Karl Ove Knausgård im Interview

„Der Familie entkommt man nicht“

Niemand beschreibt das Familienleben ehrlicher und genauer als der Norweger Karl Ove Knausgard. Ein Treffen mit dem Schriftsteller des Jahres im schwedischen Ystad

Wohl kein anderer Schriftsteller hat in den vergangenen Monaten Leser und Literaturbetrieb so sehr aufgescheucht wie der Norweger Karl Ove Knausgård. In seinem sechsbändigen Romanzyklus "Mein Kampf" erzählt er auf 4000 Seiten zwar nur von seinem eigenen Leben, aber mit einer so mutigen, dem Leser kein Detail ersparenden Ehrlichkeit, dass man sich in ihm wiedererkennt. Mit seinen Büchern – von denen bislang vier ins Deutsche übersetzt worden sind – ist Knausgård zum internationalen Bestsellerautor geworden, in den USA wird er fast wie ein Rockstar gefeiert (es hilft, dass er auch ein wenig so aussieht).

Wir haben Karl Ove Knausgård im schwedischen Ystad besucht, wo er mit seiner Frau und mittlerweile vier Kindern lebt, um mit dem 45-Jährigen über ein zentrales Thema seiner Bücher zu sprechen: Wie schafft man es, mit dem Menschen, den man liebt, und mit Kindern so zu leben, dass man an der Größe der Aufgabe nicht scheitert oder den Krempel immer wieder hinwerfen will? Wie wird man ein guter Familienmensch?

Herr Knausgård, was bedeutet Ihnen Familie?
Knausgård: Sie ist mein Zuhause, der Ort, an den ich gehöre. Ich habe in meinem Leben nie irgendwo hingehört, aber jetzt tue ich es.

Sie gehören aber auch zu einer zweiten Familie – zu jener, aus der Sie stammen und in der es, wie Sie in Ihren Büchern schildern, keine Geborgenheit gab.
Irgendwann ist man erwachsen genug, eine Wahl treffen zu können. Wenn man feststellt, dass eine Familie nicht gut für einen ist, kann man beschließen, auf Wiedersehen zu sagen.

Glauben Sie, dass Ihre Eltern Sie gekannt haben?
Nein. In den 70ern, in denen ich aufgewachsen bin, gab es eine viel größere Distanz zwischen Eltern und Kindern als heute. Als ich meiner Mutter meinen ersten Roman geschickt habe, hat sie sich lange nicht gemeldet – obwohl wir es gewohnt waren, einmal die Woche zu telefonieren. Mir war klar, woran es lag. Sie hatte beim Lesen begriffen, dass sie einfach nicht wusste, wie es sich für mich anfühlte, ich zu sein. Mein Vater hat mich noch weniger gekannt.

"Jeder denkt mal darüber nach, seine Familie zu verlassen"

Sie schildern Ihre Familie, das Leben mit kleinen Kindern, als einen ständigen Kampf. Muss es so sein?
Nein. Bei uns lag es daran, dass wir innerhalb sehr kurzer Zeit drei Kinder bekamen. Und ich war damals aus allen möglichen Gründen frustriert und hatte keine Geduld. Mittlerweile sind wir weiser und ruhiger geworden. Das Gute ist, dass die Kinder sich an diese Zeit kaum noch erinnern können. Für sie war alles immer ganz toll. Wir sind zum Beispiel mal zusammen in Venedig gewesen. Es war fürchterlich, wir haben uns nur gestritten. Aber als wir uns später das Fotoalbum von dieser Reise angeguckt haben, haben sie regelrecht geschwärmt und wollten unbedingt noch einmal hin.

Sie dagegen wollten sich an alles erinnern, auch an die schmerzhaften Dinge, die die meisten Menschen lieber vergessen würden.
Ich wollte es loswerden. Aufschreiben und vergessen.

Wie wichtig ist es für das eigene Lebensglück, sich von der Last der Vergangenheit zu befreien?
Es kommt darauf an, wie empfindsam man ist. Ich habe Freunde, denen es in ihrer Kindheit schlimmer ergangen ist als mir und die es geschafft haben, es nicht an sich herankommen zu lassen. Natürlich ist das bei jedem anders. Manche setzen sich damit auseinander, manche denken nie darüber nach. Fest steht: Selbstmitleid hilft einem nicht weiter. Und auch wenn man alles aufgearbeitet hat, bedeutet das nicht, dass man sich davon lösen kann.

Menschen, die Ihr Buch gelesen haben, empfinden oft Erleichterung. Endlich schreibt jemand auf, wie es wirklich ist. Warum tut man sich mit dem Thema so schwer?
Aus Scham vielleicht. Ich selbst hätte ja auch mit niemandem darüber gesprochen. Aber es war mir möglich, darüber zu schreiben. Beim Schreiben schaut einem niemand zu.

Steht morgens um halb vier auf, um zu schreiben: Karl Ove Knausgård.


