Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Die Neue

York Pijahns Freunde haben neue Partnerinnen. Und die sind alle auffallend jung. Das geht gar nicht. Oder?

Veröffentlicht am 10.11.2017

"Age Gap Couple".


„Das ist Lea!“ Ich sitze in einem Berliner Restaurant, neben mir mein bester Freund Felix. Als Lea den Raum vor ein paar Augenblicken betreten hat, ist Felix nicht aufgestanden. Er ist aufgesprungen. Lea hat kurze hellbraune Haare und eine Hipster-Hornbrille. Sie sieht aus wie jemand, der in einer New Yorker Werbeagentur ein voll verglastes Eckbüro hat. Wenn sie ihren Kopf dreht, sieht man ein kleines Tattoo in ihrem Nacken. Lea ist Felix’ neue Freundin. Sie ist 35, er 50.

Ich habe Felix lange nicht mehr so gesehen. So verliebt. Ich müsste mich eigentlich für ihn freuen. Tue ich aber nicht. Stattdessen mache ich mich darüber lustig, dass Lea ihren Job kündigen will. Um Yogalehrerin zu werden. „Karma statt Computer, Chakra statt Stechuhr“, rufe ich Beifall heischend. Keiner lacht.

Lea ist Teil eines neuen Trends in meinem Freundeskreis. Vor zehn Jahren haben viele meiner Freunde geheiratet – und sich scheiden lassen, als den Ehen die Puste ausging. Danach Neustarts in kleinen Übergangswohnungen, in denen die Resttraurigkeit hing. Und dann? Haben sich viele meiner Männerfreunde neue Partnerinnen gesucht – die im Schnitt zehn bis 15 Jahre jünger sind. Das coole Modewort dafür ist Age Gap Couple. Ich fand das, vorsichtig formuliert, irgendwie verdächtig. Und unvorsichtig formuliert: irgendwie billig. Weil mein Männerfreundeskreis das Klischee vom plauzigen Midlife-Crisis-Mann zu erfüllen scheint. Der Goldkettchen-Vaddi auf dem Rennboot mit öligem Siegerlächeln hinter der Pilotenbrille. Im Arm die junge Sekretärin.

Ich sammle bei jedem der Kennenlerntreffen mit den neuen Partnerinnen Indizien. Weil da doch etwas nicht stimmen kann. Jung und mittelalt. Das ist doch verdächtig. Willkommen bei der Age-Gap-Stasi. Und so reite ich auf dem hohen Ross des moralisch Überlegenen von Abendverabredung zu Abendverabredung. Und stelle den neuen Freundinnen meiner Freunde Vorstellungsgesprächs-Fangfragen, mit süffisantem Schmirgelpapierlächeln: „Und was machst du so beruflich?“ (Team-Assistenz, soso, das kann ja alles heißen.) „Und wo habt ihr euch kennengelernt?“ (Bestimmt über so eine Bums-App wie Tinder.) Und super beiläufig: „Wie alt bist du eigentlich?“ (35, ich weiß, hat Felix schon erzählt, ich alte Schweinebacke will es einfach noch mal hören.)

Ich freue mich heimlich auf Abende voll moralischer Überlegenheit, auf das Strampeln des Gegenübers in der Verhörsituation – und gehe damit baden. Denn keine der Frauen, mit denen meine Freunde zusammen sind, passt in das Klischee des berechnenden Biests, das sich einen Sugardaddy sucht. Lea verdient mehr als Felix. Die neue, ebenfalls jüngere Freundin von Stulli hat zwar weniger Geld als er, ist aber eine alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, die (Zitat Stulli) „fester im Leben steht, als ich es je getan habe“.

Zurück aus dem Restaurant suche ich im Internet nach Studien über Age-Gap-Paare. Der größte Feind des Age Gap-Paares ist laut Forschern einer Uni in Indiana nicht das Alter. Sondern ein feindliches, sich das Maul zerreißendes Umfeld, das das Alter permanent zum Thema macht. Das gelte, so die Forscher, vor allem für die seltener vorkommende Variante, in der die Frau älter ist als der Mann. Meine Freundin steht plötzlich hinter mir am Computer. „Wenn du mich fragst...“ – habe ich nicht, aber so beginnen die besten Sätze meiner Freundin –, „... haut es mit der Beziehung eh nur hin, wenn man ab einem gewissen Punkt darauf scheißt, was die anderen sagen. Und sich ganz auf sein Gefühl verlässt.“ Ich muss an das Tattoo im Nacken von Felix’ Freundin denken. Audace, ein altes italienisches Wort. Es bedeutet: wagemutig.