Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Auf Wohnungssuche

Wohnungssuche in Berlin-Kreuzberg, Horror eines jeden Mieters. Unser Autor lässt beim Besichtigungstermin nichts unversucht, von Gel im Haar, Ranwanzen bis Mitleid erregen. Ein Drama in drei Akten.

Veröffentlicht am 04.08.2017
Leuchtturm mit Vater, Mutter und Kind.

Die Wohnungssuche gestaltet sich oft schwieriger als gedacht. 


Der Mann im Badezimmerspiegel sieht aus wie eine Mischung aus Sascha Hehn und Florian Silbereisen: Chinos, weißes Hemd, über die Schultern gelegter Pulli. Bin das wirklich ich? Ja, und das hier sind meine Wohnungsbewerbungs-Klamotten. 99 Prozent stromlinienförmiger Schwiegersohn, ein Prozent Wetgel-Friseur aus Bielefeld. Der Golf unter den Männern, todöde, aber sauzuverlässig: der perfekte Mieter. Unser Sohn auf meinem Arm ergänzt dieses Bild hervorragend. Ich habe auch ihn dem Anlass entsprechend gestylt: Seitenscheitel, Marinehemd, Einstecktuch. Der kleine Lord von der Jungen Union – mit Sabber am Kinn. 

Seit fünf Monaten suche ich eine neue Wohnung in Kreuzberg für meine Freundin, unseren Sohn und mich. Da meine Freundin abends arbeitet, ziehen Vater und Sohn allein von Wohnungsbesichtigung zu Wohnungsbesichtigung.

Zettelchen an den Straßenlaternen liegen lange hinter uns. Wir hatten die Abreißblätter mit Wachsmalkreide in naiver Krakelschrift geschrieben, die nach einem Kinderherz aussehen sollte, das in der Erwachsenenbrust schlägt. In Wahrheit wirkte es wie ein Schreibversuch aus der Schlaganfall-Reha. Kein Anruf, keine Wohnung. Daher jetzt die Yuppie-Nummer mit Umhängepulli, entspricht mir sowieso mehr.

Eine halbe Stunde später stehe ich mit dreißig anderen Bewerbern in einer dieser Wohnungen, die alle haben wollen: 100 Quadratmeter, drei Zimmer, Parkett, Balkon. Während ich in Gedanken unsere Möbel verteile, moniere ich lautstark die Nachteile der Wohnung, um Mitbewerber abzuschrecken. Ich gucke gequält zur Decke, sage „Oh-ooh!“ und klappere mit einer der restaurierten Gründerzeit-Türklinken, damit jeder hört und sieht: Mit der Bude ist doch was nicht in Ordnung!

Im zweiten Akt des Dramas treffe ich  auf den Makler, der wie immer in der Küche sitzt, vor sich den Stapel Bewerbungsunterlagen. Die Ranschmeißversuche der potenziellen Mieter ignoriert er konsequent. Auftritt York: Ich halte Sabber-Sohn unterm Arm, um den sozialen Druck zu erhöhen, schalte in den Tonfall von Menschen, die in Diktaturen mit allmächtigen Beamten verhandeln und sage die vier Wörter: „Wir lieben diese Wohnung!“ Kurz schwebt der Satz im Raum wie eine Patchouli-Wolke, die zwar eklig süß ist, der man sich aber trotzdem nicht entziehen kann. Liebe – das sagt doch alles.

Die anderen wären in diesen Räumen nur Mieter, mein Sohn und ich, wir wären hier zu Hause. Ein Satz für Sieger. Ich freue mich voller Gehässigkeit, als das Paar neben mir anfängt, den Makler nach Dachboden, Keller, Fernwärme zu fragen. Klassischer Anfängerfehler. Wer will schon mit Problemthemen in Erinnerung bleiben? Ich schaue unserem Sohn kurz in die Augen und meine, einen Moment der Komplizenschaft zwischen uns zu sehen. Wir kriegen die Wohnung, oder?

Und dann knallt er sich die Windeln voll. Mit einem Geräusch, als ob dicker Jeansstoff langsam zerreißt. Es riecht in der Küche sofort, als sei ein toter Hund, der lange in der Sonne gelegen hat, explodiert. Ich lege meine Unterlagen mit den fotokopierten Kontoauszügen und den hochtoupierten Einkommens-Behauptungen in die Hände des Maklers. Letzter Versuch, diesmal bettelnd: „Wir lieben diese Wohnung.“ Er sieht mich kaum an. „Alles klar“, murmelt er und legt mein Bewerbungsmäppchen unter den Stapel anstatt obendrauf.

All das ist jetzt drei Wochen her, die Wohnung haben wir nicht bekommen, dafür beschlossen, es noch mal mit Zetteln zu versuchen. In Kreuzberg hängt jetzt eine Kugelschreiberzeichnung von uns und ein Satz in stilsicherer Blockschrift: „Zwei Erwachsene plus sabbernder Hosenscheißer suchen Wohnung.“ Ist zumindest die Wahrheit. Ich habe mir auf dem Bild einen Umhängepulli gemalt. Vielleicht bringt´s ja was.