Finanzexpertin Gabriele Widmann

„Gleichberechtigung heißt, sich um das eigene Geld zu kümmern“

Mutiger werden und die Finanzen endlich in die eigene Hand nehmen: Volkswirtin Gabriele Widmann ist Expertin für Konjunktur, Märkte und Altersvorsorge. Sie weiß, wie man Frauen zu Finanzprofis macht.

Veröffentlicht am 29.03.2017
Finanzexpertin Dr. Gabriele Widmann.

Mit der Frau ist zu rechnen: Dr. Gabriele Widmann.


Frau Widman, mal ehrlich: Sind Frauen wirklich die besseren Anlegerinnen – wie in letzter Zeit immer behauptet wird?
Sie haben im Durchschnitt weniger Geld zur Verfügung als Männer. Deshalb sind sie beim Anlegen vorsichtiger und setzen auf Sicherheit. Wenn eine Frau allerdings ein hohes Vermögen oder Einkommen hat, dann ist ihr Anlageverhalten dem des Mannes recht ähnlich. Je reicher man ist, umso eher ist man bereit, Risiken zu wagen. Das gilt für beide Geschlechter.

Mehr Risiko bedeutet letztlich mehr Gewinn. Sollten Frauen mutiger sein?
Ja. Für sichere Geldanlagen bekommt man heute so gut wie keine Zinsen. Das heißt: Wer weniger Einkommen und Vermögen hat, muss bei der Anlage ein höheres Risiko in Kauf nehmen, damit aus dem Geld dank vernünftiger Rendite ein Finanzpolster werden kann.

Klingt wie eine Einladung zum Bungeespringen ohne Seil.
Mein Motto lautet: Das Risiko breit streuen. Sowohl in Aktien aus verschiedenen Branchen und Weltregionen investieren als auch in unterschiedliche festverzinsliche Wertpapiere. Und da gibt es durchaus ein zuverlässiges Seil: Investmentfonds. Sie liefern die breite Streuung ohne Aufwand für die Anlegerin.

Warum sind Frauen eigentlich so schwer zu begeistern für das Thema? 
Es gibt durchaus welche, die sich ebenso gern mit den Finanzmärkten beschäftigen wie Männer. Wobei beide Geschlechter tendenziell sagen: Ich möchte damit nicht so viel Zeit verbringen und mich nicht täglich um die Einzelwerte in meinem Depot kümmern. Dafür gibt es Fondsmanager. Sie haben den Auftrag, die Titel so auszuwählen, dass ich auf eine möglichst hohe Rendite komme. Bei globalen Aktienfonds sollten das drei bis fünf Prozent sein. Wenn es gut läuft, sogar ein wenig mehr.

In Zeiten von Nullzinspolitik fast zu schön, um wahr zu sein.
Ist aber durchaus realistisch. Wenn ich eine möglichst breite Streuung berücksichtige und den Zeitfaktor. Je früher ich beginne, regelmäßig zu sparen, umso besser sind meine Chancen, ein ansehnliches Vermögen zu bilden. Und wir sprechen hier von 10, 20, 30 Jahren.

Heißt das, mit 50 braucht man gar nicht mehr anzufangen?
Doch, natürlich. Als Faustregel gilt nur: Je später ich anfange, umso größer muss der Betrag sein, den ich zur Seite lege. Wenn Sie morgen beginnen, monatlich 500 Euro in einen breit gestreuten Fonds anzulegen, haben Sie mit Ende 70 ausreichend Geld, um sich einen angenehmen Ruhestand zu finanzieren.

Die Weltwirtschaft macht aber gerade nicht den Eindruck, als sollte man schon mal den Champagner kalt stellen.
Durststrecken gibt es immer. Es geht um die langfristige Anlage. Wenn der Markt schlecht läuft, kann ich bei günstigen Kursen einsteigen. Solange die Weltwirtschaft wächst, werden die Aktienkurse im Trend steigen. Und sie wächst – trotz aller Unsicherheit und Widrigkeiten.

