Karriere-Wendepunkt

Was bedeutet Erfolg?

Drei Frauen in drei Lebensphasen ziehen Bilanz: Welchen Stellenwert hat der Job, und was hat sich im Laufe der Jahre verändert?

Veröffentlicht am 02.10.2017

Aus dem Konzern zur Non-Profit-Organisation: Anna Elise Kuhn ist glücklich mit ihrer Life-Life-Balance.


Anna Elise Kuhn hat einen Kurswechsel hingelegt: Die 27-Jährige arbeitete im Kultur-Marketing und Athleten-Management bei Red Bull und begleitete die Markteinführung in Bangkok – eine klassische High Potential. Im März 2016 ging sie zur Non-Profit-Organisation Viva con Agua Sankt Pauli e.V., die sich weltweit für den Zugang zu sauberem Trinkwasser einsetzt. Dort ist sie Bereichsleiterin für Sport- und Musik-Management.

Was Erfolg für mich bedeutet
Es ist die Freiheit, beruflich zu tun, was ich will, und dabei etwas Sinnstiftendes zu leisten. Wirklich erfolgreich fühle ich mich nur, wenn ich meine Persönlichkeit bei der Arbeit leben kann.

So habe ich Erfolg früher definiert
Ich habe Internationales Medienmanagement studiert – ein sehr BWL-lastiges Studium. Damals wurde ich auf Hierarchien geeicht und darauf, möglichst viel Geld zu verdienen. Mein Traum war eine Management-Position im Ausland. Dieses Es-muss-immer-Weitergehen war im Nachhinein betrachtet krankhaft.

Der Wendepunkt
Vor zwei Jahren saß ich am Strand, kam gerade vom Surfen und dachte plötzlich: Bulli, Meer, Surfbrett – mehr brauche ich nicht. Und dann: Krass, habe ich das gerade wirklich gedacht? Ich stand zwar hinter meinem damaligen Arbeitgeber, aber ich habe gemerkt, mein Wertesystem hatte sich verschoben.

Was mir heute wichtig ist
Ich will meine Stärken und Interessen einbringen können. Das sind bei mir vor allem Musik und Sport. Und das Zwischenmenschliche muss stimmen. Kürzlich haben wir ein Benefizspiel organisiert. Ich war verantwortlich für die Umsetzung und kam zu spät, weil ich im Stau stand – und hatte Sorge, dass es nichts mehr wird. Prominente Spieler und Ehrenamtliche haben zusammengearbeitet, und es wurde ein toller Tag. Dieses wertschätzende Miteinander, das Vertrauen und die gegenseitige Unterstützung – das hat mich schon sehr glücklich gemacht.

Eine Herausforderung in meinem Job, die ich mag
Bei Viva con Agua arbeiten wir sehr hierarchiebefreit. Es kommt schon mal vor, dass mich jemand zur Seite nimmt und sagt: Hey, das gerade war nicht cool von dir. Man wird stärker hinterfragt und hinterfragt sich auch selbst. Aber man erweitert seinen Horizont und wirft einen anderen Blick auf die Dinge. Ich schließe eine Rückkehr in die Konzernwelt nicht aus – aber nur ohne die übliche Kontrollmentalität und Präsenzkultur.

Der Preis der Freiheit
Wenn ich keine Termine in Deutschland habe, kann ich reisen und arbeiten, von wo aus ich will. Heißt: Man muss sich selbst strukturieren und organisieren. Das liegt nicht jedem, und es mag auch nicht jeder.

Meine Work-Life-Balance
40 Stunden die Woche und manchmal mehr – das ist ein Großteil meiner Lebenszeit. Umso wichtiger ist es mir, meine Werte und Interessen im Job zu leben. Ich verwende sowieso lieber den Begriff „Life-Life-Balance“.

Jennifer Kroll mag das Wort „Karriere“ nicht. Was sie an ihrem Job als Verlagschefin reizt? Leute führen und zu gestalten.


Jennifer Kroll leitet seit fünf Jahren den Berliner Verlag Eden Books. Davor war sie Programmchefin beim Konkurrenten Schwarzkopf & Schwarzkopf. Die 42-Jährige hat vier Kinder, drei eigene und ein „Beutekind“.

Meine Definition von Erfolg
Ich möchte mich im Büro nicht verstellen müssen, sondern authentisch sein. Und ich will zu Hause so entspannt sein können, dass es meiner Familie gut geht, obwohl ich viel arbeite. Nur wenn Familie und Beruf sich nicht gegenseitig kannibalisieren, fühle ich mich erfolgreich.

