Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Das Badehosenproblem

Männer in Badehosen wollen vor allem eins: männlich sein. Und wirken dabei: (fast immer) komisch. York Pijahn bittet um ein wenig weibliche Nachsicht.

Veröffentlicht am 14.07.2017
Mann in Taucherausrüstung.


Meine erste Badehose war aus rosafarbenem Frottee und ich sah darin aus wie Tarzan – kein Witz. Die Hose betonte meine breiten Schultern, meine ausladende Brust, meine mangogroßen Trizepsmuskeln. Frauenchöre am Dorfstraßenrand sangen „Oh là là“, wenn ich meine Badehose anhatte. Die Munitionssalven, die Neider aus dem Hinterhalt auf mich abfeuerten, zerplatzten auf meinem Dschungelkörper wie Wassertropfen in slow motion. Meine Arschbomben in der rosa Badehose lösten Tsunamis und spitze Schreie der Begeisterung bei meinen Fans aus.

Ich war Tarzan, fünf Jahre alt und – das kann man in der Rückschau sagen – ein hyperaktives Kind aus der Bielefelder Vorstadt, mit einer permanenten und außer Kontrolle geratenen Vollmeise. 

Warum lasse ich Sie an dieser Therapiesitzung en miniature teilhaben? Weil Männer an die Verwandlungskraft von Badehosen glauben. Damals wie heute, und, ja, wir werden das natürlich immer leugnen. Die Hose bringt unser wahres Ich hervor, sie ist der Spiegel unserer Träume. Eben sind wir noch Büroheinis auf dem Weg zur Kindertagesstätte – Minuten später sind wir Josh Holloway, der Typ aus der „Cool Water“-Werbung. Und das alles dank einer engen schwarzen Badehose.

Und hier wälzt sich auch schon das erste Problem ins Bild: Nur man selbst hält sich für den Mann aus der „Cool Water“-Werbung; für alle anderen sieht man aus wie nach einem langen Winter voller Erkältungen, in dem man fünfzigmal zu oft in die Keksdose gegriffen hat. Die Beine sind nicht weiß – sie changieren ins Hellblaue.

Das Badehosenproblem ist ein universelles. Jeder Mann hat es, und bevor ich jetzt falsche Erwartungen wecke: Es ist aus eigener Kraft nicht therapierbar. Jede Bewegung weg vom Kindheitsideal der Raketenaufdruck-Shorts oder Astronautenmotiv-Schwimmhose führt zu einer modischen Bruchlandung, egal, wie viel Mühe man sich gibt.

Hauptlandeplatz ist die hellblaue Badehose, die Bond-Darsteller Daniel Craig in „Casino Royale“ trägt. Sie erinnern sich: Er steigt aus dem Wasser mit einem Körper, der wie aus einem Granitblock herausgelutscht zu sein scheint, und hat eine Hose an wie Barbies Ken. Dabei dampft er so viel Testosteron aus, dass sogar Männern im Kino schwummrig wird. Ich meine mich zu erinnern, kurz vor Neid geknurrt zu haben. Dass nur Daniel Craig in so einer Hose aussieht wie Daniel Craig und alle anderen wie etwas Eingeschweißtes aus der Wurstabteilung, ist eine Wahrheit, die im Männerkopf keinen Platz hat. Auch in meinem nicht. Auch ich habe so eine Badehose.

Sich ein Daniel-Craig-Teil zu kaufen ist allerdings schon ein Wahnsinnsschritt. Laut einer Studie des Meinungsforschungsinstituts IFAK kaufen sich nämlich 38 Prozent aller Männer selten oder nie eine neue Badehose. Kurz: Dieser Bereich ist auf unserem Mode-Instinkt-Radar nicht vorhanden. Und wenn wir dann zugreifen, greifen wir daneben. Während Frauen blind und instinktsicher immer einen schwarzen Bikini mit Sixties-Hose kaufen, worin sie dann immer wie Jackie O. aussehen, entscheiden sich Männer für knielange Badebermudas mit Haifischprint oder für Shorts mit sehr weiten Beinen, die dann vom Körper abstehen wie ein zu großes Tennisröckchen. Oder wir packen einfach eine viel zu kleine Badehose ein, was das Waterloo unter den Modekatastrophen ist.

Warum wir Männer trotzdem solche Höschen tragen? Kommen Sie, wir betreten kurz zusammen den Kopf eines Mannes, der so ein ganz enges Stück Stoff anhat und der sich beim Sonnen das Ding an den Seiten hochrollt, bis er wie eine Salami aussieht. Im Kopf so eines Kleine-Hosen-Trägers schallen Sätze wie diese vom Schädeldach herab: „Ich bin ein Wahnsinnsathlet! Ich bin Michael Phelps! Mein Körper ist ein schlanker Torpedo, der durch zu viel Stoff von seiner Mission, der reibungslosen Fortbewegung im Wasser, nur aufgehalten wird!“

Auch ich habe, wie gesagt, so ein ­enges Teil im Schrank, es sieht ein bisschen so wie meine alte Tarzanbadehose aus, und ich denke, ich werde ihm diesen Sommer eine Chance geben. Wenn also das nächste Mal ein Mann mit viel zu wenig Hose am Strand entlanggeht und das Lachen um ihn herum aufbrandet – seien Sie nicht zu streng. Der tut nichts. Der ist einfach noch mal einen Sommer lang fünf Jahre alt. Der will einfach nur spielen.