Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Das Lutschen der Rosine

Egal ob iPads, Bärte oder Wandern: Unser Autor bekommt Trends immer als Letzter mit. Gilt auch beim Thema Achtsamkeit. Deshalb hängt er sich jetzt rein und macht: Power-Achtsamkeit.

Veröffentlicht am 06.10.2017

Entspannungstipp: möglichst lange eine Rosine angucken und die verhutzelte Oberfläche erkunden!


Ich bekomme Trends immer als Allerletzter mit. Jedes Mal. Das ist, vor allem als Journalist, richtiger Mist. Als Gesprächspartner, der was wirklich Neues zu erzählen hat, tauge ich nicht. Mein unfassbar hipper Freundeskreis in Hamburg und Berlin ist da ganz anders. Vor vier Jahren haben sich meine Freunde iPads gekauft – als Erste. Sie haben sich Bärte wachsen lassen – als Erste. Dann entdeckten meine Freunde das Wandern, nannten es aber „Hiken“, weil das nicht so nach warmer Capri-Sonne im Kinderrucksack klingt. Danach haben sich alle Rennräder ohne Gangschaltung gekauft, die so praktisch sind, als würde man zur Arbeit sackhüpfen.

Ich habe all diese Dinge jetzt erst für mich entdeckt. Ich bin die bärtige, wandernde, Rennrad fahrende Trend-Nachhut. Mein Freund Stulli, der es auf so eine schäbige Art liebt, mir Wahrheiten in schmerzhaftester Form ins Gesicht zu schleudern, sagt, ich bekäme Trends immer erst mit, wenn sie Teil einer Tchibo-Themenwoche sind. Auch auf meinen aktuellen Lieblings­trend bin ich mal wieder als Letzter aufgesprungen: die Achtsamkeit. Erfunden wurde sie in den 80ern unter dem Namen mindfullness vom amerikanischen Arzt Jon Kabatt-Zinn. Kurz gesagt geht es ums bewusste Leben im Augenblick. Klingt gut. Zwar erscheint mir die Idee nicht ganz neu, aber wenn man wie ich das Trend-Ende bildet, versucht man lieber nicht durch Nörgeln aufzufallen, sondern tut so, als sei man schon immer mit an Bord.

Um Boden gut zu machen gegenüber meinen Freunden, die schon seit Monaten irre achtsam sind, hänge ich mich jetzt richtig rein. In meinen Worten: Ich mache Power-Achtsamkeit. Ich habe schon einen kleinen Stapel Bücher zum Thema Achtsamkeit gekauft, die wie immer zum Trend-Ende hin auf den Grabbeltischen unter einer Regenfolie liegen. Der Klassiker unter den Achtsamkeitstricks, die ich in hoher Taktung in mein neues Leben integriere, ist die Rosinenübung. Dabei guckt man möglichst lange eine Rosine an und erkundet die verhutzelte Oberfläche. Das entspannt. Man darf die Rosine nach einiger Zeit sogar kauen, aber so weit bin ich noch nicht. Meine Freundin, die seit einem Jahr unheimlich achtsam ist und seitdem so eine von Fencheltee umspülte Ruhe abstrahlt, hat mich gebeten, die Rosinenübung nicht mehr am Frühstückstisch zu machen, weil es ihr das Gefühl gebe, mit Rain Man zusammenzuleben. Meine zweite Lieblingsübung: achtsames Gehen. Man geht und spürt die Füße, guckt in die Luft, atmet. Finde ich gut und hat auch beim ersten Versuch super geklappt. Als ich noch bei meiner Mutter in Bielefeld wohnte, haben wir das oft zusammen gemacht und es spazieren gehen genannt. Ich gucke auf Youtube regelmäßig Achtsamkeits-Lehrfilme, es gibt eine Menge davon, und wenn ich kurz missionieren darf: Schauen Sie sich den an, in dem es auf einer Länge von 14 Minuten und 49 Sekunden darum geht, auf einem Hocker zu sitzen. Entspricht ziemlich genau dem, was man als Büromensch jeden Tag macht, und fällt daher unheimlich leicht.

Stulli, der in Sachen Achtsamkeit ein alter Hase ist (ich vermute, er darf bald das erste Mal die Rosine runterschlucken), verströmt übrigens seit ein paar Tagen eine leichte Genervtheit und Langeweile, was die Achtsamkeit betrifft. Er glaubt, dass wir kurz vor Anbruch eines neuen Groß- und Gegentrends stehen: Unachtsamkeit, wobei das noch nicht Themenwochen-Wording ist. Wodka-Cocktails auf Häuserdächern, zu laute Musik, nackt tanzen im Schlafzimmer, the return of the very starken Filterkaffee und Aufläufe aus Kartoffelbrei und Hackfleisch. Ich hoffe, die Leute von Mindful Monday, einer Achtsamkeitsgruppe aus unserer Kreuzberger Nachbarschaft, lesen das hier nicht. Aber ich freue mich jetzt schon auf den neuen Trend.