Katrin Sass im Interview

„Ich bin allein, aber nicht einsam“

Katrin Sass gilt als impulsiv und unangepasst. Die preisgekrönte Schauspielerin spricht im Interview über ambivalente Gefühle, Momente der Schwäche und ihre Bewunderung für Angela Merkel.

Veröffentlicht am 16.10.2016
Frau mit kurzen Haaren

Schauspielerin Katrin Sass


Eine Stunde östlich von Berlin in einer kleinen Bucht am Müggelsee. Katrin Sass, die preisgekrönte Schauspielerin, hat fürs Interview in ihr Häuschen auf dem Land geladen. Die 59-Jährige lebt lieber hier als in der Großstadt, sie trägt einen Jumpsuit und wirkt völlig entspannt. Ganz anders als erwartet: Katrin Sass gilt als impulsiv und unangepasst.

Als junge Schauspielerin machte sie in der DDR Karriere, gewann 1981 bei der Berlinale den Silbernen Bären. Nach der Wende blieben Rollenangebote aus, sie kämpfte mit Alkoholproblemen – und bekannte sich offen dazu. Mit „Good bye, Lenin!“ das Comeback, dann der TV-Hit „Weissensee“, in dem sie eine ostdeutsche Künstlerin spielt, die von Freunden bespitzelt wird. Seit 2014 ist sie als Kommissarin Karin Lossow in den „Usedom-Krimis“ der ARD zu sehen, kürzlich wurde der vierte Teil abgedreht.

Frau Sass, Sie haben unzählige Preise bekommen. Wann sahen Sie erstmalig in den Spiegel und sagten: „Ich bin toll.“?
Keine Ahnung, was das für Leute sind, die sich selbst auf die Schulter klopfen. Bei mir hat es ein bisschen gedauert. Eigentlich bis heute.

War es rückblickend gut, nicht von Anfang an wie ein Star behandelt zu werden?
Klar, an Abhärtung hat es nicht gemangelt. Schneebälle mit Steinen drin, das war kurz gesagt meine Schulzeit. An der Schauspielschule fand man mich plötzlich hübsch, ich verstand das gar nicht. Und natürlich gab es dort auch die ersten Begegnungen mit Männern, die sich als Gönner aufspielten.

Als Kind wollten Sie vor lauter Fernweh „wie eine Schnecke zusammengerollt“ mit Verwandten über die Grenze in den Westen fahren. Dabei sind Sie nicht dafür bekannt, sich klein zu machen …
Wenn Sie auf meine sogenannten Ausraster in Talkshows anspielen: Dass der Bauch nicht allein kann, dass er verbunden ist mit dem Kopf und dass ich meine starken Gefühle manchmal ein wenig im Zaum halten sollte, das beginne ich gerade erst zu lernen. Das soll aber keine Entschuldigung sein. Bei mir kommt immer alles aus dem Bauch, alles muss heraus. Ich werde sonst krank.

Immerhin reden Sie gern Klartext. Gefallen Sie sich als Galionsfigur gegen Konformismus und Political Correctness?
Stimmt, seitdem stecke ich in der Schublade, immerhin zusammen mit Klaus Kinski. Was mich aber viel mehr aufregt: dass ich vor der Wende nicht bei den Montagsdemos in Leipzig mitgemacht und Bärbel Bohley unterstützt habe – sondern im Theater herumgesessen bin.

In „Good bye, Lenin!“ verschlafen Sie auf tragikomische Weise die Wende. Sie selbst blieben am 9. November 1989 zu Hause und gingen erst zwei Tage später über die offene Grenze.
Ich war wie gelähmt, ich wollte nicht mit den Massen auf den Ku’damm, sondern diesen Moment ganz bewusst allein erleben. Ich durfte als 25-Jährige zur Berlinale, bekam aber sofort Fieber und alles war wie im Traum. Ich erinnerte mich nur noch, wie mir die Genossen meinen Preis, den Silbernen Bären, kleingeredet haben und ich danach kaltgestellt wurde.

Was haben Sie aus dem Zusammenbruch der DDR gelernt?
Dass es sich lohnt zu kämpfen.

