Gegen den Überfluss

Zu viel von allem

Sie hat wieder begonnen, die Zeit der Exzesse – und die kann man jetzt ruhigen Gewissens genießen. Unser SOS-Guide hilft allen, die gerne mal über die Stränge schlagen.

Veröffentlicht am 21.12.2017
Pumps gefüllt mit Konfetti


Zu viel gegessen

„Vernunft beim Essen ist für Langweiler!“, rief man vor wenigen Stunden bei Crémant und drittem Hauptgang, bevor man gegen Mitternacht in der Küche auch noch die Reste von Entenbraten und Tiramisu vernichtete. Ächz. Jetzt wälzt man sich im Bett, googelt „Kann man von zu viel Essen sterben?“ und sagt frei nach Kate Moss: Nichts schmeckt so gut, wie sich ein leerer Magen anfühlt. Schon die Kalorienmenge des Familienfrühstücks hätte für zwei Tage und drei Bergwanderungen gereicht. Die Käseplatte am Nachmittag noch gar nicht mit eingerechnet, die französischen Pralinen... Help!

Das hilft: Rumliegen macht den Magen-Darm-Trakt träge und fördert den Rückfluss der Magensäure in die Speiseröhre, ergo Sodbrennen. Das ultimative Heilmittel gegen Überfressung lautet deshalb: sanfte Bewegung. Yoga-Übungen wie der Drehsitz regen die Verdauung an. Der Mannheimer Internist Manfred Singer empfiehlt den Klassiker: spazieren gehen, „in mäßigem bis zügigem Schritt“. Zu intensiv sollte es nicht werden, Joggen würde nur zu Seitenstechen und Sodbrennen führen. Der Forscher fand zudem heraus, dass weder Espresso noch Kräuterschnaps nach schwerem Essen guttun. Alkohol verlangsame die Magen-Darm-Aktivität sogar.

Besser: Wärmflasche auf den Bauch und Kräutertee in kleinen Schlucken trinken (verdauungsfördernde Heilpflanzen sind Pfefferminze, Ingwer, Fenchel, Anis, Kümmel, Kamille und alles, was bitter ist, z. B. Artischocke und Enzian). Die Italie­ner wissen: Natron bindet nach großen Mahlzeiten die Säure im Magen und lässt das Völlegefühl abklingen. Eine Messerspitze pro Wasserglas genügt. Und keine zu radikalen Vorsätze für den nächsten Tag fassen. Spontanfasten führt nämlich zur nächsten Fressattacke.

Zu viel getrunken

Was ist man? Noch Mensch, schon Schwamm? Das eigene biologische Alter beträgt nach einer Handvoll Weihnachtsfeiern gefühlt 79 Jahre. Der Magen ist von Glühwein, Prosecco und Gin Tonic verklebt. Zeit zum Ausruhen? Nichts da. Man hält ihn ja schon in der Hand, den nächsten Drink. Detox geht erst wieder im Januar. Wo fängt noch mal ein Alkoholproblem an? Ach, egal. Hat man auf Klassenfahrt doch auch überstanden. Und jetzt Prost!

Das hilft: Alkohol entzieht dem Körper Wasser, Mineralien, Vitamine. Ein Mainzer Startup hat deshalb einen sogenannten Anti-Kater-Drink auf den Markt gebracht, der Ginkgo, Ingwer, Kaktusfeige, Weidenrinde und Elektrolyte wie Ma­gnesium und Natrium enthält, außerdem Vitamin C, B1, B2, B6 und B12. Selbst gemachtes Ingwerwasser, frisch gepresste Säfte, Kräutertees und eine vitaminreiche Ernährung tun es auch. Morgens stimuliert eine Wechseldusche die Zellregeneration und warm eingepackt zur Arbeit radeln statt U-Bahn fahren ebenfalls. Sauerstoffarme Zimmerluft hin­gegen macht müde und Kopfschmerzen. Also öfter mal vor die Tür gehen oder bei geöffnetem Fenster arbeiten. Oder schlafen.

Maren Schmidt vom Institut für Naturheilkunde in Erfurt sagt, der Körper verbrauche beim Alkoholabbau viel Sauerstoff. Ein Grund für Kopfschmerzen. „Deshalb ist es hilfreich, nach einer Feier bei geöffnetem Fenster zu schlafen.“ Und wer nach jedem Drink brav ein Gläschen stilles Wasser trinkt, vor dem Zubettgehen auch zwei und nach dem Aufstehen wieder eins, leidet deutlich weniger. Um den Mineralstoffverlust auszugleichen, am besten eine Magne­siumtablette darin auflösen.

Sektglas gefüllt mit Luftschlangen.


Zu viel trainiert

Geniale Idee: Vor der Adventszeit prophylaktisch Sport machen. Und zwar exzessiv, sodass man den Körper dann bis Anfang Januar besten Gewissens auf Normalnull runterwirtschaften kann. Dafür presst man einfach das Sportprogramm von einer Woche in einen Tag: 90 Minuten Laufband, danach in die „Advanced Prolonged Spinning Class“ und hinterher Bikram-Yoga. Fühlt sich nach dem Duschen etwa acht Minuten lang an wie Fliegen auf LSD. Dann wie Flugzeugabsturz, nüchtern. Google-Such­begriff: „Kann man in den Fingernägeln Muskelkater haben?“ Ja, kann man.

