Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Bett oder Büro?

Früher blieb man mit Husten und Schnupfen zu Hause. Heute hat man dafür keine Zeit. York Pijahn wirft sich ein paar Pillen ein, geht erkältet ins Büro – und steckt seine Kollegen dabei nicht unbedingt mit guter Laune an.

Veröffentlicht am 21.04.2017
Illustration von Yvonne Kuschel.

Krank melden oder ins Büro gehen? Unser Autor schleppt sich mit Erkältung in die Arbeit.


Ich spiele seit Jahren mit dem Gedanken, Kurse anzubieten, in denen man lernt, wie man sich per Telefon erfolgreich krankmeldet. Es gibt wenige Dinge, die ich so beherrsche wie diesen Anruf. Ich sage am Telefon nicht meinen Namen, sondern schnaufe nur ein „Hey!“ in die Leitung – mit der Stimme eines Rentners, den herzlose Angehörige am Bahnhof vergessen haben. Halb Gruß, halb Hilferuf. „Hey!“ – „Wer spricht denn da?“ Hier lege ich eine Pause ein, während mein Telefon-Gegenüber rätselt, wer da aus dem Reich der Toten anruft. Mit Kratzstimme: „Ich bin’s, York.“ Wenn dann ein „Du klingst fürchterlich, wie geht es dir?“ folgt, nimmt das Telefonat genau die richtige Richtung. Wieder Kratzstimme: „Geht so.“ Meine Freundin hat einmal mit echter Hochachtung gesagt, ich würde es schaffen, nicht nur krank, sondern sogar ansteckend krank zu klingen. „Dann bleib mal im Bett, wir schaffen das heute ohne dich.“ – „Wirklich?“ – „Aber ja, ab ins Bett.“ Ein Satz wie ein Schluck warmer Kakao. Ich habe mit diesen Anrufen aus verschnupften Vormittagen schon lässige Erholungstage gemacht und aufziehende Erkältungen gleich wieder abziehen lassen.

Das ist vorbei. Denn meiner Freundin zufolge stirbt die liegende Erkältung aus: der Schnupfen, mit dem man im Bett bleibt und sich fühlen darf wie ein Zwölfjähriger im Frotteeschlafanzug, der den Tag über „Drei Fragezeichen“-Kassetten hört. Stattdessen sind alle zwar krank – gehen aber trotzdem ins Büro. Es gibt für diese „stehende Erkältung“, das kranke Rumhängen im Büro, sogar ein englisches Trendwort: presenteeism. Man hört förmlich die zugeschwollenen Nasennebenhöhlen, oder? Und tatsächlich gehe auch ich seit Neuestem total erkältet ins Büro. Der stehend Erkältete ist tief drinnen ein Schleimbeutel und Angsthase. Schleimbeutel, weil er besessen ist vom Lob seiner Vorgesetzten, von denen er als Unersetzbarer wahrgenommen werden will, der auch mit einem Bauchschuss zur Arbeit kommen würde. Und Angsthase, weil er fürchtet, nach zwei Krankheitstagen zu Hause vergessen, gefeuert, ersetzt zu werden. Doch die stehende Erkältung hat auch Vorteile. Denn anstatt wie früher die Erkältungen mit läppischen Hausmitteln zu kurieren, gibt es jetzt die Erlaubnis, all die Medizin zu kaufen, die auf dem Grabbeltisch der Apotheke steht: Wick Daymed, Ibuprofen-Saft und Aspirin Complex, den Big Mac unter den Erkältungsmitteln, von dem man vermutlich Blutwerte bekommt wie eine nordkoreanische Gewichtheberin und der in meinem Fall nicht nur „ein bisschen stimmungsaufhellend“ wirkt (Zitat der Apothekerin), sondern wie eine Ego-Dusche mit Espresso.

„Ich würde übrigens all das nicht gleichzeitig einnehmen“ – Feiglingssätze wie dieser von meiner Freundin perlen am großzügig medikamentierten Erkälteten übrigens ab wie der Nasenspraynebel an der abgeschwollenen Nasenscheidewand. In Wahrheit bin ich dank der Medizin nicht nur wieder gesund, sondern fühle mich in der Form meines Lebens. Fazit nach drei Erkältungstagen im Büro: Aufgekratzt und von mir selbst begeistert habe ich die schüchterne neue und leider humorlose Kollegin aus Dresden auf Fantasie-Sächsisch vollgequatscht. In der Konferenz unmotiviert die Vorschläge der anderen Kollegen mit Klatschen und „Yes, we can!“-Rufen kommentiert und den vollen Fahrstuhl per improvisierten Moonwalk-Schritten verlassen. Das Feedback auf meine chemisch verstärkte gute Laune war zwar eher höflich als euphorisch, aber ich will da nicht so streng sein. Zwei Kollegen und meine Chefin habe ich zwar nicht mit meiner guten Laune, aber mit meiner Erkältung angesteckt. Ich bin mir sicher, dass alle drei trotzdem zur Arbeit kommen. Ich sage das mit einem fiebrigen Zittern in der Stimme: Das wird super.