Hallux valgus

Ein dickes Ding

Happy trotz Hallux: Wenn der Schuh wegen des Ballenzehs drückt, braucht man nicht zwangsläufig eine Operation. Sondern – im wahrsten Sinne des Wortes – eine andere Einstellung.

Veröffentlicht am 26.07.2017
Zwei Beine mit High Heel und Verband am Fuß.

Der Hallux kann zum schmerzhaften Problem werden.


Es kann mit kleinen, schmerzenden Stichen im Fuß beginnen, erst selten, dann immer häufiger. Oder der Großzehballen ist geschwollen, gerötet und tut weh – rund 10 Millionen Deutsche leiden unter einem Hallux Valgus, die meisten davon sind Frauen. Beim Hallux Valgus (was soviel heißt wie schiefe große Zehe) verschiebt sich der große Zeh in Richtung der anderen Zehen und der Ballenbereich wölbt sich zur Seite.

Neben der Verformung sind Schmerzen sowie die Bildung von sich nach oben krümmenden Hammerzehen eine mögliche Folge. Zu enge und zu hohe Schuhe begünstigen diese Entwicklung, aber sie kann auch genetisch bedingt sein. Für manche Menschen ist ihr Hallux eher ein kosmetisches Problem, andere leiden unter einer Schleimbeutelentzündung des Großzehengrundgelenks und den damit einhergehenden chronischen Schmerzen.  

Wer ist betroffen?

Der Münchner Fußexperte und Bestsellerautor Carsten Stark hat sein neues, lesenswertes Buch den verschiedenen Fehlstellungen und ihrer Behandlung gewidmet. Es gebe durchaus Frauen, so Stark, die regelmäßig High-Heels trügen und überhaupt keine Probleme hätten. Und Frauen, die fast ausschließlich flache Schuhe trügen, entwickelten trotzdem einem Hallux.

Stark hat Strategien jenseits von Einlagen, Spritzen und Operationen entwickelt und setzt in seinem Buch auf Übungen und neue Bewegungsmuster, auf ein „Umsteuern“ in Kopf und Gemüt, auf Disziplin und Wohlwollen mit sich selbst – letztlich strebt Stark ein neues Verhältnis zu den eigenen Füßen an. „Nehmen Sie sich bewusst Zeit für die Übungen. Üben Sie nicht halbherzig nebenbei oder unter Zeitdruck, das bringt nichts und hilft auch Ihrer Großzehe nicht“, schreibt er.

Unerträgliche Schmerzen

Selbstfürsorge und Freundlichkeit mit sich und ihren Füßen halfen auch Birigt Faschinger-Reitsam. Sie tanzte Tango, mehrmals die Woche, stundenlang und mit Begeisterung. Bis ihr plötzlich die Füße wehtaten und zwar sehr. Es gab Wochen, da plagten sie tagsüber und auch nachts intensive Fußschmerzen. „Ich konnte nicht mehr richtig stehen und hatte das Gefühl, wie auf Felgen zu laufen.“ Sie schickte ihren Mann allein zum Tangotanzen und war unglücklich darüber. Denn das Tanzen fehlte ihr.

Das gab wohl den Ausschlag, dass die Münchnerin beschloss, sich ihrem Problem zu stellen. „Ich hatte das Gefühl, dass meine Füße mir einen Weckruf schickten, nach dem Motto, hey, nimm uns zur Kenntnis, kümmere dich um uns und schau dir an, wie du zu dir und deinen Bedürfnissen stehst.“

Was hilft?

Ähnlich wie Carsten Stark es in seinem Buch empfiehlt, begab sich Birgit auf eine ausgedehnte Spurensuche. Was war los mit ihren Füßen, dem Hallux mit einem Senk-Spreiz-Knick und einem absinkenden Fußgewölbe? Operieren lassen? Hinschauen und Hinfühlen sind ihrer Meinung nach sehr wichtig bei Fußproblemen, sanft und geduldig mit sich umgehen, rät sie. „Wir Frauen sind oft zu perfektionistisch und ignorieren unsere Erschöpfung. Unsere Füße sind ein wesentlicher Bestandteil unseres Daseins, wenn wir sie glücklich machen, freut sich der gesamte Körper.“

Birgits Strategien waren vielfältig. Sie fand eine Ärztin, die ihren Vorsatz unterstützte, wieder Tango zu tanzen. Sie lernte Übungen in einer Münchner Fußschule und entdeckte innerkörperliche Verbindungen, was etwa falsches Gehen mit einem angespannten Beckenboden oder einem verkrampften Kiefer zu tun hat.

