Geheime Online-Bekanntschaft

Der fremde Freund

Fiona und Hinrich lernten sich online kennen und wurden Freunde. Seine Familie weiß nichts von ihr – bis Hinrich stirbt, und Fiona nicht einfach nur eine Bekanntschaft verliert.

Veröffentlicht am 13.01.2017
Mann und Frau sind an getrennten Orten online.

Auch im Internet kann sich eine innige Freundschaft entwickeln.


Fiona ist nervös. In wenigen Stunden wird Hinrich beerdigt. Sie ist sechshundert Kilometer weit gereist, um sich von ihrem Freund zu verabschieden. Im Hotel überlegt sie noch, was sie anziehen soll. Zweifelt, ob sie dort überhaupt ihren Mantel ausziehen wird. Auf der Fahrt zum Friedhof kauft sie Taschentücher, keine Blumen. Fiona möchte auf keinen Fall auffallen.

Ihre Sorge ist unbegründet, die Menschen auf der Trauerfeier stehen bis in die Eingangshalle. Fiona erkennt Hinrichs Familie, seine vier Schwestern, seinen Bruder, einen Kollegen. Keiner sieht Fiona, keiner erkennt sie. Sie ist eine schmale, blasse Frau Mitte dreißig, die sicher irgendwie dazugehört. Fiona schaut in ihre Gesichter, sie wird sie nie wiedersehen, nichts von ihnen erfahren. Der Einzige, der ihr von ihnen erzählt hat, war Hinrich. Und Hinrich ist tot.

Durch Chatten zur Freundschaft

Sein Name begegnet ihr zum ersten Mal im Januar 2014, als Avatar beim Spielen. Sie hat keinen Job, ist müde und niedergeschlagen vom Bewerbungen-Schreiben. Dass ihr Sohn die Schule wechseln muss, weiß sie seit gestern – da entdeckt sie die App „Quizduell“, eine willkommene Ablenkung. Wie 29 Millionen andere Deutsche beginnt sie zu spielen. Per Zufallsprinzip tritt man gegen Fremde an, um dieselben Fragen zu beantworten. Die Kategorien wählen die Gegner abwechselnd. Es gibt eine Chat-Funktion, Fiona benutzt sie kaum. Hinrich schreibt: „Glaube und Religion, Mistkategorie.“ Fiona lacht. Sie spielen.

Bald chatten sie. Auch wenn sie nicht spielen. Sie tauschen sich über den Alltag aus, über Romane, Politik, Jazz. Sie teilen den Blick auf die Welt, sind sich nah. Fiona glaubt, Hinrich sei jünger als sie, dabei ist er 24 Jahre älter. Es spielt nie eine Rolle. Im Mai telefonieren sie zum ersten Mal und beginnen sich Briefe mit Zeitungsausschnitten und CDs zu schicken. Über ihre Partner sprechen sie selten. Hinrich ist verheiratet, Fiona hat einen Freund. Sie beide verbindet eine Freundschaft Plus. Das Plus ist die Seele, nicht der Körper.

Ihr erstes Treffen nach einem halben Jahr fühlt sich an wie ein Wiedersehen. Hinrich hat in der norddeutschen Stadt, in der Fiona lebt, einen Geschäftstermin. Sie erkennt ihn von Weitem, seine langen Schritte. Er ist es einfach, als müsste sie sich nur an etwas erinnern, das weit zurückliegt. „Wie seid ihr verwandt?“, fragt ein Kollege von Hinrich, der ihn begleitet. Sie wirken vertraut und sind erleichtert, dass der andere so ist, wie man es sich erhofft hatte.

Mit Hinrich ist alles leichter

Sie schreiben sich jetzt meistens montags. Gegen Fionas Blues. Ihr Sohn bricht zur Schule auf und sie bleibt zurück, weil sie keinen Job hat. Unterrichte doch Deutsch, schlägt Hinrich vor. Fiona ist unentschlossen und einsam, von ihrem Freund hat sie sich getrennt. Ohne dass Hinrich es weiß, hat er dazu beigetragen – weil er ihr so nah ist wie sonst niemand. So, wie sie es sich wünscht von einem Lebensgefährten. Und, nein, sie will nicht mit Hinrich zusammen sein, auch wenn sie sich das für Momente vorgestellt hat. Manchmal wacht sie auf und denkt: Es gibt ja Hinrich. Ein Gedanke, der alle Alltagssorgen leichter macht.

