Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Im Kaufrausch

Bitte alles in den Warenkorb legen – auch das schlechte Gewissen. Unser Kolumnist York Pijahn über seine Exzesse beim Online-Shopping.

Veröffentlicht am 11.11.2016
York beim Pakete-Auspacken

„Bei Paketen bin ich eher der Auspack- als der Einpacktyp“, sagt York Pijahn.


ICH STÖBERE unheimlich gern auf Flohmärkten. Bpääh! Den letzten Satz haben Sie mir hoffentlich nicht geglaubt. Ich mag bereits das Wort „stöbern“ nicht. Man sieht förmlich jemanden mit einer Gérard-Depardieu-Nase, der seine dicke Gurke in die Schublade eines Flohmarkt-Schreibtischs steckt. Jemanden, der auf eine süffisante Art sagt: „Was soll das gute Stück denn kosten?“ Das gute Stück. Bpääh again!

Ich weiß, wie sympathisch, unkonventionell und auf so eine Hemd-aus-der-Hose-Art entspannt es klingt, wenn man sagt, dass man Flohmärkte liebt. Das ist so ein Satz wie „Ich frühstücke gern im Bett“. Findet jeder gut. Ich hab’s versucht, ich kann’s nicht. Marode Möbel begrabbeln, Asterix-Comics im Nieselregen blättern und alte Lederjacken anprobieren, die mir nie passen. Und in deren Innentasche ich dann steinharte Taschentücher von jemandem finde, der 1974 eine bunte Erkältung hatte. „Du bist eben ein Spießer mit Waschzwang“, sagt meine Freundin, die Flohmärkte liebt. „Ich mag gern neue Sachen“, sage ich und klappe meinen Laptop auf. Die Wahrheit ist, ich kaufe seit Jahren fast alles online. Es ist der Himmel, es ist die Hölle, doch dazu später.

Der Online-Shopper führt eine Doppelexistenz. Nach außen hin behauptet er, dass er Zeit, Geld, Mühe sparen will, also ein ausgebuffter Erwachsener in Eile ist, dem es um Effektivität geht. In Wirklichkeit ist der Online-Shopper ein Kind, das will, dass jeden Tag Weihnachten gefeiert wird. Die Maus ist der Schlüssel in ein Land der permanenten Bescherung. Denn ich bestelle so viel, dass ich nie weiß, was wann kommt, wodurch ein diffuses Adventskalendergefühl entsteht. Sobald es an der Tür klingelt, ist alles möglich: neue Schuhe, neue
Espressotassen, die komplette „Friends“-DVD-Box. Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde die Post zwergwüchsige Boten mit Elfenohren und nach vorn spitz zulaufenden Schuhen beschäftigen, die mir meine Pakete mit dem Satz übergeben: „Der Meister hat eine Lieferung!“

Hinzu kommt die Fantasie, die nur in einem Online-Shopper-Kopf Platz hat, dass die Klamotten, die ich bestelle, nicht nur neu sind, sondern fabrik-frisch-aus-dem-Karton-wahnsinnsneu. Aus dem Jeansstapel bei H & M eine Hose herauszufischen wie eine Käsescheibe aus einem Hamburger-Brötchen gibt mir das Gefühl von Drittklassigkeit. Online-Shopping dagegen ist die Champions League. Diese eine Hose ist nur für mich, von den Jeansnäherinnen in H & M-City auf meinen Befehl hin genäht. Ich bin kein Kunde. Ich bin der Maestro mit der Maus in der Hand.

Dass vor allem die Schuhe, die ich bestelle, nie passen, ist ein Preis, den ich zahlen muss. Im September kamen ein Paar Desertboots per Post, in denen ich, hier zitiere ich meine Freundin, aussehe wie „etwas Großes aus der Augsburger Puppenkiste“. Es fällt mir leider schwer, bereits gekaufte Dinge wieder zurückzuschicken. Ich bin, was Pakete betrifft, eher der Aus- als der Einpacktyp. Sobald die Sachen im Flur stehen und ich die Luftbläschen in der Verpackungsfolie zerdrückt habe, sind die oft zu großen oder zu kleinen Klamotten immer etwas schäbig. Meine Freundin sagt, dass es angesichts der Kreditkartenabrechnungen, die sich wie Mähdrescher durch mein Girokonto schieben, eine gute Idee wäre, einiges von dem Kram wieder zu verkaufen. Sie hat mir angeboten, ein paar Sachen auf dem Samstagsflohmarkt zu verscherbeln. Kann sie machen. Ich werde an dem Tag, glaube ich, zu Hause sein. Der Meister erwartet Pakete.