Umgang mit schwierigen Menschen

Die Hölle, das sind die anderen

Jeder kennt sie: Menschen, die einfach kompliziert sind. Die sofort einen Streit vom Zaun brechen, weil sie sich immer angegriffen fühlen. Eine Kommunikations-Expertin weiß, wie man mit ihnen am besten zurechtkommt.

Veröffentlicht am 26.11.2016
Streit unter Wasser


Ich wohne in Hamburg-Eppendorf, wo es sehr viele Autos, aber keine Parkplätze gibt. Kürzlich beobachtete ich eine Frau, die ihren SUV brutal in eine viel zu kleine Lücke presste. Es splitterte und krachte, sie stieg ungerührt aus. Als sie meinen fassungslosen Blick sah, meinte sie: „Was glotzen Sie denn so? Die Franzosen parken genauso“, und ging. Es blieb mir nichts anderes übrig, als die Polizei zu rufen.

Meine Mutter sagt in solchen Fällen: „Wozu sich darüber aufregen? Die sind mit sich selbst genug gestraft.“ Ich liebe diesen Satz, weil er wahr ist und sehr tröstlich. Natürlich hilft er nicht immer, aber man sollte ihn im Kopf behalten. Denn in unser aller Leben gibt es Menschen, deren Verhalten wir absurd oder schrecklich finden oder die sich auf einem Riesenscherbenhaufen am wohlsten fühlen.

Heftige Gefühle und kein Notausgang

Die Hölle, das sind die anderen, das wusste schon Jean-Paul Sartre. Und die behandelt man am besten wie ein Naturphänomen, rät Karen Zoller: Bei Regen sei es ja auch schlauer, einen Schirm aufzuspannen, als sich sinnlos über das Wetter aufzuregen. Die Diplompsychologin aus Hamburg hat ein kluges Buch über „Schwierige Mitmenschen“ (Rowohlt) geschrieben. In ihren Workshops stellte sie immer wieder fest, dass diese Spezies oft im Zentrum von Konflikten steht. Gleichzeitig verfüge kaum jemand über souveräne Strategien, um damit umzugehen. Kurzum: heftige Gefühle und kein Notausgang.

Hin und wieder eine Stinkstiefelbegegnung, die den Adrenalinspiegel kurz nach oben jagt, wäre kein Problem. Kompliziert wird die Sache, wenn schwierige Menschen fester Bestandteil unseres Lebens sind. Weil sie einem überall begegnen, in der Familie, im Büro, in der Nachbarschaft. Und weil man selbst manchmal das Gefühl hat, einen Parcours absolvieren zu müssen, nur um mit Empfindlichkeiten, Spleens und Marotten umzugehen. Das können harmlose Macken sein wie die meines Mannes. Es macht ihn wahnsinnig, wenn Leute, die er mag, Autos fahren, die er unterirdisch findet. Es können so sinnlose Macken sein wie die einer Kollegin, die eigentlich einen Mann sucht, aber kürzlich mit einem sehr netten Menschen Schluss machte, weil er statt „das Haus meines Onkels“ „von meinem Onkel das Haus“ gesagt hat. Der Genitiv sei ihr eben wichtig, davon weiche sie nicht ab. Darüber kann man wenigstens noch lachen. Anders als über die Kollegin, die bei Lappalien sofort ausfallend wird. Oder über die Bekannte, die schon bei Kleinigkeiten beleidigt reagiert.

KKS: Kurz, Knapp, Sachlich

Sinnlos, verhärmt, paranoid – „mit schwierigen Menschen bewegen wir uns schnell im Extrem“, sagt Karen Zoller. „Wir verwenden solche Adjektive beim Nachdenken und im Gespräch mit oder über den Gegner.“ Distanz sei das beste Gegenmittel. Wenn das nicht möglich sei, so die Psychologin, helfe die Formel KKS – kurz, knapp und sachlich bleiben. Oder man macht es wie meine Freundin. Nach einem aufreibenden Gespräch mit dem pingeligen Beamten der Baubehörde verabschiedete sie sich mit dem Satz: „Ich bin froh, dass mein Bauantrag bei Ihnen in sorgfältigen Händen ist.“ Drei Tage später war er genehmigt. Der Trick: einfach komplett anders reagieren, als es das Gegenüber erwartet. Ruhe bewahren und sich in „imaginäres Cashmere“ wickeln, wie meine Freundin es nennt. Die Strategie hat sich im Übrigen auch bei Teenagern sehr bewährt. Ausrasten, weil das Jugendzimmer eine Müllhalde ist? Im Gegenteil, lächelnd den eigenen Müll auf die Halde des Teenagers legen.

