Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Bikini oder Badeanzug?

Jedes Jahr stellt sich die selbe Frage: Badeanzug oder Bikini? Als Mann kann man zu dem Thema nur Falsches sagen. Unser Autor York Pijahn versucht’s trotzdem.

Veröffentlicht am 23.06.2017
Mann mit Bikini um den Kopf gewickelt.


Nach einem Frühling voll endloser Bürotage hat meine Freundin einen Hautton, für den es eigentlich gar kein Wort gibt. Eierschale würde ganz gut passen. Dieser Teint und ihre generelle Vorsommerverfassung werden jedes Jahr zur selben Zeit zum Problem – kurz vor dem Urlaub, wenn beginnt, was ich das „Bademoden-Armageddon“ nenne. Meine Freundin geht einkaufen. Missmutig, in der Stimmung, in der Menschen schmerzhaften OP-Terminen entgegensehen, mit dem „Ich will nicht“-Blick, den man von alten Leuten kennt, die gegen ihren Willen ins Pflegeheim gepackt werden. Unser Leben dreht sich ein paar extrem schlecht gelaunte Tage um drei Wörter: Bikini oder Badeanzug?

Meine Freundin und ich kämpfen uns nun durch die fünfte Bademodensaison. Mein Fazit: Als Mann kann man zum Thema nur falsche Sätze sagen. Hier eine Auswahl: „Bikinis finde ich generell super.“ (Klingt auf so eine Hugh-Hefner-im-Bademantel-Art gesabbert.) „Du siehst in dem Badeanzug aus wie Jackie Onassis.“ (Wirkt – besonders wenn man es in der fünften Saison sagt – übermunitioniert, einfallslos und auf so eine pseudogebildete Art ölig.) „Ich finde vor allem das Bikini-Oberteil gut.“ (Ganz, ganz, ganz schlechte Idee. Eine verbale Dynamitstange. Denn der Satz wirft innerhalb einer Tausendstelsekunde die Frage auf, was denn am Bikini-Unterteil falsch ist.) Als ich diesen Satz das letzte Mal gesagt habe, hat sich der Kopf meiner Freundin in meine Richtung gedreht wie der Geschützturm eines Panzers.

Ich weiß, dass das jetzt gemessen an dem Aufwand, den Frauen betreiben, schmerzhaft ist – aber Männern ist es überraschend egal, ob Frauen Bikinis oder Badeanzüge tragen. Denn durch Männeraugen betrachtet sind Frauen im Badeurlaub vor allem eines: Strandwesen. Während Männer versuchen, egal, wie alt sie sind, am Meer auszusehen wie der 17-jährige Arschbomben-King aus Brackwede-Bielefeld und deshalb meistens zu einer bunten Badehose greifen, die aussieht, als habe sie der Bademeister beim Saubermachen mit dem Schlauch aus der Kinderumkleide hervorgespritzt – sind Frauen da ganz anders.

Sie haben Strandtaschen dabei, die aussehen wie softeisfarbene Weihnachtsgeschenke. Sie tragen übergroße Hüte, übergroße Sonnenbrillen, neben ihnen liegen Zeitschriften- und Bücherstapel, halb transparente Tücher, in die sie sich auf dem Weg in die Strandbar wickeln und die seltsamerweise nie rutschen. Sie gehen nicht an den Strand, sie schlagen dort ihr Lifestyle-Lager auf. After-Sun-Bond-Girl mit einem Hauch von Monte Carlo.

Und Männer? Wir stellen uns vor, wie der nasse Badeanzugstoff am Bauch dieser Frauen wohl riechen mag, wir gucken uns das Kunststück an, einen Bikini aus- und gleichzeitig ein T-Shirt anzuziehen. Wir würden das nie zugeben: Aber seit wir das erste Mal im Freibad waren und Mädchen gut fanden, wollten wir mit so einer Frau am Strand sein.

Meine Freundin steht vor dem Schlafzimmerspiegel und zupft missmutig am Träger eines Bikini-Oberteils herum, es ist das fünfte oder sechste. „Was denkst du?“ – „Ich freu mich auf den Urlaub.“