Das K-Wort
Das Wort „Karriere“ mag ich nicht. Ich gestalte und führe gern und nehme Leute auf dem Weg mit. Mich reizt die Verantwortung, nicht die Karriere.

Das hilft mir bei meiner Arbeit
Mit vier Kindern und Fulltime-Job ist jeder Tag ein Ringen. Mein Partner hält mir den Rücken frei. Mein Chef möchte, dass ich eine gute Mutter und eine gute Verlagsleiterin sein kann. Und ich habe Kinder, die stolz auf mich sind. Mein zwölfjähriger Sohn bezeichnet sich als Feminist – kann es etwas Besseres geben?

Ein Opfer, das ich bringe
Für Freunde und Hobbys bleibt kaum Zeit. Dabei zeichne ich gerne und schreibe auch. Manchmal schaffe ich an einem Abend in der Woche eine Stunde, bevor ich erschöpft ins Bett kippe. Manchmal passiert ein halbes Jahr lang nichts.

Das würde ich jetzt anders machen
Junge Frauen wissen heute genauer, wer sie sind und was sie wollen. Ich wünschte, ich wäre damals auch so gewesen und hätte klarer eingefordert, was ich brauche. Bei meinen großen Kindern habe ich sehr schnell wieder angefangen zu arbeiten. Ich war Berufsanfängerin, habe die Familie ernährt – und mir unglaublich viel abverlangt. Mit meinem jüngsten Kind habe ich ein Jahr Elternzeit verbracht. Ein Riesengeschenk.

Das würde ich genauso machen
Ich habe immer alles ausprobiert. Wenn ich etwas noch nicht konnte, habe ich gesagt: Okay, schaue ich mir an. Damit bin ich selten auf die Nase gefallen. Es waren auch weniger schöne Erfahrungen dabei. Trotzdem: Man erlebt sich von einer neuen Seite und wächst daran.

Mein Rat an Frauen
Man darf nicht immer und überall funktionieren wollen. Aber man sollte sich auch nicht aus der Arbeitswelt zurückziehen. Kinder werden erwachsen, und Ehen halten auch nicht für immer. Das Berufsleben bedeutet Konfrontation und Stress, man muss sich seinen Weg erkämpfen. Aber wenn man etwas erreichen will, gehört das dazu.

So gehe ich mit Druck um
Die Verantwortung bereitet mir auch mal schlaflose Nächte. Dann liege ich zwischen zwei und vier Uhr wach und mache mir Sorgen. In solchen Phasen versuche ich, wieder mehr auf mich zu achten, gehe laufen und lege das Diensthandy abends mal weg, um runterzukommen.

Wie ich meine Freizeit verbringe
Von Freitagabend bis Sonntagabend sind wir oft in unserer Datsche bei Berlin, wo ich nichts für die Arbeit tue, sondern koche, die Kinder mit Sonnencreme einschmiere, Planschbecken aufblase und über Hausaufgaben diskutiere. Irgendwann werden mich die Kinder weniger brauchen. Bis es so weit ist, bin ich in meiner Freizeit ganz für sie da.

Was mich beruflich geprägt hat
Ich bin in Ostberlin bei meiner Mutter aufgewachsen. Wir hatten wenig Geld, ich wusste nie, was kommt. Das war belastend. Dann fiel die Mauer, ich war 14, und nach dem Abitur musste ich mir überlegen, wie es weitergehen soll. Ich wusste lange nicht, wo ich hingehöre. Dabei habe ich schon als Kind Manuskripte gelesen. Mein Vater war Lektor in einem Verlag, wo ich viel Zeit verbracht habe. Wenn er mir einen Text gab, wollte er meine Meinung hören und nahm sie ernst. Das hat mich ermutigt.

Leidenschaftlich, ehrgeizig und dabei tiefenentspannt: Sky-Personalchefin Gitta Blatt.


Gitta Blatt hat als Personalleiterin für Konzerne wie AOL Time Warner, aber auch für Start-ups wie den Videospielproduzenten Bigpoint und den Spieleentwickler Wooga gearbeitet. Seit zweieinhalb Jahren verantwortet sie den Personalbereich bei Sky Deutschland.

Früher bedeutete Karriere für mich
Höher, schneller, weiter. Ich komme aus einer Leistungssportler-Familie und war Siebenkämpferin im Landeskader. Für mich ging es darum, kompetitiv zu sein. Ich wollte von der Arbeit möglichst erschöpft nach Hause kommen, um mir selbst zu beweisen, dass ich meine Grenzen ausgetestet hatte.

