Gründerpaare und ihre Start-ups

Startkapital: Liebe

Schatz, wir gründen eine Firma! Immer mehr Paare machen sich gemeinsam selbstständig — und bleiben dabei dem Thema Liebe treu.

Veröffentlicht am 31.07.2017
Joana und Niklas Heinen.

Joana und Niklas Heinen verkaufen gemeinsam Hochzeitsaccessoires.


Die App-Entwickler

Angelika Ziebart, 40, und Christoph Walz, 39, haben zwei Kinder (3 und 8) und in ihrem Münchner Designbüro die Dating- Plattform „Liebertext.de“ entwickelt.

Warum steigt man als Paar ins Dating-Geschäft ein?
Angelika Ziebart: Eine gute Freundin von uns ist seit Jahren Single. Online-Dating behagt ihr aber nicht, weil sie sich nicht mit Fotos exponieren will. Also haben wir für sie ein Zeitungsinserat verfasst und gemerkt, wie viel Spaß das macht – und wie viel man zwischen den Zeilen lesen kann.
Christoph Walz: Solche Inserate sind aber sehr teuer, und online haben wir nichts Entsprechendes gefunden.

Wie funktioniert Ihre Plattform?
Er: Ohne Bilder, die Nutzer präsentieren sich mit schönen, selbst geschriebenen Texten, mit Gedichten oder Wunschzetteln. Es kommt auf die Persönlichkeit an, nicht das Aussehen. Das Angebot ist noch kostenlos, ebenso die App, die bald live geschaltet wird.

Warum braucht die Welt ein Anti-Tinder?
Sie: Weil wir glauben, dass Worte mehr sagen als jeder Algorithmus. Menschen sind schließlich keine Produkte. Wir hatten in kurzer Zeit über 100 Inserate, auch die Chat-Funktion kommt sehr gut an.

Wie haben Sie beide sich eigentlich kennengelernt?
Er: Das war 1999, am ersten Tag unseres Studiums.
Sie: Wir haben schnell gemerkt, dass wir gut miteinander arbeiten können. Wir haben unsere Diplomarbeit zusammen gemacht und später ein Designbüro gegründet. Ein Paar wurden wir erst später, nämlich 2003.

Sie wirken sehr entspannt, rasseln Sie nie aneinander?
Sie: Privat sind wir fast immer einer Meinung, vor allem was die Kindererziehung und den Haushalt angeht. Geschäftlich knirscht es auch mal. Unsere Geschäftspartnerin meint aber, das würde man uns kaum anmerken. Seit sie mit dabei ist, lassen wir uns vielleicht auch weniger gehen.
Er: Wir sind beide pragmatisch und haben gemeinsame Ziele, das schweißt zusammen. Am liebsten würde ich noch viel mehr mit Angi zusammen machen. Ich gebe öfter im Ausland Workshops, dabei vermisse ich sie sehr.

Kosenamen sind in Ihrem Büro aber tabu, oder?
Sie: Klingt vielleicht komisch, aber wir nennen uns gegenseitig oft „Freund“ und „Freundin“.
Er: Wenn Angi nur ruft: „Freund, mach dich mal nützlich …“, weiß ich immer, was zu tun ist.

Färbt Ihr Job auf die Beziehung ab?
Er: Liebe und Freundschaft sind schöne Themen, das Fachwissen darüber erweitert auch unseren Horizont.
Sie: Ich frage mich oft, was ich in so ein Inserat schreiben würde. Sich über seine eigenen Wünsche an den Partner klar zu werden sagt viel darüber aus, wer man ist.     

Angelika Ziebart und Christoph Walz.

Dating-Unternehmer: Angelika Ziebart und Christoph Walz.


Die Therapeuten

Birgitt Hölzel, 51, und Stefan Ruzas, 49, sind seit 21 Jahren verheiratet und führen gemeinsam die paartherapeutische Praxis „Liebling + Schatz“ in München.

Warum beraten Sie als Paar andere Paare in der Krise?
Stefan Ruzas: Wir kamen auf die Idee, weil unser Ratgeber „Höchste Paarungszeit“ vielen geholfen hat. Also haben wir beide eine Ausbildung zum systemischen Paar- und Familientherapeuten absolviert und losgelegt.
Birgitt Hölzel: Wir haben schon vor zehn Jahren eine Firma gegründet und ein Magazin für alpine Lebensart herausgebracht, Erfahrung mit dem gemeinsamen Arbeiten hatten wir also. Das wollten wir ausbauen.

Was ist der Vorteil daran, zu zweit zu therapieren?
Er: Vier Augen sehen mehr als zwei, zwei Hirne merken sich mehr als eins. Wir nehmen viel intensiver auf, wie die Paare miteinander umgehen.
Sie: Außerdem können wir die weibliche als auch die männliche Perspektive anbieten. Normalerweise lassen sich Frauen eher von Frauen beraten, und Männer bevorzugen Männer.
Er: Gerade Männer kostet es viel Überwindung, über ihre Gefühle zu sprechen. Da hilft, wenn sie die Wahl zwischen zwei Therapeuten haben.

Wie ist die Aufgabenverteilung?
Sie: Ich kümmere mich ums Organisatorische, mein Mann repräsentiert nach außen. In der Therapie sind die Rollen oft umgekehrt; ich habe kein Problem damit, die Führung zu übernehmen.

