Internet-Arzt Johannes Wimmer

Dr. Google? Dr. Wimmer!

Smart, empathisch und extrem umtriebig: Internet-Doktor Johannes Wimmer wurde mit Videos zu Gesundheitsfragen zum Star im Netz. Mittlerweile heilt er auf vielen Kanälen. Ein Arztbesuch.

Veröffentlicht am 18.01.2017
Dr. Johannes Wimmer

Arzt mit Vision: Dr. Johannes Wimmer.


Dr. Johannes Wimmer sitzt in einem blütenweißen Arztkittel am Schreibtisch, hinter ihm ein Regal voller dicker medizinischer Fachbücher. Der Scheitel sitzt, seine Brille lässt ihn seriös und cool zugleich wirken. Die Sprechstunde beginnt, er blickt in die Kamera und sagt charmant lächelnd: „Immer wieder werde ich von Frauen gefragt, warum zur Hölle es nicht klappt mit der Bikini-Figur.“ Er wäre die Idealbesetzung für ein Remake der „Schwarzwaldklinik“: gut aussehend, dynamisch, kompetent.

Der Selfmade-Mann

Doch Dr. Johannes Wimmer ist kein Schauspieler, er ist Deutschlands bekanntester Internet-Doktor, dessen Videos auf Facebook und Youtube millionenfach geklickt werden. Sie tragen Titel wie „Welche Lebensmittel haben 200 Kalorien?“ oder „Sex nach der Hüft-OP?“. Das Prinzip: In drei bis fünf Minuten gibt der 33-jährige Hamburger Gesundheitstipps oder erklärt ein medizinisches Problem.

Seine humorvolle Art kommt so gut an, dass ihn inzwischen das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Techniker Krankenkasse für Sprechstunden-Formate verpflichtet haben. Beim NDR hat er sogar eine eigene Sendung: „Dr. Wimmer – Wissen ist die beste Medizin“. Der Netzdoktor heilt auf vielen Kanälen; sein Ratgeber „Alles über die Haut“ ist ein Bestseller, er hat ein Start-up gegründet und verhandelt über eine chinesische Version seiner Tutorials. Ganz nebenbei hat er dieses Jahr über hundert Vorträge gehalten. Oft vor Kollegen, die wissen wollen, wie die Sache mit dem Internet funktioniert und wie er es schafft, dabei so locker rüberzukommen. 

Trifft man den Star-Doc zum Interview, empfängt er nicht in einem schnieken Fernsehstudio, sondern in einem leicht chaotischen Kellerbüro. Inmitten leerer Pizzakartons und einem provisorischen Filmset produziert er mit seinem Team neue Folgen seiner NDR-Sendung. Darin berät er Patienten, interviewt Kollegen, und gerade ist auf einem Monitor zu sehen, wie er mit einer älteren Dame ihre Schlaflosigkeit bespricht. Sie wirkt beseelt – als habe sie gerade ihren Traumschwiegersohn kennengelernt. Denn Dr. Wimmer hakt nicht einfach Symptome ab, er fühlt sich ein und nimmt Patienten auch mal fest in den Arm.

Dr. Johannes Wimmer im Studio des Senders NDR.

Der Doc im Studio: Hier produziert Johannes Wimmer seine Sendung für den NDR.


Keine halben Sachen

Im Café um die Ecke bestellt er einen Cappuccino – lauwarm. Die Bedienung stutzt, er lächelt entwaffnend und sagt: „Ich bin zu ungeduldig, um zu warten, bis er abkühlt.“ Seine andere Seite: Alles muss zack, zack gehen. „Ich bin nicht gemütlich“, sagt Johannes Wimmer, „entweder ich ziehe das jetzt durch oder ich lasse es bleiben. Halbe Sachen sind nicht mein Ding.“ Bei anderen klänge das vielleicht großspurig, aber er wirkt dabei wie einer, der genau dort angekommen ist, wo er immer hinwollte. Auf die Idee mit den Erklär-Videos kam Johannes Wimmer, als er am Uniklinikum in Hamburg arbeitete: „Ich redete mir den Mund fusselig, weil ich so gut wie jedem Patienten das Gleiche erzählte.“ Also überlegte er, wie man Grundlagen vorab vermitteln könnte, um mehr Zeit für individuelle Themen zu haben. Als er vor dreieinhalb Jahren anfing, damals noch als „Dr. Johannes“, kam ein weiterer Aspekt hinzu: „Viele Patienten trauen sich beim Arzt nicht, über unangenehme Dinge wie Hämorrhoiden zu sprechen“, erzählt Johannes Wimmer, „also mache ich auch Videos über solche Themen.“

