Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Das übergroße Männer-Ego

Über die ewigen weiblichen Selbstzweifel und Erfolge-Kleinreden hat sich York Pijahn lange gewundert. Bis er das Spielchen durchschaute. Willkommen beim verbalen Ping-Pong-Match.

Illustration von Mann und Frau, die Ping Pong spielen.

Ein sinnfreies Männer-Frauen-Gespräch – eine reine Pingpong-Partie.


„Da ist zu viel Koriander dran, oder?“, fragt meine Freundin. Ich probiere die Sauce, die nicht nur gut schmeckt. Sondern perfekt. Meine Freundin ist eine der miesesten Köchinnen Mitteleuropas, aber Salatsaucen hat sie unfassbar drauf, ich weiß das, sie weiß das. „Ist der Hammer, die Sauce!“ – „Wirklich?“ – „Total!“ – „Findest du?“ Etwas in mir atmet ein und atmet aus. Wir haben soeben die Pingpong-Partie des sinnfreien Männer-Frauen-Gesprächs begonnen, eine Sportart, in der meine Freundin alle internationalen Titel gewinnt. Ping. „Nein, schmeckt super.“ – Pong – „Echt?“ – Ping. – „Echt!“ – Pong. – „Ich könnte Senf dazutun.“ – Ping – „Ich finde sie super so.“

Ich frage mich gerade, was andere Menschen so mit ihrem Samstagabend machen. In unserer Küche sind jedenfalls die Spiele eröffnet. Als Mann geboren worden zu sein hat unheimlich viele Nachteile: Die Haare fallen aus, bis man Geheimratsecken hat, groß wie Pizzakartons. Man neigt zu Bart-Experimenten, die einen als sexy Großstadt-Robinson wirken lassen sollen. Aber am Ende immer nach Rudolf Scharping im Planschbecken aussehen. Die Liste der Macken ist lang und man hat mit so einigem zu kämpfen. Aber mit dem hier nie: einem zu kleinen Ego. An der eigenen Salatsauce, der Frisur oder dem Kleidergeschmack zu zweifeln hat im Männer-Ego keinen Platz. Für Männer ist das Ego wie ein geheimes Ferienhaus. Ein Rückzugsort tief im Inneren, leuchtend in der Dunkelheit der Seelenlandschaft. Und in diesem Haus findet jeden Tag eine Party statt. Auf der wir uns von allen Seiten bestätigen lassen, wie gut wir aussehen, dass Selbstzweifel wirklich nicht angebracht und die letzten zwei, drei vermasselten Projekte eigentlich nicht unsere Schuld sind. Sondern die der anderen.

Nach einem Besuch im Männer-Ego-Ferienhaus ist man immer ein bisschen besoffen vor Selbstbewusstsein. Meine Freundin tickt da ganz anders. Genau wie alle anderen Frauen in meinem Freundeskreis: Anke (Anwältin, doppelt so hohes Einkommen wie ich), Silke (hat mich zweimal beim Marathon abgehängt), Steffi (schreibt gerade ihr zweites Buch). Sie alle sind unbestritten erfolgreich, reden aber von ihren Triumphen wie von beschädigter Ware, die man zum halben Preis irgendwo abgestaubt hat. Zufallstreffer, Anfängerglück. Das kann man bescheiden und selbstkritisch bis zum Dachschaden finden – Männern ist diese Haltung nicht nur fremd, sondern ein Rätsel. Ich selbst habe mich schon wortreich für sehr gut gemachte Eiswürfel gelobt und für in Rekordzeit heruntergetragene Mülltüten. Alles Dinge, die ein gut dressierter Schimpanse mit steifer Hüfte hinbekommen würde. Dass Frauen nicht so sind, finden Männer verdächtig. Denn jemand, der dauernd seine Erfolge kleinredet, zwingt das Umfeld zu permanentem Lob und ego-aufbauenden La-Ola-Wellen.

Mehr noch: Ein Teil von mir entwickelt sogar so was wie Neid. Wann wurde das letzte Mal zehn Minuten über meine Salatsauce gesprochen oder über meine überschaubare Frisur zwanzig Minuten vor dem Spiegel diskutiert? Darauf angesprochen, sagt meine Freundin, dass ich darüber doch froh sein solle. Danach macht sie so eine Schleuderbewegung mit ihren Haaren, wie man sie aus alten „Dallas“-Folgen kennt, was gleichermaßen abgeschmackt und auf so eine Brigitte-Bardot-Art sexy aussieht. „Du hast dir den Pony kürzer geschnitten“, sage ich. „Findest du ihn nicht zu kurz?“, erwidert meine Freundin mit dem Anflug eines Siegerlächelns im Gesicht. Ping!


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