Heute tanzt die 56jährige Businessfrau und Mutter zweier Söhne wieder regelmäßig, spürt sich und ihre Füße aber dabei besser und hört auf, wenn ihre Füße müde sind. Das Thema „Füße“ fasziniert sie. Inzwischen hat sie ein Buch sowie unter www.draufgaengerin.de einen anregenden Blog verfasst, „für Frauen, die sich spüren wollen – barfuß oder auf hohen Hacken.“ Dort gibt sie auch in einem Online-Kurs unter dem Motto „Zu Dir stehen“ weiter, was ihr geholfen hat.  

Trainieren statt operieren

Als hilfreich gilt die Spiraldynamik. Die Physiotherapeutin Andrea Soppart hat in Köln das erste registrierte Zentrum für Spiraldynamik eröffnet. Entwickelt hat das Konzept der Schweizer Arzt Dr. Christian Larsen: Bewegt sich der Körper gemäß seinem Bauplan spiralig, bewegt er sich natürlich und gesundheitsfördernd. Der Fuß zum Beispiel ist dreidimensional verschraubt. Geht diese Verschraubung verloren durch Fehlbelastungen, kommt es zu Problemen.

Trainieren statt operieren ist Sopparts Ansatz. Bei mindestens 1/3 der Hallux-Patienten/innen ist das realistisch. Die Wahrnehmungs,- Mobilisations- und Kräftigungsübungen, die sich in den Alltag integrieren lassen, lösen bei vielen einen Aha-Effekt aus. Ach so hängt das zusammen, so ist das anatomisch richtig, stellen viele ihrer Patienten mit Erstaunen fest. „Wir bieten eine lernbare Gebrauchsanweisung für den Körper. Je früher umso präventiver, je später umso therapeutischer“, lautet Soppart Credo.

Was passiert bei einer OP?

Und sollten die Lernimpulse nach zwei bis drei Stunden nicht positiv wirken, kann man immer noch über eine Operation nachdenken. Eine solche Operation sollte von einem erfahrenen Fachmann ausgeführt werden. Der Münchner Chirurg Ted Rochau ist Spezialist für Hallux-Korrekturen und operiert ambulant in seiner Praxisklinik in Schwabing.

Bei seinem minimalinvasiven Eingriff wird der Mittelfußknochen durchtrennt, der Zeh auf behutsame Weise neu ausgerichtet und mithilfe eines Titandrahts stabilisiert. Die Vorteile dieser Methode: es verbleibt nur eine kleine Narbe, das Ergebnis ist also ästhetisch-kosmetisch sehr gut, die Operation erfolgt in Lokalanästhesie, der Titandraht wird nach vier Wochen entfernt, somit bleibt kein Fremdkörper im Knochen. Nach der Operation kann der Patient mit einem Spezialschuh sofort auftreten, ist also mobil, was wiederum die Thrombosegefahr erheblich verringert.

Eine zeitnahe Behandlung ist wichtig

Die meisten Menschen scheuen vor einer Operation zurück und warten sehr lang – Ted Rochau hat dafür Verständnis und nimmt sich deshalb viel Zeit, seine Patienten genau aufzuklären. Wer zu lange wartet, so der Mediziner, riskiert nicht nur eine Einschränkung seiner Lebensqualität sondern auch Folgeschäden: die Fehlstellung im Großzehengrundgelenk kann zu einer schmerzhaften Arthrose führen, zu Hammerzehen oder Krallenzehen, auch ist meist die Statik im Körper beeinträchtigt und das „unrunde Gangbild“ kann sich auf Knie-und Hüftgelenke auswirken sowie auf das Becken und die Wirbelsäule.

Der Spezialist wird immer wieder gefragt, ob sich nach einer Hallux-Operation Schmerzen an der Halswirbelsäule oder am Kniegelenk mildern. „Versprechen kann ich das vorher natürlich nicht“, erklärt Ted Rochau und freut sich doch, dass sich viele Beschwerden seiner Patienten nach einer Operation erheblich verbessern oder sogar ganz verschwinden. 

Neue Bücher und Übungen

  • „Das Buch für den Hallux. Ganzheitliche Hilfe ohne OP” von Carsten Stark. Südwest Verlag München, 16,99 Euro.
  • „Wenn Tango Leiden schaf(f)t: Mit glücklichen Füßen genussvoll tanzen” von Brigit Faschinger-Reitsam. Tredition Verlag, 13,50 Euro.
  • „Gut zu Fuß ein Leben lang: Trainieren statt operieren: Die besten Übungen aus der Spiraldynamik” von Christian Larsen. Trias Verlag, 19,99 Euro.
  • Fußübungen für Zuhause findet man unter www.my-medibook.de/hallux-valgus.