Wie ich Karriere heute definiere
Eine aufeinander aufbauende Sequenz von Erfahrungen, aus denen man lernt. Wenn dabei alles glattläuft, kann man seine Stärken so einbringen, dass sie zum Erfolg vieler beitragen. Ein gesunder Ehrgeiz hilft dabei.

Der Wendepunkt
Meine letzten vier von fast zwölf Jahren bei AOL Time Warner waren geprägt von Massenentlassungen. Bis ich vor dem Spiegel stand und dachte: Ich kann und will nicht mehr. Im Dezember 2008 habe ich gekündigt und bin nach Mexiko, wo ich mit dem Tauchen anfing. Nach ein paar Wochen merkte ich: Es geht nicht darum, ein neues Leben anzufangen, sondern um eine Aufgabe, in der ich Erfüllung und einen Sinn finde.

Mein größter beruflicher Erfolg
Ich war stolz, bei AOL das europäische Team mit aufzubauen. Dass wir mit Wooga auf der Titelseite der Berliner Zeitung als „Jobwunder“ gefeiert wurden, hat Spaß gemacht. Dann war da noch die Büroeröffnung von Bigpoint in San Francisco: Zum Start sollte ich 50 Mitarbeiter einstellen, aber die Räume wurden nicht fertig – ich war vier Nächte schlaflos und extrem nervös, als ich davon erfuhr. Wir mussten die Recruiting-Gespräche dann in einer Hotellobby führen, die wir extra gebucht hatten. Am Ende war gefühlt ganz San Francisco da, um einen Job zu bekommen.

Das würde ich noch mal so machen
Erstens: Erlebnisse über Euros stellen und meinen eigenen Überzeugungen folgen. Zweitens: Humor genauso wichtig nehmen wie Karriere. Dafür braucht man das richtige Umfeld, das ich zum Glück habe – gerade in schwierigen Zeiten gleicht es mich aus. Und drittens: neugierig sein, sich ausprobieren, die Komfortzone verlassen.

Das würde ich gern ändern
Ich wünschte, ich wäre noch mutiger, würde nicht so lange mit mir selbst hadern und mir schneller verzeihen. Gerade habe ich mir auf mein iPad das Motto „If it scares you, it might be worth a try“ gravieren lassen. Es erinnert mich daran, Dinge einfach zu tun.

Meine Work-Life-Balance
Für mich zählt nicht eine Zeitlogik, sondern eine Kopf-Körper-Logik. Ich brauche regelmäßig Sport, muss schwitzen und laufen. Schaffe ich das ein paar Wochen nicht, werde ich unausstehlich. Auch wichtig: in kleiner Runde vertraute Menschen um mich haben, egal ob man zusammen etwas erlebt oder auf der Terrasse sitzt.

Das rate ich anderen Frauen
Im Kern das Gleiche wie Männern: Finde deine Passion. Arbeite hart. Niemand schafft es allein, schaff dir deshalb ein starkes Netzwerk. Fordere deine Lernkurve durch relevante Projekte heraus. Und speziell für Frauen: Sei sichtbar. Es müssten viel mehr Frauen auf die Bühne, wo sie großartig sind, wenn sie erst mal dort stehen. Das wird einem aber nicht angeboten, man muss es einfordern.

Meine Definition von Erfolg
Nicht Sieg, nicht Glück. Erfolg ist der richtige Mix aus harten und weichen Faktoren, also eben nicht nur der finanzielle Erfolg, sondern auch der Blick auf die Menschen im Unternehmen und auf Werte. Transparenz ist wichtig, Gerechtigkeit, offene Kommunikation, Dialog. Und gerade wenn es schwierig wird, helfen Respekt vor dem Gegenüber und Distanz zum Problem.

Das bedeutet mir meine Arbeit
Ich empfinde meine Arbeit als Highlight und lebe diesen Teil meines Lebens intensiv, weil ich das, was ich tue, extrem spannend finde. Ich führe viele Zukunfts- und Veränderungsdialoge, arbeite eng mit Menschen zusammen, lerne an internationalen Horizonten.

Mein Verhältnis zu Niederlagen
Ich mag das Zitat „I never met a strong person with an easy past.“ Da ist viel dran. Fehler machen, Situationen neu bewerten, sich umorientieren, Neuanfänge – das ist ein Teil der persönlichen Weiterentwicklung und hat nichts mit Scheitern zu tun.