Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Der Familienauto-Fan

Unser Autor fährt am liebsten Autos, die nach verchromter Atomrakete aussehen, wie seinen alten Großraumdisco-Rennwagen. Mit zwei Kindern muss er jetzt aber langsam vernünftig werden – er wechselt die Seiten.

Veröffentlicht am 07.04.2017
Illustration von Yvonne Kuschel von einem Vater mit großem Familienauto.

Seit York Pijahn zwei Kinder hat, braucht er ein Familienauto.


Ich komme aus einer Bielefelder Rennwagen-Familie. Meine Brüder und meine Mutter sind schon immer Autos gefahren, die extratief auf der Straße lagen. Mit extrabreiten Reifen. Und extragroßen Lautsprechern. Die Autos meiner Familie waren wie dafür gemacht, um in Großraumdiscos zu fahren, die „Elite“, „Flamingo“ oder „Elite-Flamingo“ hießen. Wenn ich an meine Jugend denke, sehe ich mich auf dem Rücksitz eines dieser Autos. Angeschnallt mit roten Rallyegurten neben den stark parfümierten Jeansjacken-Freunden meiner großen Brüder. Aufgekratzt. Glücklich. Während der Wagen über eine nächtliche Landstraße rast.

Und jetzt? Stehe ich im Neonlicht auf dem Fliesenboden eines Berliner Autohauses und beobachte meine Freundin, wie sie die Schiebetür eines erbsengrünen Autos öffnet, das Kalingito heißt. Oder Prontorello. Der Wagen sieht aus wie etwas, womit ein Zivildienstleistender Gulaschsuppe auslieferte. Und die Schiebetür, die meine Freundin schon wieder aufreißt, klingt – wenn man genau hinhört – wie ein Rentner, der die Nase hochzieht. Chrrritsch. Tür auf. Chrrritsch. Tür zu. „Wie praktisch“, sagt meine Freundin aufrichtig begeistert.

Weil wir seit einem Jahr ein zweites Kind haben, brauchen wir einen größeren Wagen. Und weil in unserem politisch korrekten Kreuzberger Allwetterjacken-Freundeskreis schnelle, flache Bielefelder Großraumdisco-Rennwagen als Peinlich-Schnickschnack gelten, suchen wir jetzt genau die Sorte Auto, die alle Familien um uns herum fahren: eine Mischung aus Bus, Kastenwagen und motorisierter Sackkarre, an deren Steuer Väter mit leerem Blick sitzen, die von den hinteren Bankreihen aus mit Apfelstücken und angesabberten Vollkornkeksen beworfen werden. Ich sage das mit aller zur Verfügung stehenden Ironie: Hurra.

Was tun? Um nicht als der unerwachsene Provinzdepp dazustehen, der gern wieder 17 wäre und am liebsten ein Auto fahren würde, das wie eine verchromte Atomrakete aussieht, habe ich die Seiten gewechselt. Ich bin jetzt ein Familienauto-Fan. Und jeden Samstag habe ich in Berliner Autohäusern meinen großen Auftritt. Vorhang auf: Der Familienauto-Fan betritt mit Breiresten an der Fleece-Jacke das Autohaus, in jeder Hand einen Kindersitz. Er ist auf so eine gut gelaunte Art erschöpft, weil er vermutlich letzte Nacht Windeln gewechselt, Fieber gemessen und gleichzeitig Geburtstagsmuffins für den Mottogeburtstag „Star Wars“ mit kleinen Todessternen bemalt hat. Alles an ihm sagt: Ich bin nicht zum Spaß hier, ich bin hier, weil ich Verantwortung übernehme, ihr nichtsnutzigen Cabrio fahrenden kinderlosen Singles. Ich brauche keinen Drehzahlmesser, ich will sofort einen Lageplan der Airbags sehen.

Der Familienauto-Fan liebt alles, was im Auto ausklappbar, umfaltbar, abwaschbar ist, er hängt Campingfantasien nach, in denen er die Familie und noch ein paar mehr Kinder, die er aufgegabelt hat, durch einen skandinavischen Sommer chauffiert, in dem – let’s be crazy – einfach alle irgendwo im Auto pennen. Dass er das Auto in Wahrheit nur zweimal die Woche braucht, um die Kinder drei Kilometer zum Logopäden zu fahren? Perlt an ihm ab. Ich lobe außerdem die dicken, runden Cockpitarmaturen, die aussehen, als wären sie von einem Monchhichi und einem bekifften Waldorfschüler designt worden. Je kindlicher das Auto von innen aussieht und je weniger nach Beschleunigung, desto besser.

„Du bist irre“, sagt meine Freundin, neben mir im Autohaus stehend. „Ich finde es manchmal doof, ausschließlich Eltern zu sein“, sage ich. Und dann erzähle ich ihr von dem Gefühl, nachts mit Freunden über eine Landstraße zu fahren. Zu einer Party. Bei offenen Fenstern. Kommt das wieder? „Von allein auf jeden Fall nicht“, sagt meine Freundin. Sie hat mir versprochen, für das erste Mai-Wochenende ein schnelles Auto zu mieten. Für eine Spritztour zu zweit. Alles anschnallen.