Karriere vs. Familie

Die neuen Väter

Man dachte schon, sie seien nur ein Phantom: Männer, die wegen ihrer Kinder beruflich kürzertreten. Drei Männer berichten, wie sie Familie und Karriere erfolgreich vereinbaren.

Veröffentlicht am 06.06.2017
3 Väter mit ihren Kindern.


Als Angelo Januschew vor drei Jahren Vater wurde, krempelte er sein Leben komplett um. Der Pädagoge hatte an einer Berufsschule unterrichtet, dann wagte er den Sprung in die Selbstständigkeit. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin Deborah Tschepe gründete er in Berlin die mobile Druckerei „Druckrausch“.

„Wir wollten keine 50-Stunden-Woche“, erzählt der 33-Jährige, „sondern etwas, was uns Spaß macht, aber gleichzeitig ermöglicht, uns so viel wie möglich um unser Kind zu kümmern.“ Also schrieben sie Businesspläne, besuchten Fortbildungen und zogen Darlehen an Land. Und ihre Tochter Lotte? „War immer dabei.“

Rollenverteilungen ändern sich

Auch der Kunsthistoriker Konstantin Manthey, 36, änderte vor sieben Jahren sein Leben. Er wusste immer, dass er mehrere Kinder haben würde. „Ich bin mit dem Bewusstsein aufgewachsen, wie schön es ist, Geschwister zu haben.“ Als 2007 die erste Tochter geboren wurde, war er Student und konnte seine Zeit gut einteilen. Für seinen Sohn drei Jahre später nahm er ein Jahr Elternzeit, während seine Frau in ihren Job im Öffentlichen Dienst zurückkehrte. Als vor fünf Monaten wieder eine Tochter geboren wurde, war klar: Er würde sich intensiv um den Säugling kümmern.

Zwei Lebensläufe, die auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich wirken. Menschen bekommen Kinder, haben Jobs und arrangieren sich damit. Alles ganz normal – wenn es sich nicht um Männer handeln würde. Bei Müttern gilt es noch immer als selbstverständlich, dass sie nach der Geburt ihrer Kinder beruflich zurückstecken. Aber bei Vätern? Nach wie vor, das zeigte kürzlich wieder eine internationale Studie, sind sie mehrheitlich diejenigen, die das Geld ranschaffen, während die Frauen zu Hause bei den Kindern bleiben und allenfalls mit einem Teilzeitjob dazuverdienen.

Doch immer mehr Väter scheren ganz bewusst aus diesem Rollenmodell aus. Weil es ihnen nicht genügt, als Feierabend-Daddy dem Nachwuchs vor dem Einschlafen noch mal schnell über den Kopf zu streichen. Sie wollen am Alltag ihrer Kinder teilhaben, mit ihnen zum Arzt oder auf den Spielplatz gehen. Auch wenn sich die Verhältnisse nicht von heute auf morgen umkrempeln lassen, die Zeichen stehen auf Veränderung. Für viele Väter ist es mittlerweile selbstverständlich, auch mal bei ihrem kranken Kind zu Hause zu bleiben. In vielen Familien wird über Gleichberechtigung nicht mehr bloß diskutiert, sie wird gelebt. Die neuen Väter sind keine Ausnahmen mehr, sie sind endlich da.

Ein Thema: Der Kontostand

Das Elterngeld ist nicht der einzige Grund dafür. Gut zehn Jahre ist es her, dass es eingeführt wurde. Zwar entscheiden sich mittlerweile fast vier von fünf Vätern (79 Prozent) dafür, eine Weile beim Kind zu bleiben. Allerdings nehmen die meisten nur zwei Monate. Ein Anfang, aber – seien wir ehrlich – es genügt nicht, um im Leben der Kinder dauerhaft präsent zu sein. So ist Geld auch nicht ausschlaggebend für Männer, die mehr für ihre Kinder da sein möchten. Der 32-jährige Tobias Weber schreibt auf „Johnnys Papablog“ über sein Leben als engagierter Vater, seine Partnerin ist fest angestellt. Was er sagt, gilt für viele Paare: „Wir wussten, dass es finanziell schwer werden würde, aber ich genieße die Zeit mit meiner Tochter, da schränken wir uns gern ein.“

