Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Mama macht jetzt Selfies

Hier ist die Mama: Unser Autor hat seiner Mutter ein Handy gekauft. Als Notfalltelefon. Jetzt bekommt er (kryptische) Nachrichten im Sekundentakt – selber schuld.

York Pijahns Mutter ist jetzt online.

Im Online-Fieber: Hier ist die Mama.


Ich liege in der Dunkelheit meines Schlafzimmers und sehe, wie mein Handy anfängt zu leuchten und eine SMS aufploppt. WESTFALEN steht in der grünen Sprechblase des Bildschirms. Dann kommen immer mehr SMS-Nachrichten im Sekundentakt. Dreimal HALLO und noch mal WESTFALEN. Meine Mutter hat seit drei Wochen das erste Handy ihres Lebens. WESTFALEN, WESTFALEN, WESTFALEN. Und soeben die SMS-Funktion entdeckt. HIER IST DIE MAMA. Daran habe ich nicht eine Sekunde gezweifelt. 

Meine Mutter ist 78 Jahre alt. Und hat ein eher hemdsärmeliges Verhältnis zu technischen Geräten. Sie war deshalb auch immer gegen den Kauf eines Anrufbeantworters. Sie hat das mit dem eleganten, beinahe zenbuddhistischen Satz begründet, „dass mich doch niemand anzurufen braucht, wenn ich sowieso nicht zu Hause bin“. Darauf kann man eigentlich nicht viel erwidern. Westfalen, Westfalen, Westfalen.

Trotzdem haben meine Brüder und ich darauf bestanden, ihr ein Handy zu schenken. Als Notfalltelefon. Was meine Mutter bevormundend fand. Sie hat das Handy trotzig neben ihrem Festnetztelefon deponiert. Doch das ist jetzt vorbei. Denn seitdem gleich mehrere Rentnerfreundinnen ebenfalls Handys von ih­ren Kindern und Enkeln bekommen haben, ist sie im Kommunikationsrausch. 17 Prozent aller deutschen Senioren haben ein Smartphone. Meine Mutter ist jetzt eine von ihnen.

Und so bekomme ich täglich Nachrichten: Statusmeldungen, militärisch-zackige Kommentare zum Wetter, allgemeine Ernährungstipps, kürzlich stand in einer SMS nur das Wort GEMÜSE. Immer in Großbuchstaben, was sich anfühlt, als würde man angebrüllt, keine Ahnung, ob sie das extra macht. Wenn ich nicht schnell genug antworte, schickt Mama ihre Nachrichten auch auf meine Festnetznummer. Dann liest eine Roboterstimme Mamas SMS vor. Was im Falle von MÄUSCHEN, BIST DU FLEISSIG? und WAS MACHT DER SCHNUPFEN? klingt, als hätte Darth Vader seine softe Seite entdeckt. Doch das mit dem Festnetz war nur eine Phase. Innerhalb von Tagen hat sie, vermutlich weil sie nicht viel anderes zu tun hat, dazugelernt. Und benutzt jetzt Abkürzungen, die nach Teenager klingen, und sich bewegende Emoticons. Vor einem Monat noch bekam ich von meiner Mutter Postkarten vom Gemeindefrauenausflug. Jetzt ploppen SMS auf, an deren Ende winzige Biergläser schunkeln.

Ich müsste mich darüber ja freuen. Tu ich aber nicht. Um ehrlich zu sein, hatte ich mich auf Telefonate gefreut, während derer meine Mutter klagen würde, wie kompliziert so ein Handy ist. Gespräche, in denen ich ihr großspurig klargemacht hätte, dass Handys eben filigrane Wundermaschinen sind, die nur von wenigen Eingeweihten bedient werden können. Von Kennern der Elektronik und von allen anderen Sachen, in denen Strom ist. Typen wie mir. Ich sah mich in der Rolle des Kolonialherrn, der den unterbelichteten Eingeborenen vom Bambus­thron aus erklärt, wo vorn und hinten ist. Aber daraus wird jetzt nichts. Mama braucht mich nicht. Mama macht jetzt Selfies.

Auf meinem Lieblingsfoto sieht man sie in ihrem beige und golden eingerichteten Wohnzimmer sitzen. Und im etwas unscharfen Hintergrund zwei ihrer Freundinnen, mit denen sie jeden zweiten Mittwoch Rommé spielt. Das Beste aber ist der Kommentar, den sie unter das Foto getippt hat: „Wir sind heut Abend offline. MAMA.“


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