Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Mama und Schwiegermama unterm Baum

Weihnachten mit Mutter und Schwiegermutter, die unterschiedlicher nicht sein könnten? Unser Autor hat das Treffen jahrelang verhindert, jetzt muss er da durch.

Veröffentlicht am 23.12.2016
Illustration von einem Weihnachtsbaum mit Mutter und Schwiegermutter.

Ist Heiligabend gefährdet, wenn sich die Schwiegereltern nicht verstehen?


Meine Mutter steht in der Tür unserer Wohnung und sieht aus wie eine Mischung aus Mon­-Chéri­-Packung und Antiquitäten­laden­-Chefin. Lachsfarbener Mantel, weiße Kurzhaarfrisur, lachsfarbene Reisetasche, an die sie eine Weihnachtsschleife gebunden hat. „Mäuselein!“ Den Namen werde ich of­fensichtlich nie mehr los. „Dir und deiner Familie die herzlichsten Weihnachts­- und Segenswünsche.“ Ich liebe das TV­-Anspra­chen­-Deutsch meiner Mutter. Man will im­mer „Halleluja!“ antworten und sein Gesang­buch vor Freude in die Luft werfen. Da ist sie: Helga aus Bielefeld, eine pastellfarbene Supernova auf zwei Beinen, für zwei Tage zu Besuch bei uns in Kreuzberg. Ich kann Mamas Parfum riechen – und dann flüstert sie: „Ist sie schon da?“

Sie ist. Ulrike, meine Schwiegermutter aus Berlin­-Kreuzberg. Mama und Ulrike sind sich noch nie begegnet. Es hatte einfach nie ge­passt. Termine, Blabla, weite Anreise, Blabla. In Wahrheit hatten meine Freundin und ich einfach Angst vor dem Treffen zweier Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Mei­ne Mutter – eine Marmorkuchen-­Rentnerin aus der Bielefelder Vorstadt mit Kirchenchor­Anstecknadel und Hörzu-Abo. Und Ulrike – eine kettenrauchende Alt­-68erin mit Rainer­-Langhans­-Frisur, die man sich immer als Teil eines Demonstrationszuges vorstellt, der gleich den Mannschaftswagen der Polizei johlend über eine Leitplanke wuchtet. Der Plan war, beide an Heiligabend einzuladen.

„Ich bin Mutter Helga!“ Mutter Helga hat bereits im Flur ihre goldenen Ballerinas ange­zogen, die einzige Hausschuhvariante, die sie modisch für akzeptabel hält. „Und ich“, ant­wortet meine Schwiegermutter in Wollsocken, die aus einem schwarzen Kaftan­-Jumpsuit­-Sackding herauslugen, „bin die Ulrike.“ „Ul­rike, wir Omas decken jetzt den Tisch, dann haben die jungen Leute freie Bahn.“ Meine Schwiegermutter, die sich sowieso von nieman­dem was sagen lässt und seit Jahren darum kämpft, nicht „Oma“ genannt zu werden, hat keinen Bock, sich von einer Bielefelder-Back­buchmutti zum Küchendienst abkomman­dieren zu lassen. „Leute, das wird jetzt nicht Spießerweihnachten wie bei den Buddenbrooks, oder Helga?“ Meine Kreuzberger Schwieger­mutter lässt gern ihre Belesenheit rausbau­meln. „Wie wär’s mit einem Weihnachtspick­nick im Wohnzimmer? Wir könnten auf einem der Saris essen.“ Ulrike mag alles aus dem The­menfeld Beduinenzelt­-Kulinarik und Zweite­-Welt­-Romantik. Dank meiner Schwiegermut­ter besitzen wir mehr Saris als ein Stoffladen in Bangalore.

Wir einigen uns auf Essen am Küchentisch, mit einer von Ulrikes Sari­-Tischdecken, die aussehen, als hätte ein erkälteter Riese sie als Taschentuch missbraucht. Meine Mutter hat das eingefrorene Lächeln einer Charity­-Lady, die Heiligabend bei Obdachlosen vergessen wurde. Es hilft alles nichts. Unsere Mütter können nix miteinander anfangen. Sie geben sich Mühe, aber das Gespräch treibt wie ein Korken auf dem Wasser. Ich muss an Weih­nachten von früher denken: Jahrelang bin ich Heiligabend nach Hause gefahren, was sich wie die perfekte Rückkehr in die Kindheit angefühlt hat. Jetzt ist Berlin das Zuhause. Und meine Mutter sitzt als seltsamer Gast in goldenen Ballerinas in der Küche.

„Wenn wir noch in die Kirche wollen, müss­ten wir bald los“, sagt meine Freundin. Mäntel anziehen, hinaus in den Schnee im orange­farbenen Laternenlicht. Unser Sohn will par­tout mit dem Schlitten in die Kirche. Das Seil, an dem der Schlitten hängt, endet in einer Schlaufe. Ich bekomme die Handschuhe nicht schnell genug runter, um ein Foto zu machen. Von den beiden Großmüttern, die wie auf Kommando ihren Enkel zusammen durch den Schnee ziehen, nebeneinander, in die Winter­nacht. Ja, es ist der reine Kitsch. Aber manch­mal reißt ein guter Moment alles rum. Weih­nachten ist nicht perfekt. Aber kurz ist alles erleuchtet.