Ein Thema ist der Kontostand natürlich trotzdem. In der Familie von Kunsthistoriker Konstantin Manthey hat sich die Situation deswegen gerade verschoben. Er arbeitet wieder voll als Projektleiter, während seine Frau in Elternzeit gegangen ist und plant, sich danach beruflich neu zu orientieren. „Obwohl ich flexible Arbeitszeiten und Home-Office-Tage habe, bin ich zu Hause im Moment etwas weniger involviert als früher“, sagt er. Und man merkt, dass ihm das nicht leichtfällt.

„Ich empfinde das Vatersein als große Bereicherung.“

Man braucht Kreativität, Organisationstalent und vor allem die Bereitschaft, sich einen passenden Job zu suchen, sich mit der Frau abzuwechseln in Sachen Kind und Karriere, oder aber, wie Angelo Januschew, den Mut, gleich als Gründer zu starten, um zeitlich flexibel zu sein. Doch entspannt ist die Situation seiner Familie nicht: Weil Lotte mit einer Fußfehlstellung geboren wurde, muss sie zur Physiotherapie, seine Partnerin und er haben, solange ihre Firma sich noch nicht trägt, zusätzliche Jobs, sie als Grafikerin, er in einem Drogeriemarkt und als Schulhelfer. „Wenn ich kinderlose Freunde treffe, mit denen ich früher um die Häuser gezogen bin, staune ich jedes Mal, wie viel Zeit sie haben“, erzählt Angelo Januschew. Tauschen möchte er nicht: „Ja, mein Radius ist kleiner geworden und mein Alltag ist durchgetaktet, aber ich empfinde das Vatersein als große Bereicherung.“ Früher seien kleine Kinder für ihn unbekannte Wesen gewesen. „Jetzt habe ich eine enge Beziehung zu ihnen und weiß, wie ich ihnen auf Augenhöhe begegnen kann.“

Unternehmen setzen auf Familienfreundlichkeit

Kinder sind Karrierehemmer – ein weiteres gängiges Vorurteil, das viele Männer, aber auch Frauen davon abhält, im Job kürzerzutreten. Und, ja, früher war es normal, dass Angestellte von ihren Chefs zu hören bekamen: Wenn Sie jetzt wegbleiben, wird es nichts mit der Beförderung. Heute hingegen haben viele Unternehmen erkannt, dass Familienfreundlichkeit ein großes Plus ist – nicht zuletzt, weil sie damit auch für Männer als Arbeitgeber attraktiver werden.

So gibt es zum Beispiel bei der Commerzbank verschiedene Teilzeitmodelle, aus denen die Mitarbeiter wählen können. Michael Heil ist einer von ihnen. Er arbeitet seit 15 Jahren bei der Bank, seit fünf Jahren ist er Portfolio- Manager in Frankfurt. Er hat seine Arbeitszeit auf 80 Prozent reduziert – zunächst, weil er einen freien Tag dafür nutzen wollte, Kindern Klavierunterricht zu geben. Doch nach der Geburt seiner Tochter vor zwei Jahren blieb er dabei. „Ich möchte Sina dabei begleiten, die Welt zu entdecken“, sagt er und wirkt dabei ziemlich zufrieden. Montags ist bei den Heils jetzt immer Papa-Tochter-Tag, sie machen Waldspaziergänge, gehen schwimmen oder in den Zoo. Die Reaktionen darauf, erzählt der 36-Jährige, seien gemischt. „Frauen sind meistens begeistert, Männer auch mal skeptisch.“ Seine Eltern hätten ihn gefragt, ob er sich das im Hinblick auf seine Karriere gut überlegt habe. „Die ältere Generation sieht das teilweise noch aus einer anderen Perspektive“, sagt Michael Heil.

