Koch-App „Kitchen Stories“

Pasta geht immer

Verena Hubertz wollte die beste Koch-App der Welt entwickeln und gründete vor vier Jahren „Kitchen Stories“. Heute hat sie über 13 Millionen Nutzer – und Apple-Chef Tim Cook im Rücken.

Veröffentlicht am 06.10.2017
Verena Hubertz sitzt mit ihrem Bruder David an einem Esstisch.

Dank ihrer App kann nun jeder Gäste an den Tisch bitten: Gründerin Verena Hubertz mit Bruder David in Berlin-Kreuzberg.


Verena Hubertz, 29

Vor vier Jahren zog ich mit meiner Kommilitonin Mengting Gao nach Berlin, um die beste Koch-App der Welt zu gründen. Eine, die wirklich funktioniert. Mit schönen Rezeptvideos und präzisen Step by step-Anleitungen. Leider wollte niemand in unsere Idee investieren. „Gibt’s doch schon!“ und „Der Markt ist übersättigt“, hieß es. Außer unserem BWL-Studium hat uns auch nichts qualifiziert, frisch von der Uni hatten wir noch nie eine App oder ein Video produziert.

Trotzdem haben wir auf unser Bauchgefühl gehört. Mengting verkaufte ihr Auto, und mit der Hilfe von Familie und Freunden kratzten wir das Startkapital von 25.000 Euro zusammen. Davon konnten wir uns einen Entwickler und zwei Köche leisten. Mit denen fuhren wir in ein Ferienhaus nach Brandenburg und filmten die ersten 100 Rezepte.

Diese „Ich mach einfach mal“-Einstellung hatte ich schon als Jugendliche. Mit 13 ging ich für drei Monate zum Schüleraustausch nach Australien. Und in der neunten Klasse rief ich spontan einen Bundestagskandidaten an, als das Thema Wahl im Unterricht dran war. Ich habe Spaß daran, Ideen umzusetzen.

Innerhalb von fünf Monaten war die Erstversion von „Kitchen Stories“ fertig. Wir haben sie in den App Store gestellt und zwei Wochen später bekamen wir eine E-Mail von Apple, in der stand: „Es gefällt uns sehr gut, was ihr da macht.“ Wir waren außer uns vor Freude! Mittlerweile haben wir weltweit 13 Millionen Nutzer und 30 Angestellte in unserem Hinterhofbüro in Kreuzberg. 

Mein Bruder hat anfangs als Werkstudent bei uns gearbeitet und will nach seinem BWL-Studium auch bei einem Start-up anfangen. In Deutschland ist das Thema Gründen noch nicht so präsent. Es fehlt an Vorbildern, die einen motivieren. Im Vergleich zu mir ist ­David eher introvertiert. Er quatscht nicht gleich mit jedem, wenn er mit zehn Leuten am Tisch sitzt. Aber er ist Optimist, so wie ich, die perfekte Voraussetzung zum Gründen. 

Lustigerweise hat David früher besser gekocht als ich. Zusammen mit meinem Vater hat er den Gemüsegarten gepflegt und Nudelauflauf für die ganze Familie gemacht. Ich hatte selten Lust, mich in die Küche zu stellen, ich hatte ja keine Ahnung davon. Daher auch mein Wunsch, eine App zu entwickeln, die es jedem ermöglicht, ein tolles Gericht zu zaubern. Heutzutage definieren sich die Leute ja viel stärker über ihre Ernährung. Nach dem Motto: „Der Barista ist der neue DJ.“

Ob man sich vegetarisch, vegan oder paleo ernährt, sagt viel über die eigene Persönlichkeit aus. Welche Food-Trends gerade angesagt sind, bekommen wir bei „Kitchen Stories“ direkt mit. New York Cheesecake funktioniert von Shanghai bis Paris. Pasta geht immer, Essen ist heute global.

Dass wir so erfolgreich sind, findet auch Apple-Chef Tim Cook spannend. Anfang des Jahres hat er uns im Büro besucht. Wir haben mit ihm Pancakes gebacken und gedacht: Jetzt haben wir es wirklich geschafft.

David Hubertz, 27, der Bruder

Was meine große Schwester erreicht hat, motiviert und jagt mir gleichzeitig Respekt ein. Weil ich mitkriege, wie viel Zeit und Energie sie in ihre Arbeit investiert. In den ersten zwei Jahren konnte sie nicht mal eben um 18 Uhr Feierabend machen, sie hat ständig gearbeitet, auch am Wochenende. Ich muss nicht auf Teufel komm raus meine eigene Firma gründen, ich wäre auch als Angestellter glücklich. Aber wenn ich eine gute Idee hätte, würde ich es mir noch mal überlegen.

Verena hat mir vorgemacht, wie es geht. Ich bewundere vor allem ihr Durchsetzungsvermögen. Obwohl am Anfang keiner geglaubt hat, dass „Kitchen Stories“ erfolgreich sein würde, haben meine Schwester und Mengting unbeirrt weitergemacht. Ich glaube nicht, dass Verena auch nur einen Moment gezweifelt hat.

Sie war schon immer sehr selbstbewusst. Sie hat kein Problem damit, vor einem großen Publikum Vorträge zu halten, und war schon in der Schule fleißiger als ich. Ihre Lehrer rufen sie heute noch an und gratulieren ihr zu ihrem Erfolg. Nachdem die Lokalzeitung von Trier über den Besuch von Apple-CEO Tim Cook bei Kitchen Stories berichtet hat, klingelte ständig ihr Telefon.

Eine Zeit lang habe ich einmal pro Woche für sie gearbeitet. Das Arbeitsklima hat mir gut gefallen, die Leute sind jung, und jeder kann seine Ideen einbringen. Aber eine Festanstellung könnte ich mir nicht vorstellen mit der eigenen Schwester als Chefin. Da würde mir die Trennung von Beruflichem und Privatem fehlen. Es wäre sicher auch nicht gut für unsere Beziehung. Lieber gehe ich mit ihr abends was essen oder zu einem Fußballspiel unseres Lieblingsvereins FC Kaiserslautern.

Biografien

Verena Hubertz, geboren am 26.11.1987 in Trier, hat dort BWL studiert und einen Master in Business Administration an der Otto Beisheim School in Vallendar gemacht. 2013 gründete sie mit Kommilitonin Mengting Gao die Koch-App „Kitchen Stories“ in Berlin. Mittlerweile ist diese in zwölf Sprachen und 150 Ländern verfügbar. Hobbys: Fußball, Politik, Indie. Sternzeichen: Schütze.

David Hubertz, geboren am 14.7.1990 in Trier, hat wie seine Schwester BWL studiert, macht derzeit seinen Master in Corporate Mana­gement in Berlin und arbeitet nebenbei bei einem Start-up. Hobbys: Fußball, Tennis, Reisen. Sternzeichen: Krebs.