Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Delphinmilch für die ganze Familie

Als Sohn einer Krankenschwester hat York Pijahn den Homöopathie-Hype immer müde belächelt. Seit er selbst Vater ist, sieht er das etwas anders.

Veröffentlicht am 13.05.2017
Mann trinkt Delphinmilch.


Es ist halb drei Uhr morgens und ich liege auf der Gästematratze im Wohnzimmer meiner Mutter in Bielefeld. Eine Uhr tickt in der Dunkelheit, es riecht nach Aprikosenraumspray. Ich blinzle und erkenne meine Mutter, die mir ein Glas mit einer braunen Flüssigkeit entgegenstreckt. „Hier!“ Ich habe zweimal im Schlaf gehustet. Jetzt sitzt sie am Kopfende meiner Matratze mit einem Glas Codeintropfen, die wahrscheinlich seit Jahren per Gesetz verboten sind und mit denen man ein Nashorn narkotisieren könnte. „Hier!“ Widerstand zwecklos.

Meine Mutter ist der Pablo Escobar von Ostwestfalen, keine Droge, kein Medikament, das in ihrer Rentnerwohnung nicht auf Lager wäre. Bei kleinsten Krankheiten die chemische Artillerie aufzufahren ist eine Haltung, die unserer Familie im Blut liegt. Meine Mutter war 30 Jahre Krankenschwester. Eine Pille, in deren Namen nicht die Silbe tox vorkommt, ist was für Amateure. Das Wort „Meerwassernasenspray-Benutzer“ ist in meiner Familie ein Schmähwort. Diese Haltung steckt so tief in meinen Genen, dass sie sogar auf andere Lebensbereiche abgefärbt hat. Ich kaufe auch Reinigungsmittel, für die man Gummihandschuhe braucht. Warnhinweise auf Putzmittelverpackungen, die andere Leute abschrecken, lese ich als Versprechen, dass das Zeug wenigstens was taugt. In meiner Familie mögen wir Flüssigkeiten, die es heiß aus dem Ausguss dampfen lassen.

Doch seit meine Freundin und ich ein Baby haben und in Kreuzberg wohnen, ist das vorbei. Mein Leben hat eine Öko-Nachhaltigkeits-Grundmelodie bekommen – befeuert vom Gedanken, dass in einer Welt mit Kind alles aus Hirse und mit Rhabarbergeschmack sein muss. Und folgender Satz hat sich in mein Leben geschlichen: „Haben Sie auch was Homöopathisches?“ Die Antwort von der anderen Seite des Tresens ist immer dieselbe, vorgetragen im Kreuzberger Apothekerinnentonfall, den man von Zeugen Jehovas kennt, wenn sie mit einem über Jesus reden. Die kontrollierte Explosion von Gutmenschen-Ekstase. „Was Homöopathisches! Gern!“

Eine eigene Familie mit Baby zu haben bedeutet Teamplay, und so bekommt nicht nur unser Sohn kleine weiße Kügelchen. Sondern auch ich, gegen die trockenen Augen nach langen Tagen am Laptop. Diese Kügelchen enthalten laut Apothekerin die „Informationen von Delphinmilch“. Ist es nicht toll, wenn das Leben so behämmert ist, dass es sich wie eine Persiflage seiner selbst anfühlt? Delphinmilch!? Klar, was sonst? Wie wird die eigentlich gewonnen? Gibt es Leute, die auf Partys auf die Frage nach ihrem Job antworten, dass sie gerade ihre Delphinmelker-Ausbildung in Brandenburg machen? Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, wenn ich jetzt dreimal am Tag die Dinger nehme, die ich „Flipperkugeln“ nenne, was ich toll und kreativ und meine Freundin so mittellustig findet. Zu meinem großen Ärger wirken die Kügelchen, es ist grauenvoll. Ich komme mir vor, als würde ich von einem Voodoozauberer durch die Manege geführt. Glücklicherweise habe ich seit dem Besuch bei meiner Mutter noch Resthusten, den ich mir nicht von der Homöopathie kaputt machen lassen werde. Sie hat mir am Telefon versprochen, die Flasche mit den Codeintropfen zu schicken. Ich freue mich schon auf das Paket.