Popgöttin vs. Gottesmutter

Heilige Jungfrau Beyoncé

Beyoncés Post, mit dem sie ihre Zwillingsschwangerschaft verkündete, ist das erfolgreichste Bild, das je auf Instagram geteilt wurde. Kunsthistoriker Beat Wyss erklärt, warum sie sich als Gottesmutter inszeniert –und warum es Donald Trump nicht gefallen wird.

Veröffentlicht am 10.02.2017
Popgöttin Beyoncé.

Popgöttin Beyoncé.


Die Imageberater der Sängerin haben ihre kunsthistorische Aufgabe perfekt gelöst. Die Madonna im Blumenkranz kommt aus der spätmittelalterlichen Mystik und der volkstümlichen Verehrung Mariens als Himmelsbraut. In meiner Kindheit im damals noch sehr katholischen Luzern war es Brauch, im Mai der Gottesmutter einen Hausaltar zu errichten, geschmückt mit gepflückter Blütenpracht aus dem Garten. Als Gerüst diente uns ein hölzerner Beistelltisch in der Küche. Im Barock hatten Peter Paul Rubens und Jan Brueghel der Ältere aus dem Brauchtum Hochkunst gemacht, indem sie das Motiv für reiche Sammler gleich mehrfach in Gemälden wiederholten: Rubens, Spezialist für blühendes Fleisch, schuf das Personal, der „Blumenbrueghel“ die blühende Pracht rundherum.

Die „Madonna im Blumenkranz“ von Peter Paul Rubens und Jan Brueghel.

Peter Paul Rubens und Jan Brueghel der Ältere: Madonna im Blumenkranz, um 1613.


Beyoncé feiert die hispanische Subkultur

Denselben Effekt von gepflegter Volkstümlichkeit legt das Beyoncé-Porträt an den Tag. Die Sängerin knüpft an ihre katholisch-kreolische Abstammung in Louisiana an, dem Bundesstaat am Golf von Mexiko, der bis 1803 französische Kolonie gewesen war. Ihre Großeltern mütterlicherseits sprachen noch Französisch und schon die Mutter trug „Beyoncé“ als zweiten Namen: „Über die Andern hinaus“ bedeutet das. Hispanische Subkultur umgab die Sängerin auch in Houston, wo sie aufwuchs und ihre Karriere im Kirchenchor begann.

Die Bevölkerung von Texas besteht aus 38 Prozent Hispanics und 12 Prozent Afroamerikanern. Der Bundesstaat grenzt an Mexiko: Hier steht der Marienkult noch in voller Blüte. Opferbilder in Wallfahrtskirchen zeigen die Gottesmutter, wie sie im Blütenkranz vom Himmel den Gläubigen in deren Nöten zu Hilfe kommt. Frauen steht sie bei, damit sie einen Mann oder endlich doch ihr Kind bekommen. Eine rührend ungelenke Votivtafel mit Maria im Blumenkranz befindet sich in der Kirche der Jungfrau von San Juan in Jacinto im mexikanischen Oaxaca, gestiftet am 15. November 1959. Darin bedankt sich Jalisco bei der Gottesmutter, die seine Bitte erhört hat, aus den USA wieder nach Mexiko zurückzukehren mit genug Dollarscheinen in der Tasche, um zu heiraten, einen Lastwagen zu kaufen und endlich wieder in der Heimat arbeiten zu können. Die große Mauer, geplant von US-Präsident Trump, ist in dem Gemälde noch nicht zu sehen.

Eine mexikanische Votivtafel.

Mexikanisches Ex Voto, publiziert in Alfredo Vichis Roque et Pierre Schwartz: „La rue des miracles, Ex-voto mexicains contemporains“, Paris: Seuil, 2003.


Die Heilige Jungfrau und der grüne Schleier

Beyoncés Instagram-Bild steht in dieser Bildtradition. Das kurios Hybride daran ist nur, dass sich hier Bittstellerin und Patronin ineinander verschränkt zeigen. Die Frau mit dem Kinderwunsch erscheint als schwangere Madonna, in der sich das Wunder schon erfüllt hat. Im Zeitalter der Reproduktionsmedizin übt der Mensch den Kinderwunsch in biotechnologischer Selbsterfüllung aus und braucht daher kein göttliches Wunder mehr abzuwarten.

Damit die Ähnlichkeit zwischen Beyoncé und der Heiligen Jungfrau nicht allzu offensichtlich wird, erscheint die Gottbegnadete unter einem grünen Schleier, was insofern ungewöhnlich ist, als dass Marias Kleiderfarben normalerweise weiß, rot oder blau sind. Die finden sich im burgunderfarbenen BH und im blassblauen Slip der Schwangeren immerhin augenzwinkernd angedeutet – to whom it may concern. Das Grün bedeutet hier, vor uns eine Frau in guter Hoffnung zu sehen.

Warum Beyoncés Post diese visuelle Schlagkraft entfalten konnte? Weil uns beim Betrachten dieser Instagram-Ikone ein Gefühl überkommt, als hätten wir es schon immer gewusst: dass hier die Popgöttin des Gesangs vor unseren Augen aus den Wolken niederschwebt. Beyoncé verkörpert die transkulturelle Realität in den USA, die ein blondgeföhnter Präsident nicht mehr wahrhaben will. Die Tatsache zu verdrängen, dass sein Land zum allergrößten Teil aus Einwanderern besteht, wird ihm und seinen Wählern nicht gut bekommen.