Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Der Mann, der sich nicht traut

In York Pijahns Freundeskreis stehen gerade Waldhochzeiten und Wiesentrauungen hoch im Kurs. Wie man sich das vorstellen muss? Mit Robin-Hood liegen Sie schon mal nicht falsch.

Veröffentlicht am 28.04.2017
Illustration von einem Hochzeitspaar auf einem Baum von Yvonne Kuschel

Waldhochzeit? York Pijhan lacht sich einen Ast.


Telefonate mit meiner Mutter münden regelmäßig in ihre Frage, ob meine Freundin und ich „nicht bald mal heiraten. Dann wäre alles geregelt.“ Meine Mutter, pragmatisch bis an den Rand des Aushaltbaren, behandelt das Thema „Heiraten“ so, als ginge es eigentlich um „Testament-Machen“. „Heiratet! Allein schon für den Fall, dass einer von euch über den Jordan geht. Oder nach einem Schädel-Hirn-Trauma nicht mehr sprechen kann.“ Meine Mutter war 30 Jahre lang Krankenschwester in der Notaufnahme und hat einen Hang zum Rabiaten. Ich sehe mich im Geiste sofort im Krankenhaus liegen. Sprachlos. Sabbernd den besorgten Ärzten auf eine kleine Tafel Nachrichten schreiben: „Alles halb so wild Leute, bin ja zum Glück verheiratet, haha!“ 

Tatsächlich mag ich es, unverheiratet zu sein. Weil es sich lebendiger anfühlt, Freund und Freundin zu sein als Mann und Frau. Man ist eher draußen auf See als im Hafen der Ehe. Trotzdem ist mein Nicht-verheiratet-Sein ein Quell steter Mulmigkeit. Weil ich aus einer religiösen Familie komme. Man müsste, sollte, könnte eigentlich heiraten. Wegen Jesus. „Verarsch mich nicht. Jesus findet uns auch so okay“, sagt meine Freundin. Weil es in meinem Kreuzberger Freundeskreis viele wie meine Freundin gibt, werden wir jetzt regelmäßig zu einer neuen Art von Hochzeit für Nicht-Kirchgänger eingeladen: die sogenannte freie Trauung, bei der man nach einem Blitzbesuch im Standesamt nach einem selbst ausbaldowerten Ritual vermählt wird. Von einem Freund, einem freien Hochzeitsredner, einem Verwandten. Die freie Trauung folgt, auch wenn man das lieber nicht so laut sagt, den Gesetzen eines Motto-Kindergeburtstags: schräge Klamotten, ausgebuffte Spiele, überraschende Location. Und sie unterliegt immer dem Wunsch, durch Originalität zu zeigen, was man so auf dem Kasten hat. Wir waren allein in diesem Jahr schon auf fünf freien Trauungen. Meine Freundin: voller Begeisterung. Ich: vor mich hinmosernd, weil ich ja in meiner Eigenwahrnehmung der letzte old school-Kirchgänger bin, der von der Kreuzberger Hallodri-Kultur untergebuttert wird.

Hier meine Lieblingsvarianten der freien Trauung: die Strandhochzeit mit Gästen ganz in Weiß. Soll die Grandezza einer Kennedy Familienfeier versprühen, landet aber am Ende bei einer Mischung aus Raffaello-Werbespot und dem komischen Gefühl, dass 100 weiß Gekleidete an einem Strand auch immer wie ein verstrahlter Sekten-Suizid rüberkommen. Die improvisierte Hochzeitszeremonie bestand im Überreichen eines alten Steuerrads, was das Paar aussehen ließ, als hätte es Glück beim Strandgut-Sammeln gehabt. Die Waldhochzeit: Wirkt – egal, wie bunt die Blumenkränze waren, die ich umgehängt bekam – immer wie eine Hobbit-Konfirmation in einem Robin-Hood-Speakeasy. Außerdem kommt in der Regel nur die Hälfte der Gäste, weil keine Sau die abgelegene Lichtung findet, die etwas großsprecherisch als Liebes-Aue angekündigt wurde.

Mein absoluter Favorit: die Wiesen-Sause – die kleine Schwester der Waldhochzeit, bei der ich schon zweimal war. Beide Male gab es den Hinweis auf der Einladung, dass das Paar sich freuen würde, wenn die Gäste barfuß kommen, worüber ich bereits auf der Hinfahrt im Auto Witze riss und mir mögliche Kommentare meiner Mutter vorstellte. Die Trauung wurde von einer Tante der Braut durchgeführt, einer älteren Lady mit Leinenhemd und Nickelbrille, deren improvisierte Predigt letztlich nur ein langes Liebesgedicht war. Als es dunkel wurde, ließen die Gäste Lampions mit Zeilen des Gedichts in den Himmel aufsteigen. Es war kitschig, naiv, selbst gebastelt. Und hatte gerade deshalb, egal, wie man es durch die Sauce des Zynismus zu ziehen versucht, unglaublichen Wumms. „Liebe heißt gerettet werden“ stand auf dem Ballon, den meine Freundin losfliegen ließ. „Jesus fände das hier okay“, sagt sie. Ein Satz fliegt Richtung Nachthimmel. „Jesus fände das hier sehr okay.“