Gesundheit

Abwarten ist die beste Medizin

Ausgerechnet zwei Mediziner kritisieren, dass wir zu oft zum Arzt gehen. Stattdessen empfehlen Sie, dem eigenen Körper zu vertrauen und mehr Geduld mit sich selbst zu haben.

Veröffentlicht am 29.05.2017
Frau liegt krank im Bett.

Abwarten, oder lieber gleich zum Arzt?


Ein Kratzen im Hals, Schmerzen im Rücken, ein Grummeln im Bauch … man googelt die Beschwerden, stößt auf beunruhigende Diagnosen und fühlt sich, zack, todkrank. Besser gleich mal zum Arzt. Und so sitzen an einem Montag neun Millionen Menschen in Deutschland in Wartezimmern, darunter übrigens sehr viele Frauen. In den durchschnittlich acht Minuten, die sich der Arzt nimmt, wird dann oft ein fataler Prozess in Gang gesetzt. Der Mediziner verschreibt Antibiotika gegen die Erkältung, lässt den Rücken röntgen und sucht bei kerngesunden Menschen nach Krebs. Dabei wäre es bei vielen Beschwerden besser, erst einmal nichts zu tun und abzuwarten. Das zeigen zahlreiche Studien und Initiativen von Wissenschaftlern, die vor allem aus den USA kommen. Auch in Deutschland kritisieren Ärzte zunehmend unsinnige Behandlungen und plädieren für mehr Zurückhaltung.

Patienten erwarten Medikamente

Beispiel Antibiotika: Sie wirken bekanntermaßen ausschließlich gegen Bakterien – aber nicht gegen Viren, die meistens für Husten und Schnupfen verantwortlich sind. Wer die Mittel bei einer Erkältung schluckt, hat nicht nur keinerlei Nutzen, sondern riskiert auch noch Nebenwirkungen. Trotzdem, so ergab eine Forsa-Umfrage, erwarten drei Viertel der Patienten von ihrem Arzt, dass ein viraler Infekt mit Antibiotika bekämpft wird. Und die Ärzte? Beugen sich dem Erwartungsdruck und verschreiben die Medikamente – gegen besseres Wissen.

Auch bei akuten Rückenschmerzen ist ein Eingreifen zunächst überflüssig, trotzdem werden die Leute sofort zur MRT, CT oder zum Röntgen geschickt. Allein 2015 wurden sechs Millionen Aufnahmen der Wirbelsäule gemacht, schreibt die Bertelsmann Stiftung in ihrem „Faktencheck Rücken“. Klar, denn 60 Prozent der Patienten gehen davon aus, dass bei Kreuzschmerzen schnellstmöglich geröntgt oder eine Untersuchung in der Röhre veranlasst wird. Es muss ja etwas geschehen! Zwei Drittel glauben, dass der Arzt mithilfe der bildgebenden Verfahren die Ursache der Schmerzen schnell und zuverlässig finden kann. Der findet oft tatsächlich etwas, allerdings nicht das, wonach er gesucht hat. Auch wenn man gesunde Menschen durchleuchtet, entdeckt man häufig Auffälligkeiten. Zum Beispiel Abnutzungserscheinungen, die schon junge Menschen haben, ohne jeglichen Krankheitswert. Die (vermeintliche) Ursache ist gefunden – oft die Bandscheibe. Das zieht weitere unnötige Untersuchungen, Praxisbesuche und Behandlungen nach sich: Herzlich willkommen in der Medizinmaschinerie. Dabei wäre Warten viel sinnvoller. Einige Studien zeigen, dass bei fast 90 Prozent der Betroffenen akute Kreuzschmerzen innerhalb von sechs Wochen von allein verschwinden.

Vorsorgeuntersuchungen sind nicht immer sinnvoll

Selbst die Krebsvorsorge (oder besser: Krebsfrüherkennung) ist nicht unbedingt sinnvoll. Natürlich sind die Ängste nachvollziehbar und das Prinzip klingt ja auch logisch: Krebs so früh zu entdecken, dass man ihn entfernen kann, bevor er lebensbedrohlich wird. Leider ist es nicht ganz so einfach. Diese Check-ups können schwerwiegende Folgen haben, sogenannte falsch-positive Befunde. Sprich, es wird eine Krebserkrankung diagnostiziert, die gar nicht vorhanden ist, aber Untersuchungen nach sich zieht, die belastend sein können. Oder es wird ein Tumor gefunden, der tatsächlich irgendwo schlummert, der aber nie Probleme bereitet hätte. Ein Tumor, mit dem und nicht an dem man gestorben wäre.

