Familienbande: GamFratesi

Die Wohnsinnigen

Die Dänin Stine Gam und der Italiener Enrico Fratesi sind derzeit eines der gefragtesten Designerpaare. Die beiden wissen, wie man gut lebt – und liebt.

Veröffentlicht am 07.12.2016
Designerehepaar

Luft, Licht und Liebe: Das Designerehepaar in seinem Atelier in Kopenhagen


Stine Gam, 41

Enrico steckt voller Energie und Taten­drang. Er glaubt daran, dass alles mög­lich ist, reagiert emotional und ist gut darin, einen mitzureißen. Typisch italie­nisch halt. Ich bin eher ruhig und reflek­tierend. Oft kommt es mir so vor, als würden wir an einem Seil ziehen, er nach vorn, ich nach hinten. Dabei versuchen wir in der Arbeit eine kulturelle Balance zu finden: Unsere Produkte sollen Emo­tionen auslösen, aber nicht überwältigen. Als Dänin ist es mir wichtig, dass sie Ruhe ausstrahlen. In Italien spielt sich das Leben ja hauptsächlich draußen ab. Dort werden Räume meist nur von einer einzelnen Glühbirne oder Neonröhren beleuchtet. Ich hingegen finde, dass man mindestens vier verschiedene Lampen braucht, um eine behagliche Stimmung zu schaffen.

Da wir in Kopenhagen von modernem Design umgeben sind, flüchten Enrico und ich regelmäßig in seine Heimatstadt Pesaro, wo alles alt und authentisch ist. Wir pendeln gern zwischen den Welten. Das lässt uns Gewohnheiten überdenken und bringt uns auf neue Ideen. In unse­rem ersten Jahr in Italien haben wir in einem alten Haus gelebt, das Enricos Eltern damals renovierten. Wir hatten viel Platz zum Experimentieren und ha­ben Fahrräder, Stühle und Lampen ge­baut. Mit den Prototypen sind wir zu den Handwerksbetrieben gereist und überall wurden wir offen empfangen. Italiener helfen dir einfach, wenn sie begeistert sind von dem, was du machst. In Däne­mark ist die Unterstützung von Künst­lern organisierter. Wir haben ein staat­lich finanziertes Atelier bekommen – was sehr geholfen hat, uns hier zu etablieren. Wir leben zwar in Dänemark, sprechen aber Italienisch miteinander. Es ist die Sprache, in der wir uns einander am nähsten fühlen.

Unsere Wohnung haben wir familiär eingerichtet. In der Küche steht ein gro­ßer Tisch, an dem wir essen und unser Sohn basteln und malen darf. Kinder sollten Chaos verbreiten dürfen, auch in der Wohnung eines Designer-Ehepaars. Seine Bilder hängt unser Sohn zwischen den Kunstwerken im Wohnzimmer auf. Solche Brüche finde ich schön, denn sie spiegeln das Leben wider. Enrico hat von seinen Eltern gelernt, dass man schöne Dinge nur anschauen darf. Ich finde aber, dass Kinder alles anfassen dürfen, sonst wirkt die Wohnung steif. Sie sollte eine Geschichte erzählen, nur dann fühlt man sich zu Hause. Nichts ist anonymer als eine Einrichtung, die man im Set gekauft hat.

Enrico Fratesi, 37, der Ehemann

Ich finde es ideal, als Paar zusammenzuarbeiten. Weil man absolut ehrlich zueinander sein kann und sich nicht verstellen muss. Mit einem Geschäftspartner wäre es nicht möglich, sich ohne Konsequenzen so intensiv zu streiten, wie wir es manchmal tun. Für uns ist das kein Problem, weil wir wissen, dass wir uns aus tiefstem Herzen lieben. Es gibt keinen Wettbewerb zwischen uns. Stine hat die Gabe, sich ihre Umgebung ganz in Ruhe anzuschauen und dabei Visionen zu entwickeln. Ich hingegen arbeite methodisch und will schnell ein Ergebnis.

Wir haben uns während des Studiums in Italien kennengelernt. Wir mochten uns gleich, weil wir so unterschiedlich sind. Und auch weil wir die Leidenschaft für eine bestimmt Art von Design teilen: Wir lassen uns von den Menschen inspirieren. Unsere Möbel sollen nicht unser Ego reflektieren, sondern das Wohlbefinden fördern. Unser Sofa „Haiku“ zum Beispiel soll einem das Gefühl geben, in den Arm genommen zu werden. Wer sich beschützt fühlt, ist eher bereit, sich anderen zu öffnen. 

In Dänemark, wo man viel Zeit drinnen verbringt, ist es wichtig, sich die Natur ins Haus zu holen, natürliche Farben zu wählen und Materialien wie Wolle, Stein und Holz zu verwenden. In unserer Wohnung steht sogar ein Bucida-Baum, der wenig Sonne braucht. Aber wirklich wohnlich wird es erst mit Gegenständen, die eine Geschichte erzählen. In unserer Küche haben wir Fliesen mit Blumenmustern in die Kachelwand eingearbeitet, die wir in einem alten Palazzo in Italien gefunden haben. Und im Flur steht ein Regal aus dunklem Rosenholz, das Stine von ihrer Großmutter geerbt hat. Wir suchen alles sehr sorgsam aus, aber Stine ist besonders detailversessen. Einmal brachte ich eine Tasse aus dem Urlaub mit und Stine meinte: „Der Henkel ist doch viel zu breit!“ Sie hatte recht. Diese Sensibilität macht auch ihr Talent als Designerin aus. Wenn ich finde, dass ein Produkt fertig ist, sagt Stine oft: „Da fehlt noch was.“ Das bedeutet Extra-Arbeit, aber das ist es uns wert.

Wir beide sind Perfektionisten und wissen: Das Leben kann niemals perfekt sein. Das zeigt uns unser fünfjähriger Sohn Frederik, wenn er sein Spielzeug wieder mal verteilt. Auf unseren teuren Möbeln darf er trotzdem nicht herumturnen. Da bin ich im Unterschied zu Stine sehr streng. Ich möchte, dass er lernt, den Wert von Dingen zu respektieren.

(Protokolle: Aileen Tiedemann)