Was empfehlen Sie Frauen, die wegen der Kinder Teilzeit arbeiten oder eine Weile ganz zu Hause bleiben?
Ich würde ihnen sagen: Seht zu, dass ihr Geld anspart – auf euren Namen. Gleichberechtigung bedeutet auch, sich selbst um die eigenen Finanzen zu kümmern. Deshalb sollten Frauen, die ihre Arbeit reduzieren, sagen: Okay, ich stecke zurück, meine Rentenversicherungsansprüche werden jetzt geringer. Umso wichtiger ist es, ein Konto zu haben, auf dem ich mein privates Vermögen anspare.

Aber wenn das Geld eh schon knapp ist, wie soll man da noch was vom Familieneinkommen abknapsen?
Der Trick ist, gleich wenn das Gehalt auf dem Girokonto eingeht, einen Teil für die eigene Altersvorsorge abzubuchen. Albert Schweitzer hat gesagt: „Keine Zukunft vermag gutzumachen, was du in der Gegenwart versäumst.“ Das beschreibt exakt, worauf es ankommt.

Ist Geld sexy?
Es steht zumindest weit oben auf unserer Prioritätenliste.

Wenn das so ist, weshalb wissen wir dann zum Beispiel so wenig über Aktien?
Deutschland ist ein Spezialfall. Hier hat man traditionell mehr Angst vor Wertpapieren. Anders im Ausland: In den USA sind Investmentfonds eine tragende Säule der Altersvorsorge, während man hier sein Geld auf ein Sparbuch legt. Es wäre sinnvoll, dem Thema in der Schule mehr Raum zu geben. Die Überschuldung gerade bei den Zwanzig- bis Dreißigjährigen ist enorm.

Angela Merkel preist die schwäbische Hausfrau als Prototyp des weiblichen Finanzprofis, in Schwellenländern kommen Frauen deutlich leichter an Mikrokredite. Wieso traut man uns Frauen das kleine Einmaleins, aber nicht den großen Wurf zu?
Meine Mutter hat immer gesagt: „Die anderen machen nur das mit mir, was ich mit mir machen lasse.“ Frauen sollten öfter laut „Hier!“ rufen, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen. Das gilt für die eigenen Finanzen wie auch dafür, grundsätzlich etwas zu bewegen, Positionen zu besetzen, wo man Macht hat – und im Zweifel auch ein höheres Einkommen.

Was erwarten Sie für die Zukunft? Werden die Zinsen steigen?
Wir werden wahrscheinlich noch in diesem Jahrzehnt die erste Leitzinserhöhung der Europäischen Zentralbank erleben. Ich tippe auf 2019. Bis wir wieder einigermaßen normale Zinsen bekommen, wird es etwas länger dauern, etwa fünf bis zehn Jahre. Dann wird man auch bei einem Tagesgeldkonto wieder mit zwei oder zweieinhalb Prozent rechnen können.

Und was ist mit der Inflation? Wird die nicht alles wieder auffressen?
Ich hoffe, dass es wieder Inflation gibt. Wir brauchen sie für das normale Wirtschaftsleben. Dafür sind etwa zwei Prozent perfekt. Inflation ist wichtig für unser wirtschaftliches Gefüge und bedeutet ja unter anderem Lohnsteigerungen. Wir brauchen schon deshalb keine Angst vor ihr zu haben, weil die Zentralbanken sie recht gut im Griff haben. Trotzdem frisst die Inflation immer ein bisschen vom Geld weg. Auch deshalb muss man von einer mittel- bis langfristigen Geldanlage mindestens drei Prozent Rendite erwarten.

Wann sollte ich bei einer Anlageberatung hellhörig werden?
Wenn mir ein Berater beim Steuersparen helfen will. Oder wenn mir für eine sichere Anlage eine hohe Rendite versprochen wird. Das gibt es nämlich nicht. Anleger sollten aber auch Vertrauen haben zu den Beratern ihrer Hausbank. Bei einem anspruchsvollen Thema wie Geldanlage ist es wichtig, es mit Menschen zu tun zu haben. Ich lege jedenfalls großen Wert darauf, dass ich vor Ort jemanden habe, der ansprechbar ist.

Gibt es eigentlich etwas, das Frauen bei Finanzen besser machen als Männer?
Frauen haben eine große Stärke: Sie überlegen lange und sorgfältig, entscheiden sich dann für eine Anlage und bleiben dabei. Männer haben ein größeres Unruhepotenzial, schichten häufiger um. Da gilt: „Hin und her macht Taschen leer.“ Hier sind Frauen oft klüger.