Die Vaterrolle hat Vorteile

Angst, beruflich auf dem Abstellgleis zu landen, hat der Manager nicht – im Gegenteil. Allerdings, gibt er zu bedenken, sähe seine Lage ohne die Unterstützung von Vorgesetzten und Kollegen anders aus. Im Übrigen habe seine neue Rolle als Vater auch für seine Arbeit Vorteile: „Ich arbeite strukturierter und bin gelassener als früher“, sagt er und grinst, „auch Multitasking fällt mir leichter, das ist ja keine typisch männliche Stärke.“ Eine Erfahrung, die alle Väter eint. Wer sich viel mit seinem Kind beschäftigt, lernt Verantwortung zu übernehmen und entwickelt sich nebenbei auch sonst weiter – ohne kostspielige Fortbildungen. 

So unterschiedlich die Biografien und Bedürfnisse sind, so unterschiedlich sind die Strategien der neuen Väter, ihr Leben mit Kindern zu gestalten. Was sich daraus ablesen lässt? Dass es – zum Glück – kein fest gefügtes Bild mehr gibt, wie Familien im Jahr 2017 auszusehen haben. Dass Männer viel beweglicher sind, als allgemein angenommen wird, und Geschlechterrollen nicht mehr in Stein gemeißelt sind, kurz: Wir sind auf dem besten Weg in eine Gesellschaft, in der alle zu ihrem Recht kommen: Frauen, Männer, Kinder. Weil Familie ein herrliches und manchmal auch chaotisches Abenteuer ist, das es sich zu wagen lohnt. Umso mehr, wenn alle mitmachen.

Die Väter:

Der Lebenskünstler

Name: Angelo Januschew, 33

Beruf: Gründer von „Druckrausch“, einer mobilen Druckerei

Sagt: „Zeit ist mir wichtiger als Geld.“

Seine Familie: Vor drei Jahren wurde Tochter Lotte geboren. Damals machte Angelo sich mit seiner Partnerin selbstständig, damit beide möglichst viel Zeit für die gemeinsame Tochter haben. Das klappt – doch noch müssen die beiden zusätzlich jobben.     

Angelo Januschew mit Lotte.

Zwei an einem Tag: Angelo Januschew machte sich selbstständig, um Zeit für Lotte zu haben.


Der Familienmensch

Name: Konstantin Manthey, 36

Beruf: Projektleiter

Sagt: „Ich wollte immer eine große Familie.“

Seine Familie: Die drei Kinder sind 9 Jahre, 6 Jahre und 6 Monate alt. Mit seiner Frau wechselt sich der Berliner Kunsthistoriker ab – beim zweiten Kind hatte er zwölf Monate Elternzeit genommen. Im Moment arbeitet er wieder voll, Home-Office und flexible Arbeitszeiten sind dabei selbstverständlich. Das Paar bloggt unter grossekoepfe.de.     

Konstantin Manthey mit Baby.

Ein Mann und sein Baby: Konstantin Manthey hat drei Kinder, er nahm ein Jahr Elternzeit.


Der Teilzeit-Manager

Name: Michael Heil, 36

Beruf: Manager bei der Commerzbank

Sagt: „Sich um Kinder zu kümmern ist kein Karrierekiller.“

Seine Familie: Töchterchen Sina wurde vor zwei Jahren geboren, das zweite Kind ist unterwegs. Der Frankfurter Portfolio-Manager arbeitet seit drei Jahren auf einer 80-Prozent-Stelle, seine Frau ist ebenfalls Bankerin und arbeitet in Teilzeit. Montags ist für ihn immer Papa-Kind-Tag.     

Michael Heil mit Kind.

Montags ist Papa-Tag. Banker Michael Heil hat eine Vier-Tage-Woche.