Zeit für sich

Alleinsein ist was für Helden

Jeder will einzigartig sein, keiner will einzeln sein. Dabei liegt genau in der Zeit, die man mit sich alleine hat, die Chance für eine gesunde Work-Life-Balance. Meike Winnemuths Plädoyer.

Veröffentlicht am 14.07.2017
Meike Winnemuth

Idealzustand: Meike Winnemuth und ihr Hund Fiete.


Um in diesen Tagen für das Alleinsein bewundert zu werden, muss man schon Heldentaten vollbringen. In einer Einhandjolle einmal um den Globus segeln zum Beispiel oder ohne Support-Team durch die Atacama-Wüste radeln: Da stehen dann Kamerateams bereit bei der Heimkehr, da wird man bejubelt. Dabei ist doch das ganz normale alltägliche Alleinsein unendlich heroischer, weil es von aller Welt so verdammt wird. Wer gern für sich ist, hat doch eindeutig ein Problem, oder?

Der Mensch ist schließlich ein Herdentier, ein soziales Wesen – wer sich da nicht einreiht, macht sich sofort verdächtig. Mit dem stimmt doch was nicht! Bestimmt ein Soziopath, sicher ein Nerd, vielleicht ein potenzieller Amokläufer, auf jeden Fall aber emotional defizitär, egozentrisch, selbstsüchtig – als ob es eine moralische Pflicht sei, sich zu paaren oder mit anderen in der Kneipe zu hocken. Wer unfreiwillig allein ist, bekommt zumindest noch ein paar Brocken Mitleid hinterhergeschleudert: Armes Ding, hat halt niemanden abgekriegt, tja. Wer aber aus freien Stücken allein und dabei auch noch nachweisbar glücklich ist, gilt immer noch als etwas … wunderlich. Um es freundlich zu sagen.

Ich weiß, wovon ich rede, ich bin so eine. Ich wohne seit zehn Jahren allein, ich bin ein Jahr solo um die Welt gereist, ich arbeite ohne Kollegen im stillen Kämmerchen – und all das mit dem allergrößten Vergnügen. Und mit den schönsten Erfahrungen: Nie war ich so wenig allein wie beim Alleinreisen, nie habe ich so viel erlebt, so viele Menschen kennengelernt. Reist man als Paar oder in der Gruppe, bleibt man in seiner kleinen Blase; man lässt nichts Neues rein und lebt ohnehin nur faule Kompromisse: Du willst an den Strand? Ich ins Museum. Gut, gehen wir halt shoppen. Allein dagegen ist man offen für alles, was einem begegnet, folgt leichter dem Zufall, lässt sich leichter auf die Welt ein. Allein erlebt man mehr, lebt man mehr. Auch mit anderen, klar. Und das gilt nicht nur fürs Reisen.

Die Hölle, das sind die anderen, wie Sartre sagt? Aber nein, das dann doch nicht. Aber die anderen haben nun mal sehr konkrete Ideen, wie ich mich zu verhalten habe. Sie überziehen mich mit Erwartungen, Bedürfnissen, Konventionen, Vorwürfen. Fallen die weg, kann ich meinem eigenen Rhythmus folgen. Kann tun, was ich will, wann ich will, unkommentiert, unkontrolliert. Auf dem Sofa liegen und an die Decke gucken, ohne dass einer fragt: Was machst du da, wolltest du nicht zum Sport? Was ich da mache, weiß ich ja selbst nicht so genau und will es auch nicht immer wissen müssen.

Vielleicht will ich eine halbe Stunde im Garten buddeln und nach vier Stunden erstaunt auf die Uhr gucken. Vielleicht will ich Ukulele spielen. Nur für mich, zu keinem höheren Zweck. Nicht um eines Tages mit anderen zu spielen oder vor anderen. Nur allein kann man solche Absichtslosigkeit zelebrieren, kann man tagträumen, herumspielen, der Welt ein bisschen abhandenkommen.

Ist schon seltsam: Einerseits wird Individualität, Autonomie und Selbstverwirklichung gefeiert, andererseits haben diese autonomen Individuen furchtbare Angst, tatsächlich individuell und autonom zu sein oder gar Zeit mit ihrem tollen Selbst zu verbringen. Jeder will einzigartig sein, keiner will einzeln sein.

Dabei ist Alleinsein doch das einzige Gegengift gegen den bimmelnden 24-Stunden-Wahnsinn der Welt. Alleinsein ist der Aus-Knopf. Die beruhigende Salbe. Nicht um Work-Life-Balance geht es, sondern um World-Life-Balance. Denn dass das wahre Leben da draußen stattfindet, das glaubt doch wirklich keiner mehr.

Nicht wenige müssen das Alleinsein erst wieder üben. Keine Pläne fürs Wochenende machen. Die Party schwänzen und das Handy ausschalten. Allein ins Kino gehen oder – die hohe Schule! – in ein Restaurant, eines mit Tischdecken. Um dann verblüfft zu erleben, wie gut das Leben schmeckt, wenn man sich endlich mal darauf konzentrieren kann. Was für ein Genuss es ist, schweigend alle Sinne anzuknipsen – in allerbester Gesellschaft: meiner.