In der digitalen Orgasmus-Schule

Achtung, ich komme

„Oh my god, yes“: So heißt eine neue Website, die Frauen Nachhilfe in Sachen Lust und Liebe verspricht. Unsere Autorin hat die digitale Orgasmus-Schule getestet – und viel über (ihre eigene) Sexualität gelernt.


Berührungsängste habe ich keine, dachte ich immer. Ich rede gern und offen über Sex, hatte einige Beziehungen, kurze und lange, darunter auch ein paar Nächte mit Frauen. Manchmal werde ich übermütig und erzähle Freundinnen ungefragt, ich hätte gerade zu Hause masturbiert. Ich finde, darüber dürfen wir sprechen, und ich muss lächeln, wenn sie verlegen reagieren. Ich bin neugierig, frage sie über ihren Sex aus, und die nächtlichen Gespräche darüber gehören zu den lustigsten überhaupt. Ich war sogar mal im Swingerclub und habe auch feministische Pornos geguckt. Deshalb würde ich behaupten: Ja, ich kenne viele Formen der Lust. Aber kenne ich meine eigene?

Um das herauszufinden, melde ich mich auf omgyes.com an. „Oh my God, yes“ – die Website gilt als die neue Orgasmus-Schule im Web. Im Dezember 2015 ging sie online und wurde inzwischen in fünf weitere Sprachen übersetzt. Schauspielerin Emma Watson ist ein Fan. „Es lohnt sich wirklich, das auszuprobieren“, erklärte sie unlängst. Auf der Seite zeigen Frauen, wie sie masturbieren und welche Technik sie favorisieren. 50 Videos sind es ins gesamt. Darin erzählen Amber, Zoey oder Sidney von ihren sexuellen Erfahrungen und was sie dabei gelernt haben.

Von "Hochschaukeln" bis "Öfter kommen"

Die Website basiert auf einer großen Studie über weibliche Lust, durchgeführt von einem Team aus Forschern, Päda­gogen und Filmemachern von der Universität Indiana, insbesondere vom Kinsey-Institut. Tausend ausführliche Interviews führten sie mit Frauen und befragten über tausend weitere online. Die Ergebnisse flossen in die zwölf Kapitel mit den Mas­turbationstechniken ein. Sie heißen „Hochschaukeln“, „Dranbleiben“ oder „Öfter kommen“. Es war die erste Studie dieser Art. Wie Frauen sich selbst zum Höhepunkt bringen, hat die Sexualforschung bisher kaum interessiert.

Auch ich komme irgendwie, Hauptsache, ich komme. Und wie machen es die anderen? Nachdem ich auf omgyes.com 29 Euro bezahlt habe, starte ich eines der Videos. Ich starre auf eine Vagina. In Nahaufnahme. Erschrocken wende ich den Blick ab. Mit der Maus soll ich sie so berühren, wie es die Frau in dem nebenstehenden Video vorgemacht hat. Man kann auf- und abstreichen. Oder kreisen. Die Vagina auf dem Bildschirm reagiert auf die Bewegungen der Maus. Puh, ich schäme mich. Zu direkt, zu nah, zu detailliert finde ich das. Lieber schaue ich Samantha und Alba zu, wie sie sich anfassen. Sie liegen auf dem Sofa, auf dem Bett, tragen BH, Pullover, manchmal nichts und wirken authentisch. Sie zeigen, wie sie masturbieren. Erzählen von großartigen Momenten. Lachen, wenn sie ins Schwärmen geraten. Schließen die Augen, wenn sie ganz bei sich sind. Sie lassen mich teilhaben, ohne dass ich mich wie eine Voyeurin fühle.

