Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Frühstückswahnsinn

York Pijahn hasst Frühstücksbuffets. Trotzdem futtert er sich im Hotel durch Obstkörbe und Wurstplatten, als gäbe es kein Morgen. Warum eigentlich?

Veröffentlicht am 26.05.2017
Mann und Früchte.

York Pijahn mutiert in Hotels zur Raupe Nimmersatt.


Aus den Lautsprechern, die in die Decke des Hotel-Frühstücksraums eingelassen sind, tröpfelt eine Mariachi-Variante von „Purple Rain“. Der Song schwebt über Käseplatten, Obstkörben und einer Warmhalte-Metallkiste für Rührei. Die Kiste ist so groß, dass man in ihr glatt eine Carrera-Rennbahn aufbauen könnte.

Es ist halb acht und ich habe eigentlich keinen Hunger. Auf dem Teller vor mir liegen trotzdem zwei Brötchen und ein Croissant. Und Ananasscheiben. Und zwei rosafarbene Früchte, deren Namen ich nicht kenne, die aber bestimmt sauteuer waren. Dazu ein Nussjoghurt, Rührei und Lachs. Zu Hause würde ich morgens eher Legosteine lutschen, als freiwillig Lachs zu frühstücken. Aber im Hotel? Ist das anders. Ich pikse in eine der rosafarbenen Früchte und fange an zu essen. Wenn jemand jetzt mich und meinen übervollen Teller fotografiert, könnte man darunter „Mein erster Tag im Westen“ schreiben. „Noch Kaffee?“, fragt mich die Kellnerin. Ich habe schon zwei getrunken. „Och, warum nicht?!“

Immer wenn ich in ein Hotel einchecke, hoffe ich, dass ich diesmal verschont bleibe. Verschont vom verchromten Müsli-Karussell, vom Schlangestehen hinter moppeligen Geschäftsleuten in Kurzarmhemden, die nach Hotel-Duschgel riechen und freudestrahlend den Deckel einer Warmhalteplatte anheben, unter der seit vielen Stunden ein paar Würstchen ihren langsamen Tod sterben.

Ich mag keine Frühstücksbuffets. Egal, mit wie viel Obst und Toastvarianten sie dekoriert sind, sie versuchen doch immer nur die eine Wahrheit zu verbergen: Man wollte ein Restaurant und ist stattdessen in einer Selbstbedienungskantine gelandet. „Noch Kaffee?“ – „Och, warum nicht?!“

Warum ich nicht woanders frühstücke? Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach: Ich habe ein Hotel-Ich, das aktiviert wird, sobald ich an der Rezeption einchecke. Denn im Hotel zu sein bedeutet für mich, auch wenn ich nur auf Dienstreise bin: Urlaub, die Sau rauslassen, Fernsehen bis in die Puppen, Handtücher nach dem Benutzen fallen lassen, rumsauen im Bad. Ich verwandle mich in einen Pauschaltouristen, der die Puppen tanzen lassen will. Ich klaue. Ja, das kam jetzt direkt und überraschend, nicht wahr? Bis auf die Handtücher nehme ich alles mit: Seife, Conditioner, die Duschhaube und das Nähset. Auch die eingeschweißten Nüsse, den Filz-Schuhputz-Handschuh und die Frotteepuschen stecke ich ein; obwohl es die leider nur in Größe 39 gibt und ich darin aussehe wie eine Geisha mit Gewichtsproblemen. All das scheint mir dennoch wertvolle Beute, solange ich im Hotel bin. Wieder zu Hause, ist es eigentlich nur noch Schrott. Aber ich war Gast, ich habe dafür bezahlt, es gehört mir. Und mit genau dieser Logik werfe ich mich aufs Frühstücksbuffet. Wenn es schon niemanden gibt, bei dem man zwei Nutella-Toasts mit Espresso bestellen kann, dann will ich es wenigstens krachen lassen. Das Angebot ausnutzen, bis es quietscht.

Während Sie das hier lesen, liege ich auf meinem Bett im Hotelzimmer. Mein Magen fühlt sich an wie ein Sack Schrauben, es ist jetzt halb elf morgens, und ich habe gerade beschlossen, die Arbeit, für die ich in der Stadt bin, zu schwänzen. Im Hotelpreis enthalten ist ein Mittagsbuffet, der Geruch der Gulaschkanone zieht bereits durch die Flure. Es riecht grauenvoll, aber ich habe auch dafür bezahlt. Ich werde es mir nicht entgehen lassen.