Und wenn Sie unterschiedlicher Meinung sind?
Sie: Manchmal haben wir in einer Sitzung komplett andere Eingebungen. Da muss man sich auch mal zurücknehmen und dem anderen vertrauen.
Er: Wir machen das transparent und tauschen unsere Argumente aus. Das ist für die Paare spannend, weil es ihnen die ganze Bandbreite der Möglichkeiten aufzeigt.

Kritisieren Sie sich gegenseitig?
Er: Ich habe anfangs manchmal zu lange geredet – Birgitt bat mich, das Tempo rauszunehmen. Sie wiederum zeigte auch mal mit dem Stift in Richtung Klient, was fast schon bedrohlich wirkte. Darauf habe ich sie hingewiesen.
Sie: Wir haben ja gelernt, wie man sich produktives Feedback gibt. Aber manchmal grummelt man innerlich natürlich schon.

Färbt Ihr Beruf auf die Beziehung ab?
Sie: Wir ertappen uns dabei, dass wir im Therapeutenjargon miteinander reden. Unsere Kinder verdrehen dann die Augen und sagen: Hört auf!
Er: Am wichtigsten ist die Erkenntnis, dass es sich lohnt, für die Beziehung zu kämpfen. Nicht weil wir damit Geld verdienen, sondern weil so viel auf dem Spiel steht. Es ist nämlich nicht gesagt, dass es mit dem nächsten Partner besser wird.

Birgitt Hölzel und Stefan Ruzas.

Zwei Journalisten, die heute Paare beraten: Birgitt Hölzel und Stefan Ruzas.


Die Hochzeits- Unternehmer

Joana und Niklas Heinen, beide 27, haben vier Firmen gegründet und insgesamt 140 Mitarbeiter. In ihrem Webshop odernichtoderdoch.de gibt’s edle Papeterie wie Wedding-Planer und Gästebücher für Hochzeiten.

Sie helfen anderen, stilvoll zu heiraten. Wie war Ihre Hochzeit?
Niklas Heinen: Wir haben alle Gäste mit einem Bus eingesammelt und nach dem Standesamt im Büro gefeiert.
Joana Heinen: Unsere Beziehung hat sich dadurch nicht geändert, man fühlt sich ein bisschen spießiger und trägt den Ring wie eine Medaille fürs Erwachsensein. Na ja, in Wahrheit ist es der Verlobungsring … Wir hatten noch keine Zeit für Eheringe.

Waren Sie erst ein Paar oder erst Kollegen?
Er: Wir haben uns kennengelernt, als Joana ein Bewerbungsfoto von mir gemacht hat. Danach sind wir schnell Kollegen geworden.
Sie: Damals war ich freie Fotografin und er der Jurastudent, der schon mit einem Bein im Berufsleben stand. Was uns von Anfang an verbunden hat, ist unsere Begeisterungsfähigkeit.

Joana hat 90 000 Instagram-Follower. Welche Rolle spielt das Internet?
Er: Joana startete 2013 mit ihrem Online-Tagebuch odernichtoderdoch.de. Da hatte sie noch nicht annähernd auf dem Schirm, was daraus werden würde.
Sie: Mein Blog wuchs, und irgendwann hat sich der Fokus von der Fotografie auf mich als Person verlagert. Wie ist das Leben in der Selbstständigkeit, wie organisiere ich mich? Dann kam die Idee für die Schreibwaren – der Start unseres Online-Shops.

Wie ist die Arbeitsaufteilung?
Er: Joana ist die Markenmacherin, sie hat ein Gespür für Produkte, Designs, die Community. Sie arbeitet assoziativ, ich bin eher derjenige, der die Strukturen drumherum baut.
Sie: Schwierige Entscheidungen treffen wir gemeinsam, jeder hat ein Vetorecht. Was ich Niklas hoch anrechne: dass er meinem Bauchgefühl vertraut und meine Entscheidungen auch dann akzeptiert, wenn ich die Gründe nicht erklären kann.

Gehen Sie sich nie auf die Nerven?
Sie: Zeitweise waren wir 24 Stunden am Tag zusammen. Arbeit, schlafen, Arbeit, schlafen. So was zehrt an den Nerven, wir haben uns oft angeschrien. Es gab Momente, da hatte ich alle Hoffnung verloren – aber was hilft es, wenn man im selben Boot sitzt? Heute sehen wir uns seltener, haben uns aber wieder mehr zu erzählen.
Er: Wir schaffen es auch besser, die Meinung des anderen zu akzeptieren. Weil wir kapiert haben, dass er seinen Standpunkt aus einem wichtigen Grund vertritt – und nicht, weil er einen ärgern will.

Welche guten Seiten hat die Nähe?
Er: Man ist schnell und kann Dinge einfach machen.
Sie: Wir ziehen an einem Strang, entwickeln uns gemeinsam weiter. Und man versteht, wenn der andere trotz Sonne lieber Mails abarbeiten möchte. Das alles mit dem Menschen teilen zu können, den man liebt, ist das schönste Gefühl der Welt.

Ein typischer Satz im Alltag?
Er: Typisch für Joana: „Neeeein!“
Sie: Bei Niklas lautet er: „Zeig mal. Geil, ist das von uns?“

Joana und Niklas Heinen.

Love-Affairs: Joana und Niklas Heinen wurden erst ein Paar, jetzt verkaufen sie Hochzeitaccessoires.