Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Comeback mit 50

Die 47., 48. und 49. Geburtstage der Freunde unseres Autors waren ausnahmslos zähe Schlappsack-Feiern. Jetzt werden alle 50 – und drehen voll auf. Klingt nach Midlife-Krise. Oder nach: Comeback!

Veröffentlicht am 19.05.2017
Die Zahl 50 schwebt über Mann im Bett.

50. Geburtstag – Zeit für die Midlife-Crisis?


„Born to be …“ Stulli ist seit 25 Jahren mein bester Freund. Er gehört zu der Sorte Mann, die auf eine Günther-Jauch-Art ewig jung aussieht, immer auch ein bisschen unlocker: wie ein FDP-Politiker, der im Einkaufscenter Lollis verteilt. Jetzt aber springt Stulli über die Bühne einer Karaoke-Bar auf Mallorca: Pappkrone auf dem Kopf, Sonnenbrille auf der Nase. Stulli wird 50. Und das ist seine Stimme: „Born to be wild!“ 

50-Jährige sind in unserer Vorstellung Frauen, die wie Mutter Beimer, und Männer, die wie Günter Pfitzmann aussehen. Menschen, die Weinbrandbohnen essen, Lesebrillen an Ketten mit sich he­rumtragen, Volksmusiksendungspublikum. Klatscher und Schunkler. Doch meine 50-jährigen Freunde sind ganz anders. Ich weiß, dass ich mich jetzt nicht gerade beliebt mache, aber die 47., 48. und 49. Geburtstage meiner Freunde waren ausnahmslos zähe Schlappsack-Feiern. Käseplatten-Brunch am Sonntag in Altbauwohnungen, in denen man mit einem kleinen Teller auf den Knien den Tag wegfrühstückt, bis man um 16 Uhr groggy nach Hause geht, um dort auf die Frage „Wie war’s?“ ein trübes „Nett“ zu antworten. Oder ein „Total nett“, falls es früh viel Prosecco gegeben hat. Stulli, Silke, mein großer Bruder, ähem, ich selbst: Alle haben in den letzten Jahren so gefeiert. Vorbei. Jetzt werden meine Freunde 50.

Der fast 50-Jährige hat Angst, „beim Altsein erwischt zu werden“ (Zitat Stulli), und dreht deshalb alle Regler voll auf. Man kann das Midlife-Crisis nennen – oder einfach: Comeback. Stulli, immer schon etwas teigig, ist im letzten Jahr einen Marathon gelaufen, Silke hat ihre Wohnung renoviert und in zwölf Monaten drei „spektakuläre Affären“ gehabt (Zitat Silke); einer der Männer war so jung, dass sie ihn „den Praktikanten“ genannt hat. Mein Bruder hat seine bisherige, semiseriöse Endvierziger-Garderobe gegen Dieter-Bohlen-geht-segeln-Klamotten eingetauscht. Was nix daran ändert, dass alle nach Jahren des Dahindümpelns ihr Leben beschleunigen, verändern, verjüngen.

Dabei ist der fast 50-Jährige bei allem Vollgas-Selbstbewusstsein ein rohes Ei. Niemand darf in den Monaten vor dem Geburtstag wissen, dass er oder sie bald 50 wird. Gleichzeitig darf niemand in den Monaten vor dem Geburtstag vergessen, dass er oder sie bald 50 wird. Und dann beginnt das, was Stulli die Einflugschneise nennt. Lustige Einladungskarten werden verschickt, auf denen eine Gute-Laune-Greisin auf Rollschuhen oder ein zahnloser 100-Jähriger in Badehose zu sehen ist. Zwinker, zwinker. Der fast 50-Jährige will zu diesem Zeitpunkt den Geburtstag wegwitzeln und allen den Wind aus den Segeln nehmen, die vorhaben, ein lustiges und im Kern ja immer ein bisschen niederträchtiges Spaß-T-Shirt mit einer 50 drauf zu verschenken. Ich war jetzt auf drei 50. Geburtstagen: Das T-Shirt gibt es trotzdem jedes Mal, sogar Stulli hat drei bekommen, während der Feier auf Mallorca, auf der wir mit allen Freunden waren und er gegen den Rat von allen auf die Karaoke-Bühne geklettert ist, um „Born to be wild“ zu singen. „Letztlich ist alles besser als Brunch“, hat Silke über ein Cocktailglas hinweg gesagt und ein Handyfoto von Stulli gemacht, auf dem er wie die Karne-valsversion von Karl-Theodor zu Guttenberg aussieht.

Silke hat am vergangenen Wochenende in ihren Geburtstag reingefeiert: mit fast hundert Leuten in der alten Dorfdisco, wo wir zu Abi-Zeiten oft waren, was sich wie ein übergroßes Klassentreffen ohne Lehrer anfühlte. Von zwei Freundinnen hat Silke ein T-Shirt bekommen. Sie hat es gleich angezogen. Vier Wörter, blaue Blockbuchstaben auf weißem Stoff: Midlife? Ja. Crisis? Nein.