Sie haben einmal behauptet, dass Sie Ihre Familie verlassen hätten, wenn Sie nicht zu feige gewesen wären. War das ernst gemeint?
Ja. Ich war frustriert. Geht es nicht jedem so, dass er manchmal darüber nachdenkt, seine Familie zu verlassen?

Weil man bemerkt, dass man sich ständig im Kreis dreht?
In der Zeit, als ich darüber nachdachte, meine Frau zu verlassen, hat sie mich oft angebrüllt, und ich stand ihr genauso eingeschüchtert gegenüber wie früher meinem Vater. Mein Vater tat dasselbe, er terrorisierte mich mit Gebrüll. Und da war ich nun, ein 35-jähriger Mann mit einer Frau, die ihn anbrüllte. Warum gerät man immer wieder in eine Situation, der man doch entkommen wollte? Das ist sehr deprimierend, finde ich. Nichts ändert sich.

Aber Sie sind doch ein freundlicher Vater geworden, Sie brüllen nicht.
Nicht mehr. Ich habe hart daran gearbeitet, nicht mehr meine Beherrschung zu verlieren. Es gab Rückfälle, aber jetzt schaffe ich es.

Also verändern sich die Dinge ja doch.
Man wird erwachsen.

Was ist das Beste daran, Familie zu haben?
Wenn man jemanden hat, für den man sorgen und sein Leben geben kann, ändert das alles. Und es ist ein großes Vergnügen. Kinder geben einem viel, ohne davon überhaupt zu wissen – nur durch ihre bloße Existenz.

Was ist dann so anstrengend daran, Kinder zu haben?
In meiner Generation fühlt sich das manchmal fast wie eine Art Verletzung an. Plötzlich muss man erwachsen werden, und zwar wahnsinnig schnell, innerhalb eines einzigen Jahres.

Ist es schwerer für Väter als für Mütter?
Nein, bloß anders. Zumindest die Erwartungen an Männer, jedenfalls für einen wie mich, der in den 70ern aufgewachsen ist. Damals musste man noch altmodischeren Erwartungen genügen. Man durfte nicht weinen, und das Allerschlimmste war, als feminin wahrgenommen zu werden. Wenn man mit solchen Werten aufgewachsen ist, rumoren sie immer noch in einem, auch wenn man sie nicht mehr teilt. Außerdem hat man keine Vorbilder. Die eigenen Väter jedenfalls konnten keine sein. Natürlich haben sie ihre Kinder geliebt, aber sie haben sich keine Mühe gegeben, sie kennenzulernen.

Verstehen Sie Ihren Vater mittlerweile besser als früher?
Ich glaube schon. Er war ein Mann, der sich aus seinem Panzer befreien wollte und dabei zum Alkoholiker geworden ist. Er hat meine Mutter gebraucht, um einen sicheren Stand in der Welt zu haben. Als er sie verließ, ging er sofort verloren. Irgendwann hat er sich aufgegeben.

Sind auch Sie auf Ihre Frau angewiesen, um einen sicheren Stand in der Welt zu haben?
Ich glaube, dass sich eine Beziehung total verändert, sobald man Kinder hat. Das Elternsein wird das Skelett des Zusammenlebens, viel mehr als die persönliche Beziehung, die man miteinander hat.

Und wenn die Kinder aus dem Haus sind, beginnt die persönliche Beziehung wieder …
Wir werden sehen (lacht).

"Wenn man jemanden hat, für den man sorgen und sein Leben geben kann, ändert das alles." 

Von Liebesbeziehungen wird mittlerweile verlangt, dass sie gleichberechtigt sind.
Ich glaube nicht daran, dass Geschlecht nur eine Konstruktion ist und es keine Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt. Deswegen hält man mich in Schweden gelegentlich für einen rechten Antifeministen.

Wie kommt man denn darauf?
Zum Beispiel, weil ich darüber geschrieben habe, wie nervig es ist, mit einem kleinen Baby auf dem Schoß herumzusitzen.

Mütter empfinden das manchmal auch so.
Aber man darf darüber nicht sprechen. Man darf nicht ehrlich sein. Man hat sich auch beschwert, als ich gesagt habe, dass eine Frau einen Mann mit Baby einfach nicht attraktiv finden kann. Wenn ein Mann sich wie eine Frau benimmt, schwindet sofort seine Anziehungskraft. Jeder weiß das. Aber niemand darf es aussprechen.

Wie sollen sich eigentlich Menschen, die nicht schreiben können, mit ihren Traumata und Kindheitserfahrungen auseinandersetzen?
Tagebuch führen. Wenn man sich mit Vergangenheit auseinandersetzen will, braucht man einen Zugang zu ihr. Schreiben ist eine Methode, diesen Zugang zu finden. Wenn man es für sich selbst tut, beschwindelt man sich nicht.

Was raten Sie Leuten, die sich immer noch fragen, ob sie eine Familie gründen wollen?
Geht nach Hause und fangt an!

Die Serie- Knausgårds Romane: Zuerst erschien "Sterben", dann "Lieben" – in dieser Reihenfolge sollte man sie auch lesen.



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