Pianist Igor Levit im Interview

"Es geht ums Ausflippen"

Igor Levit revolutioniert gerade im Alleingang die klassische Musik. Wir haben mit dem Star-Pianist über seine Rampensau-Qualität und seine Liebe zu Social Media gesprochen.

Veröffentlicht am 01.07.2017
Igor Levit am Klavier.


Auftritt: Igor Levit vor dem „Soho House“ in Berlin, Sonnenbrille, Bomberjacke, Turnschuhe. Da jetzt rein? Wir überqueren lieber die Straße und setzen uns im Friedhof auf eine Bank. Geboren 1987 in Nischni Nowgorod, bekommt er mit drei Jahren die erste Klavierstunde von seiner Mutter, mit vier gibt er sein erstes Solokonzert. 1995 zieht die Familie nach Hannover, ein Jahr später nimmt er an den ersten Klavierwettbewerben teil. Wer jetzt denkt, schon wieder ein Wunderkind aus Russland, täuscht sich. Alle sind sich einig: Igor Levit wird nicht der Pianist des Jahrhunderts. Er ist es schon.

Herr Levit, könnten Sie sich in jemanden verlieben, der nichts von Beethoven versteht?
Großes Ausrufezeichen: Ja!

Was muss man über Beethoven wissen, um ihn zu verstehen?
Da steigen wir jetzt aber echt ein. Beethoven verstehen heißt, einen Menschen zu verstehen, der seine Gefühle und Wünsche in Musik übersetzt hat, die mit uns zu tun hat: Weil sie Gefühle transportiert, die wir alle kennen. Allein dafür offen zu sein reicht.

Warum tun sich viele Leute dann so schwer mit klassischer Musik?
Das ist doch Unsinn, ein Klischee. Ich habe noch nie erlebt, dass ein Publikum, das vermeintlich nichts mit klassischer Musik zu tun hat, nicht komplett austickt, wenn man es mitnimmt. Selbst bei den kompliziertesten, hochpolitischen Stücken.

Moment, es geht bei klassischer Musik ums Ausflippen?
Es geht nur ums Ausflippen, um Grenzerfahrungen. Also, Leute, lasst euch darauf ein! Rechnet damit, übermannt zu werden und dass die Musik auch mal nervt oder stört. Das ist okay, denn das ist alles Teil unseres Lebens. Auch Menschen, die wir sehr lieben, stören uns manchmal wahnsinnig. Es ist alles viel natürlicher, als immer getan wird.

Es ist also egal, ob Helene Fischer oder Bach gespielt wird?
Nein, das ist nicht egal. Aber das Narrativ – Achtung, das ist mein Lieblingswort –, das wir Musiker der Klassik geben, ist teilweise so menschenfern und unnahbar, damit tun wir ihr keinen Gefallen.

Wie muss man „Für Elise“ spielen, damit die Menschen ausflippen?
Man muss das Stück einfach sehr, sehr lieben, und ich liebe es. Es ist ein wunderschönes, reines, hochmelancholisches Stück, das jedes Eichhörnchen kennt, aber das nie auf großen Bühnen gespielt wird. Grotesk!

Sie gelten als Hoffnungsträger, der die Klassik für die nächsten Generationen retten soll. Wie geht das?
Keine Ahnung, ich frage mich einfach: Wie erzähle ich die Musik den Menschen, die im Saal sitzen?

Sie haben das absolute Gehör. Klingt nach Geheimdienst …
Das heißt nur: Wenn mir jemand einen Ton vorspielt, höre ich, welcher Ton das ist, zum Beispiel ein G. Ich brauche dazu keinen Zusammenhang, muss nicht hinschauen. Das ist angeboren und erleichtert vieles, macht aber einen Musiker weder besser noch schlechter.

Was unterscheidet Töne von Musik?
Töne sind Musik, aber was die Töne mit einem machen, das ist das Geheimnis von Musik. Wenn ich ein Stück spiele, spiele ich es mit meinen Erfahrungen und meinen Gefühlen. Auf der anderen Seite im Publikum hören Menschen aber etwas Eigenes. Es ist ein sehr intimer, schöner Vorgang. Ich gebe viel preis von mir und bin dadurch verwundbar, aber das ist okay.

Klappt dieser intime Kontakt immer?
Nein, aber wenn ich irgendwann nicht mehr daran glaube, hänge ich das Spielen an den Nagel.

