Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Eau de Tante Gisela

Die Freundin unseres Autors hat sich ein neues Parfum gekauft, dass für ihn nach Fliederbadezusatz und Möbelpolitur riecht –und nach Tante Gisela. Und jetzt?

Illustration von einem Mann, der ein Parfumfläschchen umarmt.

Ein gutes Parfum sagt mehr als tausend Worte.


Meine Freundin hat sich vor zwei Wochen ein neues Parfum gekauft. Sie riecht seitdem wie Tante Gisela aus Lüneburg. Tante Gisela ist in meiner Familie für ihr leckeres Nuss­ecken­-Rezept und eine rustikale Vollkontakt-Umarmung bekannt, bei der sie uns Kindern immer einen Zehnmarkschein zugesteckt hat.

„Wie findest du es?“ Meine Freundin steht im Bad unserer Berliner Wohnung. Es riecht nach Fliederbadezusatz mit einem Hauch Mö­belpolitur. „Es ist sehr ... klassisch?“, antwor­te ich und gebe mir große Mühe, das Fragezeichen hörbar zu machen. Ver­geblich. „Ja, oder?“ Meine Freundin macht ihr Ich­-gucke­-zufrieden-in­-den­ Badspiegel-Gesicht: „Es sagt irgendwie‚ Bämm!‘.“ Ich finde, es sagt irgendwie „Och!“. Aber eigentlich sagt es vor allem „Gisela!“. Und nicht nur irgendwie.

Dem Partner sagen, dass er komisch riecht, ist immer ein Hieb aufs Herz: Trägt dieser Satz doch huckepack ein „Ich habe die Nase voll von dir“. Daher meine Strategie: Ich schenke meiner Freundin ein neues Parfum, die klassische Konfliktvermeidungstaktik für Feiglin­ge. Drei Tage später stehe ich in einer Berliner Parfümerie vor einer kleinen, braun gebrann­ten Verkäuferin, die Camouflage­-Leggings und ein silbernes T­-Shirt mit dazu passenden Armreifen trägt. „Was ist denn Ihre Freundin für ein Typ?“

Ich liebe Verkaufsgespräche, die so ein biss­chen Therapiesitzung sind und kreativ in der Seele herumquirlen. Ich habe schon mal einen verchromten Retro­-Entsafter gekauft, nachdem mir ein Verkäufer versichert hat, er wür­de mir „unheimlich stehen“. „Also, was ist Ihre Freundin für ein Typ?“ – „Temperamentvoll, 43 Jahre alt.“ – „Welches Sternzeichen?“ Die Parfum­-Frau ist wie für mich gemacht. „Löwe!“ Ich sage das mit seltsamem Rennwagenbesitzerstolz. Sprüh, sprüh. „Das hier ist ein grüner Duft für die Lebensmitte, der Ocean sagt, aber dahinter kommt auch Oriental Pepper.“ Sie sagt das wirklich. Ich rieche eigentlich nur Meer, am ehesten Wattenmeer, und zwar eher bei Ebbe. Aber ich will nicht als stumpfer Schmock rüberkommen, der für die Feinheiten der Welt unempfindlich ist. „Das ist mir ein bisschen zu sehr Nature, meine Freundin ist mehr New York City.“ Ich bin kurz sehr stolz auf mich. Die Verkäuferin und ich bli­cken uns intensiv an. „Natürlich. Das hier?“ Sprüh, sprüh. „Eine saubere Cotton-Kopfnote im Dialog mit Bergamotto calabrese. Fresh, oder?“

Zitronenkuchenbackmischung im Dia­log mit Zitronenkuchenbackmischung. Ich sage: „Classic Italy.“ Verkäuferin strahlt. „Aber einen touch too clean.“ Verkäuferin strahlt tap­fer weiter. Und man merkt, wie sie jetzt gern auf die Uhr blicken würde. Wir könnten ewig so weitermachen. Und genau das machen wir auch. Nach einer halben Stunde riecht alles nach Seife, ich komme mit immer schrägeren Duftvergleichen: „Das riecht wie jemand, der pinke Fußnägel hat! Nein, wie eine beschig­gerte Pelzmantel­-Millionärin, die was mit ihrem zu jungen Chauffeur laufen hat!“ Zwi­schendurch versprüht die Verkäuferin „Eter­nity“. Und ich muss an meine Ex­-Freundin denken. Wobei das untertrieben ist. Sie steht kurz unsichtbar im Raum und schnippt mir unter die Nase. Sommer 1998. Aua. „Ist es das?“, fragt die Verkäuferin. – „Nein, das ist es nicht.“ Mir geht kurz durch den Kopf, ob Parfumverkäuferinnen wohl für diesen Mo­ment geschult werden. Verdruckste Männer­kunden, denen die Vergangenheit durch die Nase weht. „Super sind auch unsere Gutschei­ne.“ Nehm ich.

Zu Hause steht meine Freundin in der Kü­che, ich überreiche den Gutschein. „Lass mich raten, du magst mein neues Parfum nicht?“ – „Stimmt. Schlimm?“ – „Schade, aber schlimm? Eigentlich nicht.“ Über die richtig miesen Beziehungsmomen­te kann man wirklich einfach schreiben. Über die guten nur sehr schwer: über eine kurze Umarmung, während der man die Haare von jemandem riecht. Jemand, den man einfach. Für den man alles. Mit dem man sofort. Irgendwie bämm.


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