Das hilft: Sportmediziner empfehlen bei starkem Muskelkater die Einnahme von Basenpulver, da sich durch Sport übersäuerte Muskeln so schneller erholen. Eine Studie amerikanischer Forscher der Universität Vermont ergab außerdem, dass naturbelassener Sauerkirschsaft (ohne Zusätze) durch seine entzündungshemmenden Stoffe zur schnelleren Heilung der Muskelrisse beiträgt. Und der Konsum von frischem oder in Kapseln verpacktem Ingwer, so das Ergebnis einer anderen Studie, mildert Muskelschmerzen um bis zu 25 Prozent.

Ob die Wärme von Sauna oder Badewanne besser wirkt oder Eisbad und Kühlpacks, muss jeder selbst entscheiden. Entgegen landläufiger Meinungen sollte man auch mit Dehnungen und Massagen vorsichtig sein. Sportwissenschaftler Tobias Kasprak erklärt: „Es ist nicht bewiesen, dass das einen Muskelkater verhindert.“ Im Gegenteil. Ein Muskelkater ist ein Warnsignal, der Körper ruft Stopp. Und da­rauf sollte man hören.

Zu viel Instagram

Instagram ist digitales Heroin. Studien beweisen, dass es von allen Social-Media-Kanälen am süchtigsten und unglücklichsten macht. Hier haben es alle immer besser als man selbst, mindestens drei Geschenke mehr, weihnachtliches Surfen in Marokko statt tristen Elternbesuchs in Neukamperfehn und zu allem Überfluss fürs neue Jahr einen Traumjob in Aussicht. Und man selbst? Lebt im Handy, scroll, scroll, scroll, bis einem davon so übel und schwindelig ist wie sonst nur von den Serpentinenpässen in den Alpen. Findet man sich in dieser Verfassung wiederholt und mit kaltem Hintern auf dem Klo wieder, ohne zu wissen, wie lange man da saß, oder verpasst drei Busse in Folge, ist es Zeit für kalten Entzug.

Das hilft: Instagram deinstallieren. Etwa 28 Tage braucht man, um sich Gewohnheiten an- und abzutrainieren. Diese 28 Tage werden hart. Schritt 1: Realisieren, wann und warum man die App überhaupt aufruft. Jeremy Dean, Autor des Buches „Making Habits, Breaking Habits“, erklärt: „Der erste Schritt bei der Verhaltensänderung ist die Analyse des Kontexts: Wann, wo, wie und warum gehst du der schlechten Gewohnheit nach?“

Schritt 2: Für diese Momente eine ­sinnvolle Ersatzbeschäftigung finden. Denn, so Dean, es sei viel einfacher, eine schlechte Gewohnheit gezielt durch eine gute zu ersetzen, als einfach nur kalten Entzug zu praktizieren. Also vorbereitet sein auf Momente der Langeweile und wissen, was dann zu tun ist: Statt Instagram zu öffnen, lieber die Zeitung lesen, die schon ewig rumliegt, aufräumen, bügeln oder endlich „Yoga with Adriene“ anfangen. Alles, was die Hände beschäftigt, ist gut. Sie müssen merken, dass Sie auch noch was anderes können als scrollen. Einfach nur Filme gucken oder auf den Bus warten ist für Fortgeschrittene. Es sei denn, man kettet währenddessen die Hände fest. Oder strickt. Instagram in analog ist aber auch ein lustiges neues Hobby. Es geht so: Normale Menschen auf der Straße beobachten. Sind gar nicht alle dauernd im Urlaub oder Fitnessstudio.

Zu viel geredet

Hassliebe soziale Interaktion! Leider so überlebenswichtig wie gesundheits­gefährdend. Verursacht bei Überdosierung durch Familienfeste, Freundeskreis-Reunionen und Weihnachtsfeiern den sogenannten Sozialkater: zwanghaftes Rekapitulieren von Gesprächsabschnitten am Folgetag, ängstliches Nachgrübeln über das eigene Verhalten, endlose Mutmaßungen über die Interpretationen, Gefühle und Sympathien der anderen. Körperlich äußert sich ein Zuviel an sozialer Interaktion mindestens in Ohrensausen und schwerer Heiserkeit vom vielen Gelaber, oftmals auch in rasendem Puls, hohem Blutdruck, Schweißausbrüchen oder unkontrollierten Aggressionen. Und ganz allgemein: in der Sehnsucht, auf eine einsame Insel ziehen zu wollen.

Das hilft: Einsame Inseln besitzen nur Menschen, die auch eigene Flugzeuge besitzen, mit denen sie ihre einsamen Inseln anfliegen können. Macht aber nichts. Rückzug in die Natur oder in ein eigenes Zimmer tut es auch. Handy ausschalten. Konzen­triertes Ein- und Ausatmen beruhigt schon nach drei Minuten das Nerven­system. Sich daran erinnern, dass kein Mensch auf der Welt jetzt über einen nachdenkt, auch. Die sind alle viel zu beschäftigt damit, ebenfalls über sich selbst nachzudenken.

Gegen Heiserkeit oder eine ausbleibende Stimme hilft schweigen, flüstern bis gar nicht sprechen, Schal tragen und die Stimmbänder schön feucht halten. Kräutertee trinken (Salbei oder Thymian) und ein Dampfbad nehmen. Gegen den Lärm der Welt helfen Ohropax und gegen anhaltende innere Unruhe die Umarmung eines Baumes. Der verurteilt einen nämlich für gar nichts, und seine Klappe hält er auch.