Einen Sommer später treffen sie sich in München, jeder von einer Reise kommend. Sie trinken Bier, essen, reden, schweigen, auch das können sie. Es ist das letzte Mal, dass sie sich wirklich begegnen. Wieder zu Hause, telefonieren sie. Zuletzt im Januar 2016, als ihm Fiona von Dirk erzählt, den sie kennengelernt hat. Hinrich fragt, was sie an ihm schätzt. Fiona meint, bei ihm so etwas wie Eifersucht zu spüren. Vielleicht hat sie sich danach gesehnt. Vielleicht, denkt sie heute, wollte sie Hinrich auch sagen: Schau mal, es gibt auch in meinem realen Leben Menschen, die sich für mich interessieren. Drei Tage später ist Fiona bei einer Freundin eingeladen und lernt dort eine Journalistin kennen, die über gut ausgebildete, alleinerziehende Mütter schreiben will. Fiona hat Prosecco getrunken, etwas mutiger als sonst stimmt sie zu mitzumachen. Auf dem Heimweg schreibt sie Hinrich eine lange Nachricht, sie ist aufgekratzt. Dass er am nächsten Morgen nicht antwortet, ist merkwürdig, aber Fiona ist nun beschäftigt, ein Interview zu geben, das in einer überregionalen Zeitung erscheinen wird, mit Foto. Normalerweise hätte sie ihm den Beitrag geschickt, aber Hinrich schweigt und Fiona wird unruhig.

Die fremde Freundin

Nach einer Woche ist sie so besorgt, dass sie kaum schlafen kann. Etwas muss passiert sein. Fiona fragt sich, ob sie ein Recht darauf hat, es zu erfahren. Und vor allem: von wem? Schließlich ruft sie Hinrichs Kollegen an, den sie bei ihrem ersten Treffen kennengelernt hat. Seine Nummer steht auf der Website der Firma. „Fiona“, sagt der Mann, „Hinrich hatte eine Gehirnblutung. Jetzt liegt er im Koma.“ Hinrich lebt, immerhin. Der Kollege nimmt sie in den Verteiler des Newsletters auf, in dem er von Hinrichs Gesundheitszustand berichtet. Sie hat das Leben ihres Freundes nun abonniert. Er fände das sicher lustig, daran hält sie sich im Kummer fest.

Drei mögliche Arbeitgeber melden sich bei Fiona, sie haben das Interview in der Zeitung gelesen. Absurd, denkt Fiona, plötzlich bin ich gefragt, könnte ich das nur Hinrich erzählen. Sie entscheidet sich zu unterrichten, Deutsch als Fremdsprache, wie der schlafende Freund es ihr vorgeschlagen hat. Er fehlt ihr. Sie möchte ihn besuchen, überwindet sich und ruft seine Lieblingsschwester an. Sagt, dass sie eine Brieffreundin sei, erklärt auf Nachfrage, dass sie Hinrich bei einem Online-Spiel kennengelernt habe. Die Schwester scheint zu verstehen. Am nächsten Tag eine SMS: Die Familie wolle keine Fremde an Hinrichs Bett.

Eine Fremde? Fiona ist enttäuscht und traurig. Wenig später liest sie im Newsletter, dass Hinrich bald nach Hause kommt. Dort, weiß sie, kann sie ihn sicher nicht besuchen. Sie ringt mit sich. Hat Angst, ihn nie wiederzusehen. Angst, bei einem Besuch zur Rede gestellt zu werden. Und dann fährt sie in die kleine Klinik nach Süddeutschland, sitzt an seinem Bett und Hinrich blinzelt. Erkennt er sie? Oder fragt er sich: Ist sie wirklich hier? Fiona weiß es nicht und ist froh, ihm nahe zu sein. Womöglich ein letztes Mal, wer weiß das schon.

Reale Erinnerungen

Der Montag hat für Fiona inzwischen seine Schwere verloren. Weil sie eine Arbeit hat und einen neuen Freund, Dirk. Da kommt die Todesnachricht. Hinrich wird ihr nie mehr schreiben und ihr ist, als hätte er sich schlafend aus ihrer Freundschaft geschlichen, als würde er nicht mehr gebraucht. Mag die Nähe auch virtuell gewesen sein, die Erinnerung soll real sein, beschließt sie, und lässt ihren Chat drucken. Drei Bücher, darin geteilter Alltag in grünen und weißen Sprechblasen.

Ob sie seine einzige Brieffreundin war, denkt Fiona während der Trauerfeier. Ob diese Freundschaft über zwei Jahre möglich gewesen wäre, wenn sie in derselben Stadt gewohnt hätten? Sie findet keine Antworten. Hinrich hat sie in einer schwierigen Phase gestützt und ist gegangen, als sich ihr Leben zum Guten wendete.

Die Sonne scheint, und wer mag, ist noch in ein Lokal eingeladen. Jemand reicht ihr die Hand, Hinrichs Kollege. Fiona dankt, sieht die Neugier in seinem Gesicht – und fährt zum Bahnhof. Zu groß ist ihre Angst, sich erklären, ihre Freundschaft preisgeben zu müssen. Was Hinrich dazu gesagt hätte? Eine Frage, die jetzt zu ihrem Leben gehört.