Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Luxus = Verschwendung = Sünde

Cashmere-Pullunder, Angeber-Käse, Champagner: York Pijahn liebt Luxus – und hat dabei permanent ein schlechtes Gewissen. Schuld daran? Eine tote Oma an der polnischen Grenze.

Veröffentlicht am 08.12.2017

"Champagner - das Flugbenzin der guten Laune“ 


Als erstes ist da ein Zischeln auf der Zunge. Ein Prickeln. Ein Pritzeln. Es knistert bis in die Haarwurzeln. Die Nervenenden melden an den Verstand: Champagner! Die Mundwinkel gehen nach oben, ich kann nichts dagegen tun.

Es gibt so ein paar Luxusdinge, die ihren Ruf nicht verdienen und in Wahrheit unfassbarer Nepp sind: SUVs, goldene Handys, Designerturnschuhe, in denen man nie cool, sondern immer wie ein westfälischer Sonnenstudiobesitzer aussieht. Champagner? Gehört nicht auf diese Liste. Champagner ist das Flugbenzin der guten Laune. Wenn ich Champagner trinke, was vielleicht dreimal pro Jahr vorkommt, fühle ich mich auf eine durchgekitzelte Art lebendig. Champagner ist der sprudelnde Luxus.

Es gibt ein paar Sätze, mit denen man nicht erwischt werden will: „Ich verbrenne meinen Müll im Wald“ oder „Ich klaue meinem einbeinigen Rentnernachbarn regelmäßig die Tageszeitung.“ „Ich mag Luxus!“ ist auch so ein Satz. Man klingt oberflächlich, kindisch und leicht zu beeindrucken. Und ich muss gestehen, ich bin genau einer von denen: Ich mag teure Duschgels, die einen duften lassen wie einen italienischen Millionär, ich habe ein Faible für ausgefallene Käsesorten, die meine Mutter Angeber-Käse nennt - und ein Herz für Cashmere-Pullunder. Ich habe sieben Stück und kaufe mir regelmäßig neue. Und das aus nur einem einzigen Grund. Ich kaufe mir all diese Dinge, weil sie mich glücklich machen.

Luxus, dieses Wort war bei uns zu Hause Teil einer einfachen Gleichung: Luxus = Verschwendung = Sünde. Und wissen Sie was? Tief im Innersten bin ich davon noch immer überzeugt. Eine Studie der Universität Stanford von 2008 hat gezeigt, dass unser Gehirn, wenn wir uns etwas Exklusives gönnen, tatsächlich reagiert und der sogenannte präfrontale Cortex besonders aktiv wird. Jener Teil des Gehirns, der unter anderem für Glücksgefühle zuständig ist. Trotzdem habe ich einen murmelharten Kern aus schlechtem Gewissen, wenn ich Geld für Dinge ausgebe, die ich eigentlich nicht brauche.

Auslöser für mein schlechtes Gewissen ist Oma DDR. Als sie im Sterben lag, kaufte mein Vater eine Flasche Sekt und zwei Gläser. Oma DDR war die Mutter meines Vaters und lebte in einem Walddorf an der polnischen Grenze. Sie hatte noch nie Sekt getrunken und bat meinen Vater, eine Flasche zu besorgen. Ihr letzter Wille war eine Getränkebestellung, was ich im Nachhinein sehr lässig finde. Ich stelle mir vor, wie mein Vater auf seinem Motorrad die Dorfstraße entlangknatterte, eine Sektflasche in seiner Lederjacke und zwei in Papier eingeschlagene Gläser im Rucksack. Als Oma DDR ihren ersten und letzten Sekt schlürfte, sagte sie: „Näh, Fritze, das Zeug schmeckt nicht, ich glaube, da habe ich nix verpasst.“ Die Frau ist seitdem für meine Familie das, was Mahatma Gandhi für Indien ist. Eine Ikone der Entsagung und leuchtendes Beispiel dafür, dass man nicht mehr Luxus braucht als Pellkartoffeln im Topf und das Fernsehprogramm auf dem Schoß.

Ich werde, wenn ich in meiner Familie irgendwann mal mehr zu sagen habe, die Oma-DDR-Geschichte umschreiben. Sie wird in dieser Neufassung einen wenig damenhaften Rülpser von sich geben und sagen: „Fritze, mein Junge, das ist wirklich verdammt gutes Zeug. Das hätten wir mal früher trinken sollen. Hoch die Tassen, schön war die gemeinsame Zeit, tschüss, carpe diem und cincin!“ Das Leben ist endlich. Es ist nie zu früh, die Korken knallen zu lassen. Aber hundertprozentig irgendwann zu spät. Und es ist nicht oberflächlich, über sich herauszufinden, was einen glücklich macht. Morgen kaufe ich mir einen neue...