Wie groß ist der ideale Abstand zwischen Bühne und Publikum?
Wie bei einem Gespräch. Ein kleiner Abstand, ein bisschen Leere muss sein. Gerade habe ich ein Konzert gespielt, da wurde der Abstand immer kleiner, am Schluss war er weg. Manchmal kommt der Kontakt auch nicht zu zustande. Das merke ich dann sofort. Manchmal weiß ich schon vorher, heute wäre es klug, nicht zu spielen, aber das passiert nur sehr selten. 

Wie viele Telefonnummern werden Ihnen pro Auftritt zugesteckt?
Ich erinnere mich bis jetzt an vier Erlebnisse dieser Art.

Und dann?
Ein Gentleman genießt und schweigt.

Sind Sie eine Rampensau?
Sagen wir einfach: Ich mache gern, was ich mache. 

Viele Stars haben Rituale, meditieren, machen Liegestützen. Was tun Sie gegen Lampenfieber?
Ich habe kein Ritual. Neulich habe ich in London vor einem Konzert einen unglaublich miesen Risotto gegessen und danach drei Éclairs verdrückt, und es wurde ein fantastisches Konzert.

Was für ein Mensch sind Sie, wenn Sie nicht Klavier spielen?
Oh je, da müssen Sie andere fragen. Ich bin sehr neugierig und liebe Menschen.

Wenn Klavierspielen kein Job für Sie ist, was dann?
Es ist für mich im schönsten Sinne das Normalste, das es gibt. Ich stelle auch nicht infrage, dass ich einatme und ausatme. Wenn ich aus irgendeinem Grund nicht mehr spielen dürfte, das mag ich mir gar nicht ausmalen.

Unterscheiden Sie Musik in klassisch und nicht klassisch?
Musik ist Musik ist Musik. Würde die Musikwelt das auch so sehen, wäre sie noch viel reicher. Dann müsste Musik aus Äthiopien mit demselben Ernst behandelt werden wie Gustav Mahlers erste Sinfonie. Passiert aber nicht.

Schon mal Udo Lindenberg gehört?
Ja. Großartig!

Von wem lassen Sie sich inspirieren?
Von Künstlern, die vom Leben erzählen: Kendrick Lamar, Eminem, Leonard Cohen, Bob Dylan, Jimi Hendrix. Schriftsteller wie James Baldwin, Journalisten wie Alan Rusbridger, Carolin Emcke oder Georg Diez …

Was für einen Auftrag hat Musik?
Keinen. Menschen haben Aufträge. Nur weil jemand Beethovens Neunte kennt, macht er die Welt nicht besser.

Wussten Sie, worauf Sie sich als Pianist einlassen?
Nein. Ich merke erst jetzt immer mehr, was für ein emotionaler Parcours das ist. Es bringt einen an Grenzen, aber ich habe das nie als negativ empfunden.

Sie haben vor einigen Jahren mit Sport begonnen. Hat das Ihr Spiel verändert?
Ich war, um es mal freundlich zu sagen, bis ich 24 war, ein dickes Kind. Dabei keineswegs unglücklich. Durch den Sport hat sich meine Körperlichkeit verändert. Ich musste im Grunde neu lernen, Klavier zu spielen, was toll war. Aber auch Sport mache ich nach Laune, manchmal täglich drei Stunden, manchmal wochenlang nichts.

Entscheiden Sie alles nach Intuition?
Meine Intuition ist sehr klar und hilft. Ich kann mich aber auch auf meine Freunde, Familie und Vertrauten verlassen. Das gibt mir sehr viel, wenn ich Rat brauche, aber auch in Bezug auf Selbstvertrauen. Ich weiß, da ist ein doppelter Boden, ich bin nicht allein.

Sie twittern eifrig. Woher kommt Ihre Liebe zu Social Media? Genügt Ihnen der Applaus auf der Bühne nicht?
Aber nein. Es geht nicht um Bedürftigkeit und ist auch keine Marketing-Maßnahme. Twitter ist eine geile Plattform, impulsiv und schnell, das entspricht mir. Es ist aber auch gefährlich, weil dort viele Idioten unterwegs sind: Die Leute, die Fake News verbreiten, Brände setzen, sollen zur Hölle fahren.

Wen werden Sie im Herbst wählen?
Fragen Sie mich, wer es nicht sein wird: Neofaschisten. Alles andere ist noch im Fluss. Ich werde aber wählen.

Star-Pianist Igor Levit.

Hat ein Händchen für klassische Musik: Star-Pianist Igor Levit.