Frag Frieda: Kinderwunsch

Verzichten aus Liebe?

Wenn der Wunsch nach einem zweiten Kind die Beziehung belastet: Die Frau will, der Mann nicht. Sollte sie aus Liebe verzichten? Oder andere Möglichkeiten in Betracht ziehen?

Veröffentlicht am 03.08.2017
Frag Frieda.


Ich wünsche mir ein zweites Kind, mein Mann ist dagegen. Keine Ahnung, wie ich mich entscheiden soll.   

Ich muss an meine Nachbarin denken, eine schöne Frau, besonnen und klug. Sie lebt seit vielen Jahren mit ihrem Freund zusammen, der eine Tochter hat, die er kaum sieht. Deshalb möchte er keine weiteren Kinder. Sie hätte gerne eines bekommen, nun ist sie Anfang 40. Über ihren Verzicht spricht sie selten. Mich macht er so unruhig wie Ihre Frage.

Ich weiß, dass die Entscheidung für oder gegen ein Kind gleich schwer wiegt, egal ob sie das erste, zweite oder dritte betrifft. Sie schreibt Biografien um. Formt Identitäten. Und trotzdem denke ich, dass man nicht bedingungslos für Kinder, aber auch nicht rigoros gegen sie sein kann. „Kinder sind Hoffnungen“, schrieb der Romantiker Novalis. Ich finde, er hat recht.

Diese Hoffnungen sollen Sie nun aufgeben, überraschend, wie es scheint. Sie fragen nach dem Jetzt, als wären Sie eben aufgewacht in der Gegenwart, die nicht mehr Ihren Vorstellungen entspricht. Vielleicht weil Sie vergessen haben, Ihre Wünsche zu teilen, oder Ihr Mann seine Meinung geändert hat. Hadern Sie nicht mit dem Warum, sondern richten Sie den Blick auf sich: Wie fühlen Sie sich als Mutter mit einem Kind an der Hand? Was genau erhoffen Sie sich von den Veränderungen, die ein zweites Kind nach sich ziehen würde? Was würde Ihnen fehlen?

Manchmal haben wir eine überholte Vorstellung von uns als Frau und Mutter, die mit unseren Kindheitserfahrungen verknüpft ist und nicht mehr gelten muss: Wir müssen nicht zwei Kinder bekommen, um sie vor der Einsamkeit eines Einzelkindes zu bewahren, die wir womöglich selbst erlebt haben. Nur ein Kind zu haben bedeutet auch, einander einmalig zu bleiben. Dass ich meine Mutter nie teilen musste, ist mir erst an ihrem 60. Geburtstag aufgefallen. Ein Geschenk, so habe ich es empfunden.

Vielleicht finden Sie aber heraus, dass Ihr Wunsch nach einem weiteren Kind irrational und allumfassend ist. Ich glaube, keiner unserer Wünsche ist so archaisch wie der nach einem Kind, ob wir schon einmal eines geboren haben oder nicht. Frauen, die auf ein Kind verzichten, das sie sich sehnlich wünschen, haben ähnliche Schmerzen wie Frauen, die eines verlieren, hat eine Untersuchung an der Universität Münster gezeigt.

Aushalten können wir die nur, wenn wir freiwillig verzichten, aus Liebe, so wie meine Nachbarin. Oder aus Vernunft. Sie haben die Freiheit zu gehen, sind Sie sich derer bewusst? Nicht allein Ihr Mann entscheidet, ob Sie ein weiteres Kind bekommen, es liegt auch an Ihnen. Ihr Wunsch nach einem zweiten Kind ist nicht weniger egoistisch als der Ihres Mannes, keines mehr zu bekommen.

Ich will Ihnen nicht raten, sich zu trennen, sondern, sich selbst treu zu bleiben. Als eine Frau, die weiß, wie sie leben will und welche Kompromisse sie dafür eingehen kann. Unsere Freiheiten waren nie größer als heute. Wir können uns für eine traditionelle Familie entscheiden, Kinder aber auch allein aufziehen. Wir können uns künstlich befruchten lassen, Eizellen einfrieren, ein Kind adoptieren. Ob und wie wir Eltern werden, steht uns frei.

Die israelische Soziologin Eva Illouz sagt: „Macht euren Kinderwunsch nicht abhängig vom Wunsch nach romantischer Liebe. Wenn ihr Kinder wollt, bekommt sie allein.“ Ziemlich radikal. Ich bewundere sie dafür und sehne mich wie Sie nach der alten Struktur, weil sie Wärme und Geborgenheit verspricht. Aber nicht um den Preis der Selbstaufgabe.  

Wenn Sie ebenfalls ein Thema haben, das Sie umtreibt – mailen Sie an: fragfrieda@myself.de.