Freundschaft im Büro

Kollegin oder Freundin?

In Zeiten von flachen Hierarchien verschwimmt die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem zunehmend. Aus dem befreundeten Kollegen wird die: Frollege. Doch wie hält man die richtige Balance zwischen Geschäft und Gefühl?

Veröffentlicht am 26.02.2017
Drei Frauen umarmen sich.

Kollegin und Freundin – daraus wird die „Frollegin“.


Was gibt es Schöneres, als morgens im Büro vertraute Gesichter zu sehen? Alle sind per Du, viele sind befreundet. Man weiß, wer gerade Single ist oder in einer privaten Krise steckt. In der digitalisierten Arbeitswelt verschwimmen die Grenzen zwischen Job und Privatleben. Das bestätigt auch Dr. Sabine Hommelhoff, die an der Uni Erlangen über Psychologie im Arbeitsleben forscht. Sie hat herausgefunden, dass berufstätige Deutsche im Schnitt drei bis vier Freunde am Arbeitsplatz haben. Mit unseren „Frollegen“ (Freund und Kollege) feilen wir tagsüber an einem Konzept, abends gehen wir zusammen ins Konzert.

Auch die Schauspieler Nora Tschirner und Christian Ulmen sind mehr als bloß Kollegen. Die beiden kennen sich vom Musiksender MTV, heute stehen sie für den Weimarer „Tatort“ vor der Kamera. Sie nennt ihn „Schnuffi“, er erzählt mit gespielter Empörung, sie esse bei ihm zu Hause ständig den Kühlschrank leer – und lobt sie für ihre offene Art, Kritik zu äußern. So unkompliziert ist es leider nicht immer. Die Vertraute, mit der man sich in der Mittagspause austauscht, kann schnell zur Konkurrentin werden. Weil es knirscht, sobald sich Beziehungs- und Sachebene vermischen. Experten wissen, dass Streit unter Freunden die gesamte Teamleistung beeinträchtigen kann. Worauf es in den unterschiedlichen Konstellationen ankommt:

Ich gründe mit meiner Freundin ein Start-up

Eine Firma mit der besten Freundin, das wär’s. Man hat gemeinsame Interessen, Höhen und Tiefen miteinander durchlebt und vertraut sich blind, was kann da schon schiefgehen? „Eine ganze Menge“, sagt Karrierecoach Christine Weiner aus Mannheim. Denn was die Freundschaft vorher ausgezeichnet hat – etwa lange Telefonate und ausführliche Diskussionen –, dafür bleibe im Business keine Zeit. Mit dem neuen Fokus aufs Berufliche müsse man erst einmal klarkommen. Das Wichtigste: eine professionelle Haltung und Neugier auf die Meinung der anderen. „Ich muss damit umgehen können, dass der eigene Standpunkt möglicherweise nicht richtig ist“, sagt Christine Weiner. Sie kennt das selbst, zusammen mit ihrer Freundin Carola Kupfer schreibt sie erfolgreiche Job-Ratgeber. „Wenn wir miteinander arbeiten, geht es um die Sache“, erzählt sie. Falls die Meinungen auseinanderdriften, versuche jede, die Sicht der anderen nachzuvollziehen – nur so könne man sich schließlich einigen. Ihr Rat an Gründerinnen: Trotz Freundschaft so viel wie möglich vertraglich regeln. Denn es könne immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Eben wie in einer Ehe.

Wir arbeiten im selben Job – bei der Konkurrenz

Schon im Kindergarten lernen Jungs, dass Konkurrenz okay ist. Später radeln sie um die Wette oder treten in derselben Branche gegeneinander an – alles ohne negative Gefühle. Unter Frauen ist das eher unüblich. Warum? Weil sie von Freundschaften etwas anderes erwarten: Verbundenheit und Harmonie. Logisch, dass sie sich als direkte Konkurrentinnen erst einmal schwertun. Doch nur weil man um denselben Auftrag kämpft, bedeutet das ja nicht, dass man sich persönlich weniger mag. Im besten Fall übersteht so eine Freundschaft auch harte Belastungsproben – wie bei der Modedesignerin Stella McCartney, die ihre beste Freundin Phoebe Philo als Assistentin zu Chloé geholt hatte. Als diese nach Stella McCartney zur Kreativdirektorin aufstieg, übertrumpfte sie ihre Mentorin und steigerte den Umsatz um 60 Prozent. Kurz darauf wechselte sie auch noch zur Konkurrenz. Heute ist Phoebe Philo Chefdesignerin des Labels Céline – und Stella schwärmt im Time-Magazin: „Sie ist seit über zwanzig Jahren meine beste Freundin und ich bin stolz auf sie.“