Einige Kollegen rümpfen über seine Business-Idee die Nase, doch den Vater zweier Töchter spornt das eher an. „Da ist eine große Portion Arroganz dabei.“ Er hat keine Berührungsängste. Um vor der Kamera professioneller zu werden, bewarb er sich bei einem Teleshopping-Kanal – nicht gerade die feinste Adresse für einen promovierten Mediziner. „Eigentlich wollte ich nur das Casting durchlaufen, aber als mir eine Stelle angeboten wurde, konnte ich nicht Nein sagen“, erzählt er. So verhökerte er im Fernsehen orthopädische Matratzen – neben seinem Job in der Notaufnahme einer Hamburger Klinik. Und bastelte parallel an seiner Internet-Karriere.

Die Menschen fühlen sich verstanden

Was er beim Teleshopping gelernt hat? „Nähe aufzubauen“, sagt er und setzt den intensiven Wimmer’schen Vertrau-mir-Blick auf. „Ich kann mein Gegenüber durch die Kamera nicht sehen, aber ich gebe ihm trotzdem das Gefühl, dass ich für die Person da bin.“ In der Wissenschaft nenne man diese Form der virtuellen Kontaktaufnahme „parasoziale Beziehung“. Eine Illusion, die funktioniert. Weil sich die Menschen verstanden fühlen. Das merke er, wenn er auf der Straße angesprochen wird: „Die begrüßen mich, als würden sie mich wirklich kennen.“

Doch kein Internet-Film kann einen Arztbesuch ersetzen: Er gebe lediglich allgemeine Ratschläge. Abgesehen davon seien Fernbehandlungen in Deutschland sowieso verboten. Allerdings suchen drei von vier Menschen im Internet medizinischen Rat. Viele Ärzte sind davon nicht gerade begeistert, weil so manches mit fundierter Medizin nichts zu tun hat. Viele User fühlen sich nach dem Surfen zudem kränker als vorher – Cyberchon­drie nennt sich das Phänomen.

Traumatisches Erlebnis

Eine Karriere als Arzt war für Johannes Wimmer nicht selbstverständlich: „Ich komme aus einer Familie mit vielen Handwerkern“, erzählt er. Er versuchte es mit Volkswirtschaft, weil er Hemmungen hatte, sich für das elitäre Fach einzuschreiben. Ein älterer Medizinstudent ermunterte ihn: „Das, was wir hier machen, schafft ein Affe im Kittel.“ Daraufhin zog er das Studium durch. Seinen großen Ehrgeiz erklärt der Selfmade-Mann mit einem traumatischen Erlebnis, als er knapp fünf Jahre alt war: „Mein Vater ist vor meinen Augen gestorben, woran genau, weiß ich bis heute nicht.“ Sein Vater war Anwalt, er wurde nur 38 Jahre alt. Johannes Wimmers Rechnung: „Bis ich so alt bin wie er damals, bleiben mir noch fünf Jahre. Bis dahin will ich etwas Bleibendes geschaffen haben.“

Meine Live-Sprechstunde ist vorbei, Dr. Johannes Wimmer läuft mit wehendem rotem Schal zurück zu seinem Kellerbüro. Bevor er darin verschwindet, sagt er: „Morgen bekomme ich Botox gespritzt.“ Um die Stirnfalten loszuwerden? Er grinst: „Nein, ich probiere es für meine Sendung aus.“ Sollte der Typ demnächst also eine Spur zu glatt rüberkommen – wir wissen warum.

