Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Eine Woche ohne Handy

Es ist die Angst eines jeden Smombies: sein Handy zu verlieren. Unser Autor hat seines aus Versehen im Zug liegen lassen und hat plötzlich: Zeit. Mehr Zeit, als ihm lieb ist.

Veröffentlicht am 27.07.2017
Mann sitzt auf Planet.

Ohne Handy fühlt man sich wie auf einem anderen Planeten.   


Ich verliere Dinge. Regelmäßig. Wobei „verlieren“ nicht die Formulierung ist, die ich dafür verwende. Alles, was plötzlich in meiner Umhängetasche oder auf der Kommode fehlt, ist nicht verloren gegangen. Sondern verschwunden. Am regelmäßigsten verschwinden Schals, Kugelschreiber, Sonnenbrillen. Ich habe damit meinen Frieden gemacht und behandle sie als Objekte auf der Durchreise, die bei mir nur einen Stopp eingelegt haben.

Wobei ein misstrauischer Rest in mir davon ausgeht, dass ich all diese Dinge nicht verliere, sondern dass sie mir gestohlen werden; verdächtig ist jeder. Ich glaube, ich werde später zu der Sorte Rentner gehören, die ihren Pfleger beschuldigen, zu klauen. Und die aus Rache mit Essenstabletts auf Meniskushöhe nach dem Heimpersonal schlagen.

Doch diesmal ist alles anders. Ich stehe vor dem abfahrenden Eurocity, aus dem ich vor drei Minuten ausgestiegen bin. Ich habe meine Jacke abgeklopft, die Tasche ausgekippt. Das Wort „Nein!“ hat sich zu einem Stakkato gesteigert. Nein! Nein! Nein! Nein! Es gibt in Deutschland mehr als 100 Millionen Handys, meines fährt gerade zweite Klasse Richtung Polen.

Das ist inzwischen vier Tage her, und ich lebe in der Unerreichbarkeit. Mein Freund Felix hat mir gemailt, das sei doch eine spannende Chance, unbehelligt von allem Unwichtigen den Tag zu erleben. Klingt im Kern richtig, wird aber durch Hermann-Hesse-Abreißkalender-Floskeln wie „Tag erleben“ und „spannende Chance“ so klebrig, dass ich ihm geantwortet habe, er könne mir ja sein Handy geben. Will er nicht. Surprise. Felix ist nicht der Einzige, dessen Kommentar über mein handyfreies Leben nervt. Sobald ich davon anfange, sagen die meisten: „Wie blöd, aber auch mal ganz schön, oder?“ Ich habe ein 600-Euro-Mobiltelefon verloren – und die Welt beneidet mich.

Mein Leben ohne Handy: Ich habe plötzlich Zeit. In der Supermarktschlange gucke ich seit Neuestem in die Einkaufswagen von fremden Leuten statt wie früher auf mein Mobiltelefon. Da ich außer Kleinkindern und sehr alten Leuten der Einzige ohne Handy bin, fühle ich mich beiden Gruppen plötzlich verbunden. Ich grabsche wie ein Kind nach den Süßigkeiten an der Kasse und lese wie ein Rentner die Serviervorschläge auf der Rückseite der Aufbackbrötchen-Tüte. Auf Deutsch und dann auf Holländisch, ich hab ja Zeit.

Ich entschleunige, aber auf eine sehr langweilige Art. Klingt entspannt – ist es aber nicht. Mies ist vor allem das Gefühl, dass Entscheidendes passiert und ich nicht zu erreichen bin. Obama braucht meine Hilfe, für die schwedische Turmspringerinnen-Mannschaft wird ein Masseur gesucht und jemand war so lieb, mich zu empfehlen. Ich verpasse seit vier Tagen die Chancen meines Lebens. Sehr nervig außerdem: meine Lieblingsgewohnheiten, Verabredungen kurz vorher zu verschieben und Larifari-Beziehungs-SMS zu senden, quasi das Schmiermittel im Motor der Liebe – Ich liebe/vermisse/brauche Dich –, vorbei. Keine SMS, nix Liebe und ich muss dauernd pünktlich sein.

Heute Morgen habe ich schließlich mein neues Telefon abgeholt und die Nachrichten abgehört, die in den letzten vier Tagen eingegangen sind. Meine Mutter hat zweimal angerufen, meine Freundin simst, dass sie an mich denkt und ich Spülschwämme kaufen soll, aber nicht die teuren. Ich schicke eine Rund-SMS an meinen Freundeskreis mit den Worten: Ich bin zurück. Nach zehn Sekunden beginnt mein Handy zu brummen, auf dem Display die immergleiche Nachricht: „Wieso? Warst Du weg?