Ghosting

„Ich kam nach Hause und mein Mann war weg“

Wie fühlt es sich an, wenn jemand nach zwölf Jahren Ehe ohne ein Wort verschwindet? Wie ein Dieb, der sich aus dem gemeinsamen Leben schleicht. Eine Frau erzählt.

Ein Tisch mit umgekipptem Stuhl.

Wenn der Mann ohne jedes Wort die Scheidung einreicht.


An einem verregneten Nachmittag saß ich mit meinen Freundinnen zusammen. Wir lästerten ein bisschen über unsere Männer, da sagte Maria: „Stellt euch vor, Paul joggt neuerdings jeden Tag und hat sich Retro-Slips zugelegt.“ Sie wirkte stolz auf ihr Talent, dem eigenen Mann ein neues Styling zu verpassen. Wenig später zog Paul mit einer 28-jährigen Kollegin zusammen. Gott, dachte ich damals, wie kann man nur so blind sein! Da verwandelt sich der Mann mit über 50 vom Couch-Potato in einen Sportfreak und Maria wollte einfach nicht wahrhaben, was da vor sich ging. Seltsam, bei anderen spürte ich genau, wenn sie sich etwas vormachten, blickte mühelos hinter die Fassaden. Aber bemerkte nicht, dass ich selbst die Augen vor der Realität verschloss.

Die wachsende Leere

Kurz darauf entdeckte ich im Auto meines Mannes ein langes, blondes Haar auf dem Beifahrersitz. Ich sprach ihn darauf an, Robert sagte, er hätte eine Kundin mitgenommen. Seltsam, er fährt doch nie Kunden spazieren, dachte ich und drückte alle Zweifel weg. Sie landeten irgendwo im Unbewussten, dort, wo sich alles ansammelt, was wir nicht sehen wollen, weil es uns erschrecken könnte. Robert und ich, das war für mich fest und unverrückbar. Das war Geborgenheit, Verlässlichkeit, mein erstes wirkliches Zuhause. Zwölf Jahre Ehe, alles war da, wo es hingehörte, so gewohnt, so vertraut, so bequem. Wir hatten einen alten Bauernhof bei Hamburg gemietet und viel Zeit und Geld investiert, um das Haus nach unserem Geschmack zu gestalten. Unser Alltag war eingespielt wie eine oft gehörte Langspielplatte. Ich arbeitete freiberuflich als Reitlehrerin, Robert ackerte sechs Tage die Woche. Er ist Ingenieur, hat fünf Mitarbeiter. Eine Firma frisst eben Zeit, dachte ich. Dass wir kaum noch miteinander schliefen, beunruhigte mich nicht. Ich kannte etliche Langzeit-Paare, die ohne Sex glücklich sind. Zärtlichkeiten vermisste ich dagegen schon, auch gute Gespräche fanden eigentlich nie statt. Robert ist eben kein emotionaler Typ, sagte ich mir. Jahrelang lullte ich mich mit solchen Beruhigungssätzen ein. Ein seltsamer Zustand, fast wie narkotisiert. Ich sah, dass da was auseinanderlief, und sah es nicht. Ich spürte die wachsende Leere zwischen uns – und spürte sie nicht. „Wir erleben nichts mehr miteinander. Willst du ewig so weitermachen?“, fragte ich Robert in einem klaren Moment. „Ja“, sagte er. Und es ging weiter. Haargenau eine Woche. Bis zu diesem Tag vor sieben Jahren, als mein Leben komplett auseinanderflog.

Alles war weg

Ich kam vom Reitstall nach Hause, die beiden Sportwagen von Robert – weg. Ich schloss die Haustür auf. Seltsam, im Arbeitszimmer hing ein Kabel runter. Sein Computer war verschwunden. Ein Einbruch? Aufgeregt lief ich durchs Haus. Nichts fehlte. Nur seine Klamotten. Jacken, Hemden, Schuhe, alles weg, bis auf die letzte Socke. Ich stand da wie paralysiert. Er ist entführt worden, dachte ich. Ich rief ihn an. Keine Reaktion. Äh, Moment mal, nehmen Entführer wirklich alle Socken mit? Und überhaupt, Robert war doch bei der Arbeit. Langsam dämmerte mir, dass er gegangen sein musste. Dass er, womöglich mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen, seinen Computer ausstöpselte und seine Klamotten zusammenpackte, schließlich in seinen Sportwagen stieg und davonbrauste und dass jemand anders in das zweite Auto stieg und hinter ihm herfuhr. Wer? Warum?