Die häufigsten Fragen an den Internet-Doc

Kann man beim Sport einen Orgasmus bekommen?

Ja, kann man – nennt sich Coregasm. Das Wort leitet sich aus dem englischen core (Kern) und „Orgasmus“ ab. Gemeint ist ein Höhepunkt, den Frauen allein durch die Anspannung der Bauchmuskulatur erreichen können. Es gibt Studien, die das belegen. Inzwischen bieten New Yorker Gyms bereits ein entsprechendes Workout an – mit Geld-zurück-Garantie. Beste Übung für ein, nun ja, befriedigendes Ergebnis: der „Captain’s Chair Leg Raise“ (drei Runden à 15 Wiederholungen). Da lohnt sich das Fitnessstudio gleich doppelt.

Welche Lebensmittel haben 200 Kalorien?

Klingt erst mal simpel: Im Schnitt verbraucht eine Frau pro Tag 1500 Kilokalorien, wer abnehmen will, muss weniger aufnehmen. Damit die Fettverbrennung optimal läuft, empfehlen Ärzte gleichmäßige Mahlzeiten von 200 bis 400 Kalorien. Deshalb sollte man einschätzen können, was 200 Kalorien hat. Sellerie oder Paprika kann man bergeweise futtern. Bei Gummibärchen maximal eine Handvoll. Cheeseburger: ein halber. Pasta als Miniportion (ohne Sauce). Aha-Effekt: Zwei Gläser Cola haben dieselbe Kalorienbilanz wie ein größeres Glas Milch.

Was hilft wirklich bei Panikattacken?

Angst kann jeden treffen und ist ein ernst zu nehmendes Problem. Sie entsteht, wenn der Körper eine Gefühlsregung als lebensbedrohlich interpretiert und eine fatale Kettenreaktion auslöst: Herzrasen, Luftknappheit, kalter Schweiß, Schwindel, Ohnmacht. Oft wird dann die Situation, in der die Panik aufgetreten ist, vermieden – das kann Rückzug und Depressionen zur Folge haben. Was man tun kann: ruhig atmen, bleiben, wo man ist, sich konzentrieren. Die Angst unbedingt zulassen, keinen Gegendruck erzeugen. Und auf lange Sicht mit einem Profi sprechen.

Ist starkes Schwitzen normal?

Der Körper schwitzt, um seine Temperatur zu regulieren. Das wird vom autonomen Nervensystem gesteuert und lässt sich somit auch nicht beeinflussen. Manche schwitzen aber generell zu stark, das nennt sich Hyperhidrose. Oft ist ohne erkennbare Ursache nur ein Körperteil betroffen, etwa die Achseln oder die Hände. In solchen Fällen können Botox­-Injektionen helfen. Bei anderen gibt es eine Ursache, z.B. Fieber, Er­kältung, im schlimmsten Fall auch Krebs. Unbedingt zum Arzt gehen.

Mythen rund um die Schwangerschaft

Müssen Schwangere wirklich für zwei futtern?
Nö. Erst ab dem fünften Monat benötigt der Organismus zusätzlich 250 Kalorien – das entspricht einem Käsebrot. Aber: Der Speichel wirkt wie ein Appetizer, weil er durch die Hormone eine andere Zusammensetzung hat.

Jede Schwangerschaft kostet einen Zahn?
War früher so, jetzt nicht mehr – solange man sich mit Vitaminen und Mineral­stoffen versorgt. Allerdings begünstigt der veränderte Speichel Karies. Zähne also noch gründlicher pflegen.

Die Bauchform verrät das Geschlecht?
Quatsch. Je nach Körperbau oder Mus­kulatur sieht jeder Bauch anders aus.

Gibt es eine Stellung beim Sex, mit der man beeinflussen kann, ob es ein Mädchen oder Junge wird?
Fehlanzeige. Männliche Spermien sind schneller, dafür können weibliche länger überleben – es herrscht also Gleichberechtigung.