Die Früherkennung kann aus völlig gesunden Menschen kranke machen. Das ist gerade Frauen oft nicht bewusst; sie halten die Untersuchung für eine Routinekontrolle, die nicht schadet und schon gut ausgehen wird. Wird sie auch noch vom Arzt empfohlen wie das Mammografie-Screening, fällt es schwer, sich dagegen zu entscheiden. Wichtig dabei ist, sich klarzumachen, inwieweit die Früherkennung zuverlässig hilft, Leben zu retten. Beim Brustkrebs-Screening bedeutet das: Von 2000 Frauen, die innerhalb von zehn Jahren regelmäßig zur Mammografie gehen, stirbt eine Frau weniger an Brustkrebs. Gleichzeitig aber werden zehn Frauen gegen Krebs behandelt, ohne dass sie davon profitieren. Womöglich müssen sie mit Nebenwirkungen oder Komplikationen einer Therapie leben, obwohl ihnen diese Krankheit nie Probleme bereitet hätte. Und bei 200 Frauen, also zehn Prozent, wirdfalscher Alarm ausgelöst, der sich zwar irgendwann aufklärt, die Betroffenen aber oft lange Zeit psychisch belastet.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Es ist nicht auszuschließen, dass ein Mammografie-Screening einem das Leben rettet – allerdings sind, wenn man alle Studienberücksichtigt, schwerwiegende Folgen wahrscheinlicher. Es ist also nicht immer das Beste, etwas für seine Gesundheit tun zu wollen.

Neun von Zehn Beschwerden verschwinden von selbst

Viele Ärzte haben mehr Gründe, etwas zu unternehmen, als es zu lassen. Finanzielle Vorteile etwa (Röntgen bringt mehr Honorar als ein Gespräch), Bequemlichkeit (ein Medikament verschreiben vermeidet Diskussionen) oder auch aus Selbstschutz (man könnte ja doch etwas übersehen und dann droht eine Klage). Außerdem sollte man sich bewusst sein, dass in der Medizin jede diagnostische und therapeutische Maßnahme potenziell schädlich sein kann. Nur um Missverständnisse zu vermeiden: Es gibt selbstverständlich gute Gründe, zum Arzt zu gehen. Meist könnte man aber ruhig mal dem Körper das Feld überlassen – er erledigt seinen Job ziemlich gut. Experten schätzen: 90 Prozent der Beschwerden, die der Grund für einen Arztbesuch sind, verschwinden von selbst. Das sollte uns Mut machen, die nächste Erkältung einfach durchzustehen und dem Rücken Zeit zu geben, bis man wieder schmerzfrei ist. Weil Geduld oft das beste Medikament ist.

Kritisch ist gesünder

Folgende Aspekte sollten Sie beachten, bevor Sie einen Arzt aufsuchen:

1. Wann zum Arzt? 

Wer sich große Sorgen macht, sollte in die Sprechstunde. Vor allem ungewöhnliche, extreme und plötzliche Symptome abklären lassen – und Beschwerden, die schlimmer bzw. nicht besser werden.

2. Vorsicht vor Dr. Google 

Symptome zu googeln schafft nur Unsicherheit. Besser: Wenn ein Arzt eine Diagnose gestellt hat, kann man dazu gezielt Infos bei seriösen Anbietern einholen, etwa unter gesundheitsinformation.de.

3. Fragen stellen 

Eine Diagnose sollte man sich genau erklären lassen inklusive Ursachen. Den Arzt offen fragen, was passiert, wenn man sich nicht behandeln lässt. Nachhaken, wenn eine Therapie oder Untersuchung vorgeschlagen wird: Zahlt die Kasse? Welche Alternatven gibt es?

4. Sich weder drängen …

Will ich diese Untersuchung? Ruhig eine Nacht drüber schlafen.

5. … noch blenden lassen

Je neuer und teurer, umso wirksamer? Nein. Bewährte und günstige Medikamente (sogenannte Generika) sind nicht schlechter.