Isabelle Huppert im Porträt

Die Empfindsame

Die französische Schauspielerin Isabelle Huppert ist eine Meisterin der Wandlungsfähigkeit. Zeit für eine kleine Liebeserklärung.

Veröffentlicht am 11.01.2018
Porträt von Isabelle Huppert.

Frankreichs Filmkönigin: Isabelle Huppert. 


Da ist diese Szene in „Elle“, ihrem letzten Welterfolg, dem Psychothriller des holländischen Regisseurs Paul Verhoeven, in dem sie Michèle spielt, eine erfolgreiche Geschäftsfrau, die gleich in den ersten Filmminuten von einem schwarz vermummten Mann vergewaltigt wird. Wenn man den Film nach der Tatszene anhält, sieht man ein Standbild, das wie ein niederländisches Renaissance-Gemälde wirkt: Der Fußboden ihres Salons, altes Fischgrätparkett, hat das Ausmaß einer Landschaft angenommen – zerbrochenes Glas liegt auf dem Boden, Scherben von Porzellan, die Tischdecke, die Michèle am Boden liegend heruntergezogen hat, während sie vergewaltigt wurde, als habe sie gehofft, den gedeckten Tisch in ihrer Not in eine Waffe verwandeln zu können.

Mittendrin Isabelle Huppert, im Profil, auf der Schläfe eine Schürfwunde. Sie trägt ein blaues Wickelkleid, dessen samtene Textur das wenige Licht des Raumes schluckt. Ihr Kinn ist erhoben, ihr Blick geht hinaus in die Ferne. Die Szene ist von vollendeter Schönheit und lässt erahnen, dass diese Frau alles tun wird, nur eines nicht: sich in die Rolle des Opfers fügen.

Eine Mischung aus Intellekt und Instinkt 

Nicht viele Schauspielerinnen wirken, als seien sie den Gemälden der alten Meister entstiegen. Die Huppert kann das. Es mag mit ihrem Aussehen zusammenhängen, mit ihrem durchscheinenden Teint, den roten Haaren, ihren grau-grünen ­Augen, mit ihrer zierlichen, für 64 Jahre alterslosen Erscheinung. Aber der wahre Grund ist ein anderer: Isabelle Huppert ist eine Meisterin der Wandlungsfähigkeit, die sich ihrer Umgebung anpasst und dabei das Gefühl vermittelt, stets nur sich selbst zu spielen. 

„Es gibt nur eine einzige Schauspielerin, die wie sie beides vereint: auf der einen Seite das äußerste Leiden, auf der anderen Seite die eisige Intellektualität“, sagt Regisseur Michael Haneke, der mit ihr unter anderem das Familiendrama „Happy End“ gedreht hat. Auch andere Größen, die mit ihr gearbeitet haben, von Claude Chabrol bis Jean-Luc Godard, haben diese Mischung aus Intellekt und In­stinkt an ihr stets bewundert.

Sie scheint wirklich alles zu können: zerbrechlich und zugleich stark zu wirken, willensschwach und entschlossen, wahlweise glühend oder eiskalt. In ihrer langen Karriere hat sie schüchterne Mädchen und fiese Psychopathinnen gespielt, sie stand als Medea auf der Bühne, als kindsmordende Mutter, sie war Femme fatale und dann wieder Milchbäuerin, nymphomane Nonne, gestörte Briefträgerin, masochistische Lehrerin. Immer hat sie es verstanden, nur eine Ahnung von dem durchblicken zu lassen, was ihre Figuren erleiden oder anderen antun. „Eine Athletin des Leidens“ hat die französische Presse sie einmal genannt, als würde sie sämtliche Rekorde des Schmerzes brechen.

Rothaarige Menschen, sagt man, haben ein größeres Schmerzempfinden, sie sind sensibler. Bei Operationen brauchen sie eine stärkere Dosis an Betäubungsmitteln. Die gesteigerte Empfindsamkeit, sie macht einen Teil des Geheimnisses von Isabelle Huppert aus. Es gibt aber noch einen anderen.

Als unlängst ihre amerikanischen Kolleginnen Jessica Chastain und Annette Bening eine Anstecknadel mit dem Schriftzug „I love Isabelle Huppert“ trugen, kommentierte sie trocken: „Wahrscheinlich beneiden sie mich um meine Freiheit. Interessante, subversive Frauenfiguren sind in amerikanischen Drehbüchern eher selten.“ Als Französin, mit dem Geist der Nouvelle Vague im Rücken, wurde Isabelle Huppert die Schauspielerin und freie Frau, die sie heute ist.

