Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Co-Sleeping: Ehebett oder Familienlager?

Bei Kolumnist York Pijahn schläft die ganze Familie in einem Bett. Nennt sich Co-Sleeping. Klingt ungemütlich? Ist es auch.

Illustration einer Familie im gemeinsamen Bett.

Co-Sleeping – muss das sein?


Meine Freundin und ich haben seit einem halben Jahr ein zweites Kind. In den Wochen vor der Geburt, als mir leise Panik den Rücken hinabrieselte, bekam ich von allen Eltern in meinem Umfeld folgende Sätze zu hören: „Das zweite Kind? Läuft doch so mit.“ Hier zwei Erkenntnisse nach einem halben Jahr mit zwei Kids. Erstens: Nulljährige laufen nirgends hin. Und schon gar nicht mit. Sie werden getragen, während sie knatternd Stuhlgang haben und nach einem Kugelschreiber greifen, um sich ein Auge auszustechen. „Das zweite sticht sich vermutlich ein Auge aus“ wäre eine gute, realistische, wenn auch nicht mainstream-taugliche Eltern-Redewendung, um deren Verbreitung ich mich bemühen werde. Zweite Erkenntnis: Meine Freundin sieht Kind 2 als Chance, Erziehungs-Gimmicks auszuprobieren, für die sie bei Kind 1 nicht locker genug war. Wie eine Hobbybäckerin, die nach dem ersten Marmorkuchen übermütig wird. Kind 2, also Zeit für Experimente. Wir machen jetzt: Co-Sleeping.

Co-Sleeping klingt nach Erwachsenen in Hasenkostümen, die im Schaufenster eines Ostberliner Swingerclubs Löffelliegen ausprobieren? Stimmt. Ist aber in Wahrheit ein Familien-Schlafkonzept, bei dem alle im selben Riesenbett liegen oder auf einem großen Matratzenlager schlafen. Nah beieinander, viel Körperkontakt, wodurch die Familie „eine starke Bonding-Erfahrung macht“, sagt meine Freundin. Sie liebt solche Formulierungen und macht dazu mit Zeige- und Mittelfingern Anführungsstriche in die Luft. Ich habe nachts vor allem Interesse an einer „starken Durschlaf-Erfahrung“. Weiß aber seit Kind 1, dass man für solche Sätze im Familienkontext nicht nur Liebe erntet. Gut, also Co-Sleeping.

Meine Freundin verwandelt unser Zimmer in etwas, das wie das Zelt kiffender Teenager aussieht. Ein Haufen Decken, Kissen, Laken im Schummerlicht. Wir legen uns um 20 Uhr zu viert hin. Allerdings schlafen nicht die Kinder als Erste. Sondern ich. Um 20.15. Nach acht Stunden werde ich wach, es ist 4.15 Uhr, ich frühstücke und gucke im Wohnzimmer bis 7.30 Uhr TV-Dokumentationen über Flugzeugträger. Als meine Familie um 7.30 aufsteht („Wo warst du, verdammt?“), bin ich auf Jetlag-Art zerstört und habe gleichzeitig Lust auf Mittagessen.

Wir haben das Zimmer maximal verdunkelt, um das Einschlafen der Kinder zu vereinfachen, wie es auf einer Co-Sleeping-Website empfohlen wurde. Dort stand auch, dass Sex verboten ist, was mir stimmig erscheint. Ja. Pause, Pause. Andererseits ist es dunkel. Und da stand auch, dass Co-Sleeping von einem südamerikanischen Regenwaldstamm, den Yequana, erfunden wurde, die – kein Witz – eine heilige Fledermaus anbeten. Und ich vermute, dass Fledermausgläubige in besonders dunklen Regenwaldnächten auch mal fünfe gerade sein lassen, was Sex betrifft. Ich will das mit meiner Freundin auf so eine offene Co-Sleeping-Art besprechen, die wechselt aber momentan Kind 2 die Windeln, was ihr in der Dunkelheit nicht gelingt. Man hört etwas auf den Parkettfußboden klatschen, den Ausruf „Scheiße!“, der auf vielen Ebenen Sinn macht, und dann riecht es lange spektakulär schlimm. Kind 1 tritt mich derweil im Halbschlaf zweimal an den Kopf und lässt die Füße dann in meinem Gesicht liegen. Aber vielleicht ist das auch nur seine Art, eine starke Bonding-Erfahrung einzufordern? Alle wach. 3 Uhr.

Kind 1 weigert sich, ins Familienbett zu gehen (Eng! Nervt! Stinkt!). Alles in mir jubelt, da ich so groggy bin, als hätte man mich mit einem Autoreifen verhauen. Ich gebe aber den enttäuschten Co-Sleeping-Vater, dessen Sohn auf dem Ego-Trip ist und gerade verkündet hat, den Regenwaldstamm zu verlassen. Meine Freundin – blass, gerupft, Augenringe wie Markus Söder – erlaubt allen zu schlafen, wo sie wollen. Kind 1 im Kinderzimmer, Kind 2 im Babybett, ich liege neben meiner Freundin im Elternschlafzimmer. Erleichtert und platt.


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