Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Der coole Onkel York

Pizza bestellen, Science-Fiction-DVDs gucken, Playstation spielen und die Zähne einfach mal nicht putzen: Unser Autor hat Besuch von seinem achtjährigen Patenkind und blüht auf: als Alles-ist-erlaubt-Onkel.

Illustration von Yvonne Kuschel.

York Pijahn ist das Formel-1-Auto unter den Onkel, oder zumindest der Motorroller.


Ich stehe am Hamburger Bahnhof. Ich habe eine Jeans an, die über den Knien zerrissen ist. Einen grünen Kapuzenpulli, eine orangefarbene Jacke, Stoffturnschuhe und eine zu große Ray-Ban-Sonnenbrille. Ich habe alles aus meinem Schrank gegriffen, was das Signal „jugendlich“ sendet. Nein, brüllt. Mit dem Ergebnis, dass ich wirke wie ein Typ Ende 30, der sich als farbenblinder Moderator einer Kindersendung verkleidet hat. Der ICE hält, und da steht er: mein Patenkind Julius. Blonde Locken, achteinhalb Jahre alt, auf dem Rücken eine Sporttasche. Gut zwei Monate ist es her, dass ich ihm an Heiligabend einen Gutschein geschenkt habe: zwei Tage Miniferien in der Großstadt bei Onkel York.

Hallo Julius. – Hallo Onkel York. – Wie geht es? – Gut. Ich kenne dieses Informations-Stakkato aus unseren Telefonaten. Wobei ich zugeben muss, dass ich Julius außer an seinem Geburtstag noch nie angerufen habe. Sondern nur mit ihm spreche, wenn mein Bruder ungefragt den Hörer weiterreicht. Das klingt so: Wie geht’s? – Gut. – Was machst du so? – Spielen. – Und was? – Lego. Tschüss. Mein Patenkind ist kein Freund des Small Talks. Und ich, der mit jedem Taxifahrer verbal intim wird, habe kein Talent, mit Achtjährigen zu plaudern. Onkel zu sein ist ein Job, der nur aus spitzenmäßigen Aufgaben besteht: Während die Eltern der zugekleckerte Kombi sind, öde, aber zuverlässig, ist der Onkel der Formel-1-Wagen. Nutzlos für den Alltag, zuständig für das unkonventionelle Spaßprogramm. Von Onkeln sollte man lernen, wie man Zigaretten dreht, Leberhaken schlägt und Fahrradschlösser knackt. Und so sabotiere ich die politisch überkorrekte Erziehung meines Bruders und seiner Frau, wo immer ich kann. Indem ich zu Geburtstagen Spielzeugmaschinenpistolen und Lichtschwerter verschenke. Was bei Eltern von Waldorfschülern so gut ankommt, als würde ich Julius verraten, wo man günstig Heroin kauft.

In meiner Wohnung geht Julius so vorsichtig wie eine Katze durch alle Räume. Ich bekomme Lob für eine Darth-Vader-Figur in der Küche, die ich gefallsüchtiger Sack extra dort hingestellt habe. Tja. Wir stehen etwas ratlos voreinander. Worüber redet man mit einem Achtjährigen? Schule? Pinocchio? Mädchen? Julius fragt, welche „Star Wars“-Figur ich am besten finde. Den von Harrison Ford gespielten Han Solo. Er nickt und ich steige auf der Coolness-Liste auf Platz 10, falle aber wieder in den dreistelligen Bereich, als ich gestehen muss, dass ich den Namen von Han Solos Raumschiff vergessen habe. Er steht im Bad und sagt: „Du hast mehr Cremes als Mama.“ Ich komme mir vor wie bei einem Date, bei dem mir die Gesprächsthemen ausgehen.

Schon mal nachts Motorroller gefahren, Julius? – Nö. – Lust? – Ja. Mein Patenkind hat das Temperament eines ostwestfälischen Kartoffelbauern auf Ritalin, aber wer sagt eigentlich, dass Kinder immer vor Freude durchdrehen müssen. Wir fahren am Hafen entlang, die Schiffe leuchten wie Weihnachtsschmuck, und Julius hält sich mit dünnen Armen an mir fest, was sich gut anfühlt. Am Tag danach werde ich meinem Ruf als Alles-ist-erlaubt-Onkel gerecht. Wir bestellen Pizza, gucken Science-Fiction-DVDs, in denen viel Blut fließt, wir spielen auf meiner Playstation, bis es dunkel wird, und putzen uns nicht die Zähne – als Akt der Rebellion.

Am Sonntag fahren wir nach einem Keks-Frühstück zum Bahnhof. Der ICE glänzt weiß auf Gleis 3. Julius steigt in den Speisewagen, sein Gesicht hinter der Scheibe. Ich habe ein Drücken im Hals. Er sieht wie ein kleiner Junge aus. Jemand, für den man alles machen würde. Und er hat überhaupt keine Ahnung, dass das so ist. Na ja, viele Worte würde es nicht brauchen. Heute abend rufe ich ihn mal an. 


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