Das Hinschauen fällt mir trotzdem schwer. Im Bett hielt mir ein Ex-Freund mal einen Spiegel vor die Scheide und sagte: „Schau mal, die ist schön.“ Ich habe damals genickt und gedacht: „Nein, ist sie nicht.“ Ich habe gelächelt, wenn Männer sagten, dass sie mich gern lecken – ernsthaft? Bei der ersten passenden Gelegenheit zog ich ihren Kopf hoch. Ich habe gedacht, dass mir mein Orgasmus nicht wichtig ist, und nie gesagt „weiter rechts“ oder „sanfter“. Ich habe geahnt, dass ich mich fallen lassen sollte, gewusst, dass ich als selbstbewusste Frau einfordern müsste, wonach ich verlange. Aber da war die hartnäckige Hoffnung auf den Hollywood-Lover, der wortlos das Richtige tut und mich zielsicher in die überirdische Ekstase befördert. Leidenschaftlichen Sex kann ich nicht dirigieren, der passiert einfach, dachte ich. Ich weiß, andere denken ähnlich. So ergab eine Durex-Studie, dass nur 33 Pro­zent der deutschen Frauen regelmäßig zum Orgasmus kommen.

Ich kenne meine Choreographie der Lust nicht

Der Höhepunkt, der vom Himmel fällt – von dieser Idee verabschiede ich mich hier. Und wähle die Kategorie „Hochschaukeln“. Zwei Drittel der befragten Frauen haben intensivere Orgasmen, wenn sie sich kurz davor entspannen, lese ich. Amber zum Beispiel bricht ab, wartet ein paar Minuten und beginnt von Neuem. Zoey bremst ihren Höhepunkt aus, indem sie sich abseits der Klitoris berührt. Wie ist das bei mir? Mir fällt auf: Ich kenne meine eigene Choreografie der Lust nicht. Mit der Maus kreise ich im Übungsvideo um Sidneys Klitoris und versuche die Bewegung zu wiederholen, die sie eben vorgemacht hat. „Ja, so ist es gut“, lobt Sidneys Stimme aus dem Rechner. Sie stöhnt leise. Als ich beschämt abbreche, fragt sie: „Warum hast du aufgehört? Ich warte auf dich.“

Sorry, Sidney, aber wenn ich etwas lernen soll, dann an meinem eigenen Körper. Hausarbeit. Allein. Oder … Ich überlege, ob ich die Übungen mit meinem Mann ausprobieren könnte. Die Website würde ihm gefallen: Sie ist clean und modern, der Inhalt ist wissenschaftlich fundiert. Von den 75 000 Mitgliedern seien die Hälfte Männer, sagt Emily Lindin von OMGYes. Aber ich möchte erst mal verstehen, wie ich selbst funktioniere, und andere, eigene Worte finden für das Spiel mit der Lust, die treffender sind als „Selbstbefriedigung“ und „zwischen den Beinen berühren“.

Ich sage zu ihm: "Ich führe Deine Hände"

Zum ersten Mal seit langer Zeit fasse ich mich bewusst an. Tatsächlich, eine Seite meiner Klitoris ist sensibler als die andere. Und ich bin empfindlich an Stellen, die ich vernachlässigt habe. „Indirekter Genuss durch das umliegende Gewebe“ heißt das auf der Website. Die Berührungen sind weniger zielorientiert als gewohnt. Eine neue Supertechnik entdecke ich nicht, dafür freunde ich mich mit einem Körperteil an, für den ich mich fast geschämt habe. Ich erzähle meinem Mann, dass ich verschiede­ne Masturbationstechniken ausprobiere. „Welche?“, fragt er – schon ist sie wieder da, meine alte Verlegenheit. „Ich zeige sie dir“, sage ich, „ich führe deine Hände.“ Wir lachen: „Üben wir das Kommen.“ – „Gut.“ Die Vorstellung erregt ihn. Bald gibt es neue Videos auf omgyes.com, über Penetrationstechniken. Bis dahin werde ich lernen es zuzulassen, dass mein Mann mit meiner Lust spielt. Ich habe dann hoffentlich kapiert, dass es okay ist, wenn ich beim Sex im Mittelpunkt stehe.

Von Lea Bredenstein


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