wirken. Begeisterte Menschen haben etwas Anziehendes und Ausgrenzendes zugleich, sie zwingen andere zur Stellungnahme; auch eine Geste der Macht. Verständlich, dass Sie behaupten, Feminismus bedeute Ihnen nichts. Sie sind nicht spießig, sondern trotzig, und falls Sie das wirklich ernst meinen sollten: leichtsinnig.

Feminismus sollte Ihnen nicht egal sein. Klar sind wir froh, dass wir wählen und arbeiten können. Dass wir entscheiden dürfen, wie wir leben, wen wir lieben. Ob wir ein Kind bekommen oder nicht. So viele Frauen vor uns haben sich unter riskanten Umständen dafür eingesetzt, dass wir heute so frei sind. Das ist einerseits genial, andererseits verleitet es uns dazu zu glauben: Läuft doch alles.

Aber dann kommt irgendwann der Moment, in dem man kapiert, dass Glück und Erfolg nicht nur eine Frage von Fleiß und selbstsicherem Auftreten sind, sondern auch eine des Geschlechts. Ich habe das erfahren, nachdem ich mich als zweifache Mutter scheiden ließ – von einem Mann, mit dem ich viele Jahre eine gleichberechtigte Ehe geführt habe. Seitdem frage ich mich im Alltag oft: Was wäre, wenn die Geschlechterverhältnisse umgekehrt wären? Ich der Mann, mein Gegenüber eine Frau wäre? Und oft stelle ich fest: Nein, es läuft noch nicht. Auch wenn es heute einfacher ist, eine Feministin zu sein, so habe ich begriffen, dass wir nicht aufhören dürfen, Dinge zu hinterfragen. Gleichberechtigung stellt sich nicht einfach so ein.

Niemand verlangt von Ihnen, dass Sie Vorträge halten oder in Sprechchöre einstimmen. Es ist völlig okay, seine Überzeugungen anders, leiser auszuleben. Es geht darum, aufmerksam zu bleiben. In seinem Roman „Der ewige Spießer“ bezeichnet der Schriftsteller Ödön von Horváth diesen als einen Menschen, der nur sich selbst sieht. Einer kritischen Beobachterin, wie Sie es sind, dürfte das nicht passieren. Lassen Sie sich von Ihrer Freundin nicht in eine Rolle drängen. Prüfen Sie, was Sie als selbstbewusste, starke Frau auszeichnet – eine Haltung ergibt sich dabei automatisch.

Wenn Sie ebenfalls ein Thema haben, das Sie umtreibt – mailen Sie an: fragfrieda@myself.de.