Curvy-Model Ashley Graham

„Glaub an dich. Immer“

Model Ashley Graham sieht sich nicht nur als Curvy-Ikone, sondern als Body-Aktivistin, die Frauen dazu ermutigen will, stark und selbstbewusst zu sein – egal, welche Kleidergröße sie tragen. Im Interview spricht sie über Geduld und Cellulite als Mutmacher.

Ashley Graham.

Umwerfend, diese Ausstrahlung! 


Curvy? Plus Size? Super-Supermodel? Wenn es nach Ashley Graham geht, sagt man am besten einfach: Model. Keine Schubladen mehr, das wäre ihr am liebsten. Im letzten Jahr landete die 29-jährige Amerikanerin aus Nebraska auf dem Cover der Sports Illustrated, auf der legendären Bademoden-Edition, die schon Heidi Klum zum Durchbruch verhalf. Mit dem Unterschied, dass Graham keine 36, sondern Größe 44 trägt. Gerade sah man sie auf dem Titel der britischen Vogue und so wurde sie zum Postergirl einer neuen Zielgruppe der Modeindustrie: Frauen, die zu ihrer (Kleider-)Größe stehen. Seit 2010 ist Ashley Graham mit dem Kameramann Justin Ervin verheiratet, lebt in New York und ist aktuell das Testimonial von Marina Rinaldi. Nicht ganz unerheblich für ihren Erfolg: Sie sieht nicht nur umwerfend aus, sie hat auch was zu sagen.

Ashley Graham.

Backstage-Foto vom Shooting der neuen Marina-Rinaldi-Kampagne.


Frau Graham, Sie modeln, seit Sie zwölf sind. Warum hat es mit dem Durchbruch so lange gedauert?
Vielleicht war die Welt noch nicht reif für Frauen wie mich. In den Magazinen gab es keinen Platz für kurvige Models. Erst in den letzten Jahren hat sich das verändert. Das war ein hartes Stück Arbeit und zeigt: Jeder kann Karriere machen, man muss nur Geduld haben.

Was hat den Ausschlag dafür gegeben?
In Amerika trägt die Durchschnittsfrau 42, 44 oder 46. Aber erst durch die Social Media nahmen die Unternehmen von ihr Notiz. Auch diese Frauen wollen sich in Kampagnen und Fotostrecken repräsentiert sehen. Ist das nicht der Fall, werden sie ein Magazin oder ein Produkt schlicht nicht kaufen.

Wie oft haben Sie im Modelbusiness gehört: Komm wieder, wenn du dünn bist?
Die Kunden sagten entweder, ich sei zu dick oder nicht dick genug. Bis ich verstanden habe, dass es nicht darum geht, es irgendeinem Agenten recht zu machen, sondern darum, mit mir glücklich zu sein und mich anzunehmen, wie ich bin.

Woher kommt dieses Selbstbewusstsein?
Das kam nicht von einem Tag auf den anderen. Auch ich hatte Zweifel, es gab viele Momente, in denen ich unsicher war. Aber irgendwann dachte ich: Das ist nicht nur meine Geschichte. Es ist die vieler Frauen, von denen man sagt: „Eigentlich ganz hübsch – für ’ne Dicke.“ Der Weg zum Erfolg: offen sein und sich nach draußen wagen.

Hatten Sie so was wie ein Schlüsselerlebnis?
Es gab eine Zeit, in der ich nicht ganz ehrlich zu mir selbst war. Ich war mit einem Mann zusammen, der mich nicht respektierte, und schließlich verlor ich selbst den Respekt vor mir. Ich nahm zu, war unglücklich, wenn ich in den Spiegel schaute.

Wie haben Sie die Krise überwunden?
Durch meine Freunde und meine Mutter. Sie hat mir meine innere Stärke wiedergegeben, indem sie mir immer und immer wieder gesagt hat, dass ich ein wertvoller Mensch bin, schlau und in der Lage, alles zu schaffen. Von ihr habe ich gelernt, dass Worte Macht haben. Wenn du vor dem Spiegel immer nur sagst: „Ich bin zu dick, ich muss abnehmen, ich bin nicht klug genug“, ist das das Bild, das du von dir hast. Wenn du dir stattdessen sagst: „Ich bin stark, ich bin brillant, ich bin schön“, ändert sich deine Einstellung. Ich musste lernen, an mich selbst zu glauben, habe meinen Körper besser behandelt – und meinen jetzigen Ehemann kennengelernt.

Sie sind Vorbild für Frauen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Welche Reaktionen bekommen Sie?
Wer hätte gedacht, dass meine Cellulite und Hüften so viel Einfluss haben? Manche Frauen erzählen mir: „Ich habe mich deinetwegen zum ersten Mal getraut, einen Bikini zu tragen!“ Oder: „Ich lasse jetzt beim Sex sogar das Licht an!“

Dafür hagelt es von anderen Fans sofort böse Kommentare, wenn Sie auf Fotos nur einen Hauch dünner aussehen.
Manche fühlen sich dann betrogen. Dabei habe ich nicht ein Kilo abgenommen. Man muss als Model kein Genie sein, um seine Schokoladenseite zu kennen.

Anfangs haben Sie alle möglichen Diäten ausprobiert. Liegt es daran, dass doch jede Frau insgeheim von Größe 36 träumt?
Damals haben Agenten mit ihren Geldscheinen gewedelt und gesagt: „Davon könntest du viel mehr haben, wenn du abnimmst.“ Und ich dachte, gut, wenn das der einzige Weg ist, um an Jobs zu kommen? Bis mir klar wurde, dass ich so nicht leben will. Heute bin ich in Bestform, weil ich glücklich bin und respektvoll mit mir umgehe. Es hat lange gedauert, aber jetzt weiß ich: Mein Körper hat eine Aufgabe – Frauen dazu zu ermutigen, stark und selbstbewusst zu sein.

Viele halten Übergewicht ja für ungesund.
Ich höre auf meinen Arzt und mache viel Sport. Allerdings habe ich gerade beim Lunch auch eine ganze Pizza mit Pesto verputzt plus Nutella-Crêpes mit Sorbet-Topping (lacht).

Statt Plus Size sagen Sie lieber supercurvylicious. Was bedeutet das?
Schönheit ist Einstellungssache! Ich sehe mich nicht nur als Model, sondern auch als body activist. Und dabei geht es ja nicht nur um Größen! Ich will, dass jede Frau, egal welcher Hautfarbe, egal, welche Probleme sie hat, weiß: Da draußen gibt es viele, denen es genauso geht wie dir. Also zeig, was du hast!

Ashley Graham.

Ashley Graham ist die Ikone der Curvy-Bewegung.


Interview: Silke Wichert


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