Hollywood mit seinen zur Schau getragenen Gefühlen und Geschichten und den gleichförmigen Frauenbildern hat sie nie interessiert. Sie liebt das Subversive, suchte sich komplexe Rollen, für die sie mit Preisen und Anerkennung überschüttet wurde. Über 130 Filme hat sie in den bald 50 Jahren ihrer Karriere gedreht. Wenn man sie bittet, Abstand zu nehmen, zurückzublicken, sagt sie: „Meine Filme sind eine Art weibliche Geschichte des Kinos.“ Von der schüchternen Friseurin in Claude Gorettas „Die Spitzenklöpplerin“, das war 1977, bis zur erfolgreichen Geschäftsfrau in „Elle“, die die Machtverhältnisse umdreht, lässt sich an Hupperts Rollen ablesen, wie sich die Gesellschaft, ihr Frauenbild, aber auch das Selbstbild der Frauen gewandelt hat. 

Als „Abenteuerreise durch die weibliche Sexualität im Laufe der Jahrzehnte“ hat Isabelle Huppert ihre Arbeit beschrieben. Filme wie „Die Ausgebufften“ und „Der Loulou“, die sie am Anfang ihrer Karriere drehte, sorgten damals für heftige Skandale: Die 68er-Revolte hatte ihre Spuren hinterlassen. Zu den schönsten Erinnerungen der Huppert gehört bis heute die Filmszene mit Gérard Depardieu, dem Loulou: Beim Sex bricht das Bett unter ihnen zusammen. Depardieu sei ein Seelenverwandter, sagt sie oft. 2015 stand sie wieder mit ihm in „Valley of Love“ vor der Kamera, ein Film, der ein getrenntes Paar auf der Suche nach dem toten Sohn zeigt. „Ich hatte das Gefühl, es ist der Sohn, den wir 35 Jahre zuvor auf der Leinwand gezeugt haben.“

„Ich zweifle niemals"

Dass sie nach so vielen Jahren nach wie vor eine der begehrtesten und angesehensten Schauspielerinnen ist, verdankt Isabelle Huppert neben ihrer Empfindsamkeit und ihrer Vorliebe für vielschichtige Rollen auch ihrer erstaunlichen Sicherheit. Als sie im Alter von 14 Jahren mit dem Schauspielunterricht begann, wollte sie eine große Leere, die sie spürte, mit fremden Figuren bevölkern. Inzwischen ist ihr das Spielen „so natürlich wie das Atmen. Ich zweifle niemals. Ich habe grenzenloses Selbstvertrauen, keinerlei Angst“. Solche Sätze werden ihr als Zeichen von Unnahbarkeit ausgelegt. Dabei drücken sie eine professionelle Distanz aus, von der sie mal sagte, sie sei für Schauspieler unerlässlich, weil man ja nicht sei, was man spiele. Und wer die Huppert wirklich ist, das weiß nur sie selbst – ein Vorteil für eine Frau, die sich in ihrem Repertoire nicht festlegen lassen will. 

Man kann sie in Interviews zu vielem bewegen, sie spricht über Feminismus, Philosophie und auch über Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron, dem sie, anders als viele ihrer Landsleute, gern „eine wirkliche Chance“ geben würde. Aber Geständnisse aus ihrem Privatleben hat ihr bislang noch niemand entlockt. So beschränkt sich, was man über das Familienleben der Pariserin weiß, auf das, was im „Who’s Who“ steht: verheiratet seit 35 Jahren mit dem französisch-libanesischen Filmproduzenten Ronald Chammah, mit dem sie drei erwachsene Kinder hat, die allesamt im Kinomilieu arbeiten: Lolita, 34, die Älteste, ist Schauspielerin. Sohn Lorenzo, 31, managt das Pariser Autorenkino, das seiner Mutter gehört. Der Jüngste, Angelo, 20, studiert am amerikanischen Bard College Film- und Medienkunst. 

Selten spricht Isabelle Huppert darüber, wie sie Karriere und Familie vereinbart hat. Schuldgefühle? „Natürlich hatte ich die. Aber sich schuldig zu fühlen ist eine Sache. Sich von diesem Gefühl auffressen zu lassen, um dann zu kapitulieren, eine andere.“ Heute ist sie stolz auf die Karriere ihrer Tochter, die weiß, dass man ihre Mutter für unterkühlt hält: „Für mich ist sie das Gegenteil. Zwischen uns herrscht eine zärtliche Leichtigkeit“, sagt Lolita Chammah.

Als die Huppert vor Jahren mal gefragt wurde, ob sie sich wohlfühle in ihrer Haut, sagte sie, ohne zu zögern: „Ich bin überglücklich, eine Frau zu sein.“ Dieses Glück, so wirkt es, scheint mit dem Alter nur größer geworden zu sein.