Entwickelt man in einer unterdrückten Gesellschaft mehr Freiheitsdrang?
Ich war vielleicht keine Duckmäuserin, aber ich war auch alles andere als eine Heldin. Ich bin froh, dass mich die Stasi nie erpresst hat so wie andere, die ihre Freunde ausspähen mussten. Die hatten wohl Angst vor meiner Impulsivität.

Ihre beste Freundin hat Sie lange aus­spioniert. Sie haben ihr nicht verziehen. 
Vielleicht wäre ich tatsächlich gern großherzig und würde sie anrufen und sagen: Komm her. Aber es ist okay, wie es ist. Denn sie war ganz offensichtlich nicht meine beste Freundin. Bis heute treffe ich Leute, die sich weigern, in ihre Akte zu schauen, aus Angst vor solchen Entdeckungen. So was ist mir unbegreiflich.

Zu Ihrem Freiheitsdrang kam immer eine gewisse Neigung zum Kontrollverlust, als wollten Sie mutwillig aufs Spiel setzen, was Ihnen viel bedeutet. Wie passt das zusammen?
Ob es passt, weiß ich nicht, aber es gehört bei mir zusammen. Vielleicht ist an diesen Sternzeichen tatsächlich was dran. Ich bin Waage, geboren am 23. Oktober, sie soll ja launisch sein. Erst in den letzten Jahren habe ich Techniken entwickelt, diese Ambivalenz in mir zu beobachten und nur das zuzulassen, was mir guttut.

Hat sich mit den Jahren auch die Beziehung zu Ihrer Umgebung geändert?
Als junge Frau ging ich gern mit den Kollegen in die Kneipe. Das erste Bier schmeckte immer scheußlich, aber da musste man durch. Ich war eben nicht gern allein. Tatsächlich geht es mir heute in meinem kleinen Häuschen besser. Ich bin vielleicht allein, aber nicht die Spur einsam.

Sie sind nach der Wende sehr offen mit Ihrem Alkoholismus umgegangen. Bereuen Sie das?
Nein. Wir leben heute in einer, wie ich gerade gelesen habe, „soften Diktatur“: Alkohol, Krebs, Aids, egal, was du hast, alles ist tabu, alles wird unter den Teppich gekehrt. In der DDR konntest du in Bautzen im Knast landen, wenn du das Falsche gesagt hast. Mittlerweile findet eine Selbstzensur statt.

Nach ihrem Alkohol-Outing bekamen Sie keine Angebote mehr. Wie haben Sie die 90er-Jahre erlebt?
Als durchweg interessant. Ich ging zum Arbeitsamt und zog eine Nummer wie die anderen auch, kam mit normalen Leuten ins Gespräch, erfuhr, dass mir nichts zustand. Es ging mir nicht besonders, aber für die Erfahrung bin ich dankbar.

Ist das ein Vorteil am Älterwerden, dass man endlich seine Ängste loswird – oder ändern sich nur die Ängste?
Die Ängste ändern sich. Mir ist heute nicht mehr wichtig, was die anderen über mich denken. Ich habe höchstens Angst davor, dass mir hier im Haus etwas zustößt, aber das ist eine sinnlose Angst und ich lasse sie nicht zu.

Wie ist es, in Deutschland als Schau­spielerin älter zu werden?
Sicher leichter als in Hollywood. Obwohl: Ich frage mich, ob es stimmt, dass man sich dort gegenseitig Schönheitschirurgen empfiehlt, während man hier so tut, als ob es mit drei Liter Wasser am Tag getan wäre.

Ist der Begriff „in Würde altern“ vielleicht doch nur eine Marketing-Erfindung?
Schlimmer, er ist total verlogen! Meine Mutter war die letzten Jahre dement, was uns alle sehr traurig gemacht hat. Mit Würde hat das Altwerden nichts zu tun. Wer das behauptet, versucht nur den Tod zu verdrängen. Besser wäre, sich damit zu beschäftigen. Wer weiß schon, ob es nicht doch ein Leben nach dem Tod gibt? Seit ich darüber nachdenke, spüre ich sogar eine gewisse Leichtigkeit wieder, die mir fast verloren gegangen wäre.

Welche Frauen bewundern Sie?
Angela Merkel. Weil sie so unglaublich viel und hart arbeitet. Könnte ich nie.

Interview: Kristin Rübesamen