„Schwierige Menschen machen uns zu Wesen, die wir nicht sein wollen: zickig, pedantisch, wütend“, so Karen Zoller. Zu wissen, wo die eigenen Möglichkeiten und Grenzen liegen, verhindert, dass man zum Spielball fremder Kräfte wird. Aber auch ein bisschen Demut schadet nicht. Sich fragen: Wo liegt mein Anteil? Wo bin ich selbst ein bisschen komisch? Wie so oft macht es auch hier der Mix. Wir beeinflussen uns in unserem Verhalten gegenseitig, nicht immer lassen sich Aktion und Reaktion klar voneinander trennen. Wer nervt mehr – die Lehrerin, die das Kind nicht versetzen will, oder die Helikopter-Mama, die Druck bei der Schulleitung macht? Die Superpünktliche oder die chronisch Verspätete?

Wir alle sind permanent im Stressmodus, haben Termin- und Erfolgsdruck.  Das führt zu einer Haltung, die Karen Zoller „In-Erwartung-des-Negativen-Sein“ nennt. Wie man es besser macht? Indem man den anderen nicht immer das Schlechteste unterstellt und die eigene Wahrnehmung nicht zur absoluten Wahrheit erhebt. Vielleicht hat der Kollege, der beim Geschäftsessen allen Wasser nachschenkt – nur mir nicht! – es schlichtweg übersehen. Bei vielen Konflikten geht es um Gerechtigkeit und Anerkennung. Was steht mir zu, was dem anderen? Jeder glaubt sich im Recht. Jeder fühlt sich zu wenig gesehen. Solche Situationen lassen sich souverän lösen. Vorausgesetzt man bringt das mit, was Psychologen Statusflexibilität nennen. „Beim nächsten ‚Aber bitte ganz dünn geschnitten‘ raste ich aus“, meinte kürzlich eine Wurstverkäuferin zu mir, nachdem ich genau das gerade zu ihr gesagt hatte. Ich schluckte: „Verstehe ich, sorry.“ Indem ich den Hochstatus der zahlen­den Kundin gegen den Tiefstatus einer sich Entschuldigenden eintauschte, beschwichtigte ich die Verkäuferin. Am Ende lächelten wir beide.  

Wir hassen an anderen, was wir an uns nicht mögen

Öffnen und schließen ist die Grundbewegung alles Lebendigen, meint Karen Zoller, jede Zelle funktioniere nach diesem Prinzip. Anders formuliert: Brücken bauen und Grenzen setzen sind die Grundpfeiler der Kommunikation. Bei jedem Konflikt können wir Gas geben oder auf die Bremse treten. Und oft drücken wir vollkommen unnötig aufs Gaspedal, weil wir Nachgeben für Schwäche halten. Als zusätzlicher Brandbeschleuniger wirken tief sitzende Verletzungen. Wer als Kind von den Eltern wenig Anerkennung bekommen hat, reagiert schnell beleidigt, wenn er sich vom Chef zu wenig beachtet fühlt. Diesen Zusammenhang sollte man sich klarmachen, bevor man über mangelnde Wertschätzung im Job klagt.

Oft stört uns an anderen übrigens gerade das am meisten, was wir an uns selbst am wenigsten mögen. Ich hasse es, wenn mir Leute ständig ins Wort fallen. Dass ich es selbst permanent tue, fiel mir kürzlich auf, als ich ein Interview abhörte. Mein armer Gesprächspartner war kaum zu Wort gekommen, unmöglich! Auch dazu hat Sartre übrigens etwas sehr Kluges gesagt: Es ist nie zu spät, etwas aus dem zu machen, was aus einem gemacht wurde.