Ich werde die Chefin meiner Freundin

Von guten Freunden darf man erwarten, dass sie einem den Aufstieg von ganzem Herzen gönnen. Das stimmt – einerseits. Andererseits geraten Dinge plötzlich in Schieflage, wenn sich Hierarchiestufen verändern. Steigt einer auf, läuft es meistens so ab: Die Beziehung wird distanzierter und die frisch beförderte Chefin nicht mehr gefragt, ob sie mit in die Kantine kommt. Die neue Chefin wird schweigsamer, weil sie nicht mehr alles erzählen darf. Schließlich muss man jetzt auch unangenehme Entscheidungen fällen – und zwar ohne Rücksicht auf Freundschaften. „Das ist mit vielen Fallstricken verbunden“, sagt Christine Weiner. Gerade Frauen neigten dazu, dann zu viel in das Verhalten der anderen hineinzuinterpretieren. „Kritische Punkte daher lieber offen ansprechen und gemeinsam überlegen, wie man damit umgehen möchte.“ Und, ganz wichtig: Regeln finden, wie man Job und Privates trennt. Also Berufliches gerade nicht anschneiden, wenn man abends zusammen in der Bar sitzt. Gibt doch ohnehin spannendere Themen, oder?

Wir wollen dasselbe Projekt

Nein, Frauen sind nicht die besseren Menschen. Aber in einem Punkt sind sie klar im Vorteil. Im Gegensatz zu Männern wollen sie nicht um jeden Preis ihr Gesicht wahren. Gibt es Unsicherheiten, weil man dasselbe Projekt will wie die befreundete Kollegin, sollte man das Gespräch suchen und einen Pakt schmieden: Egal, wie es ausgeht, wir bleiben befreundet. Statt sich gegenseitig zu attackieren, die andere als Komplizin sehen – in Konferenzen genügt oft ein Blick, um sich zu verständigen. Wer allerdings im Unternehmen zu offensiv als Doppelpack auftritt, riskiert, nicht ernst genommen zu werden. Da könne es schnell heißen: Ach, die beiden Mädels. „Da spüren Sie die Abwertung schon an der Wortwahl“, warnt Christine Weiner. Manchmal ist es besser, sich als Einzelkämpferin zu beweisen.

Wenn ich mit der Chefin befreundet bin

Montags plaudern Chefin und Mitarbeiterin übers gemeinsame Skifahren – da gibt es schnell Gerede, deshalb ist Fingerspitzengefühl gefragt. Kontraproduktiv: die Freundschaft verbergen. Neue Kollegen sollte man rasch über die besondere Vertrautheit mit der Vorgesetzten aufklären – indem man nebenbei erwähnt, dass man am Wochenende gemeinsam unterwegs war. Wird man von der befreundeten Chefin befördert, sollte das nicht via Flurfunk durchsickern, sondern zügig in einem Meeting verkündet werden. Mangelnde Offenheit schürt Neid – das isoliert einen im Team. Wird doch mal gestichelt, gelassen bleiben. Und trotz aller Sympathie und Nähe sollte man sich im Klaren darüber sein, dass der Job nach wie vor im Vordergrund steht. Christine Weiner sagt: „Das Private dient dazu, das berufliche Verhältnis zu stabilisieren, nicht andersherum.“ Denn sollte die Freundschaft eines Tages vorbei sein, muss man diskret und professionell bleiben. Funktioniert das nicht, bleibe oft nur, sich einen anderen Job zu suchen – so ähnlich wie nach dem Aus einer Liebesbeziehung.

Eine Freundin hat mich ins Team geholt

Loyalität im Job ist Gold wert, kann aber auch zu Konflikten führen. Besonders wenn man das Gefühl hat, der Freundin zu Dank verpflichtet zu sein, weil sie einem die Stelle verschafft hat. Doch was, wenn sie Entscheidungen fällt oder Dinge tut, die man selbst für falsch hält? Coach Christine Weiner erlebt in ihren Seminaren immer wieder, „dass es die größte Sorge von Frauen ist, eine Kollegin zu verletzen“. Dafür müssen sie nicht einmal befreundet sein. Bei Auseinandersetzungen versuchten die Betroffenen schon im Vorfeld, sich die „Erlaubnis“ einzuholen, im Team eine gegensätzliche Meinung vertreten zu dürfen. Das führt im Extremfall zu absurden Lähmungserscheinungen. Um die Freundschaft zu erhalten, muss dann so viel besprochen werden, dass das den Arbeitsfluss blockiert. Dabei ist eine andere Strategie viel besser: Diversifizieren! Freundinnen woanders platzieren. Das erweitert nebenbei das Netzwerk und man kommt sich im täglichen Business nicht in die Quere.