Geburtstag an Weihnachten

Oh, ein Christkind!

An Weihnachten Geburtstag zu haben, ist sehr besonders. Sehr besonders doof. Unsere Autorin kann davon ein Lied singen.

Veröffentlicht am 21.12.2017
Schreiendes Kleinkind.

Wie es ist, am 25. Dezember Geburtstag zu haben? Sehr doof, findet zumindest unsere Autorin. 


Es war vor ein paar Jahren, als ich mit der Anmut eines keifenden Birthdayzillas meine, in panische Tränen aufgelöste Mutter in das nächstgelegene Waldstück vertrieb und mein Vater nach zwei Stunden gewohnt lakonisch sagte: „Ich geh' mal suchen.“

Was war passiert, eine Schamesröte und die gebrochenen christlichen Gebote 2, 3 und 4 (nicht fluchen, Feiertag heiligen, Vater und Mutter ehren) zuvor? Nun ja, die Hyazinthen fehlten. Und die Primeln. Und. Der. Klee.

Seit 32 Jahren versucht meine Mutter mit Vasenweise Frühlingsblumen auf meinem Geburtstagstisch darüber hinwegzutäuschen, dass der 25. Dezember auf den ersten Weihnachtstag fällt. Der Klimawandel spielt ihr neuerdings in die Hände, denn mit durchschnittlich 15 Grad an den Feiertagen und den Duftströmen der üppigen Hyazinthen-Bouquets könnte man meinen, es sei März. Dazu muss man lediglich (und nur für einen Tag) den Fluglandebahnmäßig blinkenden Christbaum, den Namen des traditionellen Geburtstagskuchens („Schneeflöckchentorte“) und die automatisierte Bing-Crosby-Beschallung ausblenden. Ich hab' Übung, ich kann das.

Vor ein paar Jahren aber, da fehlte das Frühlingsblumen-Ablenkungsmanöver. Meine Mutter nahm an, mit Ende Zwanzig hätte ich das Trauma, am ersten Weihnachtstag geboren zu sein, überwunden. Hatte ich nicht. Deshalb scheuchte ich sie in den Wald.

Es ist wie der dumpfe Schmerz eines in Gips gelegten Ellenbogens, mit dem man ständig irgendwo gegenläuft. Ob ich eine Versicherung abschließe oder einen BH kaufe. Denn spätestens, wenn ich der Dessous-Fachverkäuferin für die Aktivierung der Bonus-Karte mein Geburtsdatum verraten muss, fallen die immer gleichen, unoriginellen Salz-in-die-Wunde-Sätze. Es sind exakt drei, in exakt dieser Reihenfolge:

Zuerst die debile Na-so-was-Floskel: „Oh, na so was, ein Christkind!“ Dann rattert es hinter grübelnden Augenbrauen und eine Prise Mitleid wird über mir ausgestreut: „Doof, da können Sie ja nie richtig feiern, hm?“ Und plötzlich weicht das Schweinchenrosa aus den Pausbacken der Mai- und Augustgeborenen: „Moment, bekommst du etwa immer NUR EIN GESCHENK?!“ (Meine Mutter würde jetzt wagemutig von der Waldlichtung aus rufen: „Geburtstermin war am 26. Dezember! DU wolltest früher raus!“)


Meinen ersten (und einzigen) Kindergeburtstag feierte ich mit neun. Er endete jäh, als ich mich schluchzend in der Speisekammer verbarrikadierte, weil die geladene Grundschulgesellschaft nach zwei Stunden wieder zurück zu ihren Familien mit ihren Braten musste. Um in meinen 18. Geburtstag hinein zu feiern, betete ich, die Christmette möge vor Mitternacht zu Ende sein. In der Bar ließen mich meine vom Glühwein angekaterten Freunde dann bald schon auf den spendierten Alkopops sitzen – ihre Eltern hatten ihnen biblische Strafen angedroht, falls sie für den Besuch bei Omi morgen nicht fit sein würden.

In der Schule wurde nie für mich gesungen, im Büro nie mein Platz mit Girlanden und in der Luft tänzelnden Einhorn-Folienballons geschmückt. Ich wurde erst vier Mal zum Geburtstag geküsst, weil die zugehörigen Männer meist hunderte Kilometer weit weg lebten und die liebe Verwandtschaft sie doch so schlecht entbehren konnte. Ein einziges Mal ließ ich meinen Geburtstag ausfallen, besuchte eine Freundin und ging ins Casino. Und als ich auch das letzte Geburstags-/Taxigeld an den einarmigen Banditen verlor, dachte ich: Es wäre so viel einfacher in einer schwülen Julinacht fünfzehn Kilometer barfuß nachhause zu torkeln, als jetzt mit Stilettos durch meterweise Neuschnee zu waten...

Und nun ist es wieder so weit. Ich werde 32 und habe beschlossen, die Sache dieses Jahr absolut erwachsen anzugehen. Zuerst kommt Jesus, dann komme ich. Das ist OK. Mehr als das, eigentlich. Denn während alle Welt am ersten Weihnachtstag mit Geschenken bepackt durch die Gegend fährt, um Familie und Freunde zu besuchen, bleibe ich einfach zuhause – und öffne alle fünf Minuten die Tür.