Tagelang fühlte ich mich wie in einem Film, dessen Drehbuch ich nicht kannte. Ich dachte: Gleich geht die Tür auf und der Spuk ist vorbei. Zwei Wochen später rief er an. Sagte, dass er keine Basis mehr für uns sähe. „Können wir reden?“, fragte ich. „Nein“, sagte er und legte auf. Ich brach zusammen. Mein Mann stiehlt sich wie ein Dieb aus unserem Leben und lässt mich mit tausend Fragen allein. Ist zu feige, mir in die Augen zu sehen, oder, schlimmer, hält es gar nicht erst für nötig, sich zu erklären. Türmt genau zu dem Zeitpunkt, als uns eine satte Mieterhöhung ins Haus steht. Und plante seinen Auszug wahrscheinlich von langer Hand, legte ihn so, dass ich garantiert beim Reitunterricht war.

Wusste noch jemand davon? Dieser Mann, dem ich vertraut hatte, wurde erst zu einem diffusen grauen Schatten, dann zu einem riesengroßen Fragezeichen, das alle Gewissheiten, Lebenskonzepte und diese ganze verdammte Liebe in tausend Stücke schredderte. Erst kam die Fassungslosigkeit, dann die Wut und schließlich die Depression. Ich dachte: Mein Leben ist vorbei, der Mann weg, ich muss raus aus dem Haus, kann die Miete nicht allein zahlen, hab mich finanziell abhängig gemacht von diesem Kerl, wie blöd kann man nur sein ... Abends trank ich Rotwein, bis ich nichts mehr spürte. Ich wollte Schluss machen, aber mir fehlte der Mut, von der nächsten Brücke zu springen. Ich saugte Trennungsgeschichten auf, die mir Freundinnen erzählten, dieses Ich-geh-mal-eben-Zigaretten-holen-Klischee, Männer, die Konflikten aus dem Weg gingen und sich irgendwann aus heiterem Himmel verabschiedeten. Aus heiterem Himmel?

Angst vor dem Alleinsein

Eigentlich, das wurde mir in den folgenden Wochen klar, hätte ich mich längst von ihm trennen müssen. Was hatte mich daran gehindert? Eine übermächtige Angst vor dem Alleinsein. Ich fühlte mich hoffnungs- und hilflos. Erst Wochen später, bei einer Therapeutin, gelang es mir, diese Trennung zu verarbeiten. Ich fand heraus, dass mich dieses umfassende Verlassenheitsgefühl schmerzlich an meine Kindheit erinnerte. Als ich fünf war, hatte mein Vater die Familie im Stich gelassen. Ich sah ihn nicht mehr, verstand nichts. Auch mein erster Mann trennte sich sehr plötzlich von mir, kurz nachdem wir geheiratet hatten. „Kann es sein, dass Sie sich unbewusst Männer suchen, die Sie nach demselben Muster verletzen wie Ihr Vater?“, fragte meine Therapeutin. Bindungsfähigkeit, erklärte sie mir, lernen wir in der Kindheit. Und genau das Maß an Nähe oder Distanz, das wir zu unseren Eltern haben, übertragen wir später unbewusst auf unsere Partnerschaft. Sprich: Ohne es zu wollen, wähle ich bindungsängstliche Männer, weil ich selbst echte Nähe nur schwer leben kann. Klingt plausibel, die Beziehung zu Robert war nie von emotionaler Intensität geprägt. Wir lebten nebeneinanderher, zugleich wirkten wir harmonisch und vertraut. Weil wir uns eine Zeitlang das geben konnten, was wir brauchten. Geschwisterliche Nähe, Verlässlichkeit, ein Zuhause. Später, als er seine Autos hatte und ich meine Pferde, hielt uns nur noch die Gewohnheit zusammen. Irgendwann war das zu wenig. Er suchte nach einem Hinterausgang. Und ich sah weg.

Jetzt wird gelebt

Wochen später lagen die Scheidungspapiere in meinem Briefkasten. Ich rief Robert an. Nichts. Die Psychologin riet: „Stellen Sie sich vor, Ihr Mann lebt jetzt in Amerika.“ Doch das funktionierte nicht, bei uns kennt jeder jeden. Robert war in den nächsten Ort gezogen, mit seiner neuen Freundin Lara, einer 14 Jahre jüngeren Rechtsanwältin. Lara hat zwei Pferde, ich sehe sie öfter im Reitstall. Anfangs war das der blanke Horror, inzwischen wechseln wir auch ein paar Worte. Ich bin ihr nicht böse. Er hat mich hintergangen, nicht sie.

Ohnehin habe ich die Kurve gekriegt. Ich arbeite mehr und kann gut davon leben. Ein Jahr nach Roberts Flucht verliebte ich mich in Michael, einen Jugendfreund. Vier Jahre jünger als ich, wild, freiheitssüchtig, lange Haare, eigentlich genau der Typ, mit dem man eine Affäre hat und keine richtige Beziehung. Egal. Viel zu lang habe ich mich an das „Für immer“ geklammert und dabei das Hier und Jetzt vergessen. Manchmal denke ich noch an Robert – und freue mich, dass ich Michael kenne. Zwischen uns gibt es kein Schweigen und keine Feigheit. Da wird diskutiert, da wird gestritten, da wird gelebt. Endlich.

Protokoll: Susanne Schäfer


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