Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Gemeinsam abnehmen

Schön, wenn Paare gemeinsame Projekte haben. Ob Abnehmen auch dazu gehört? Unser Autor hat festgestellt: Für Männer ist das mit dem Ego nur schwer zu vereinbaren.

Veröffentlicht am 21.07.2017
Frau mit Braten an der Angel rennt hinter Mann her.


Ich habe mit Ende 20 als Jeans-Model für eine Baumarktkette gearbeitet. Ich erinnere mich genau an den Moment, als der Fotograf das Studio betrat, wo ich für den Katalog abgelichtet werden sollte. Wie er mich sah und fragte: „Den Kopf schneiden wir aber auf jeden Fall ab, oder?“ Nehmen Sie es als Beweis für die männliche Fähigkeit, Kritik auszublenden: Aber er hat mit keinem Wort gesagt, dass meine Baumarkt-Jeans mies sitzt. Ich bin mir sogar sicher, dass er dachte: „Was für ein Killer-Body!“ Wieder angerufen haben die Auftraggeber allerdings nie, ich glaube, ich war denen einfach zu ausdrucksstark.

Ich habe aus dieser Zeit trotzdem ein großes Ego mitgenommen, was meinen Körper betrifft. Denken Sie an Ryan Gosling in der Anfangsszene von „Place Beyond the Pines“, als er halb nackt sein Butterflymesser zieht. Ich könnte der etwas stämmigere, sagen wir der eine Softeisdiele betreibende Bruder sein. Vielleicht ist mein Waschbrett nicht ganz so, hm, hubbelig, ich habe eher … „einen Bauch, den du permanent einziehst“. Sagt meine Freundin. Sie liebt die Explosionskraft solcher Sätze. Man kann ihr einiges vorwerfen. Aber: Eine Schleimerin ist sie nicht.

Da sie zu der Sorte Frau gehört, die sich phasenweise wie ein anorektisches Kaninchen ernährt, um dann mit dem Satz „Das haben wir uns verdient!“ vor dem Fernseher die All-you-can-eat-Snickers-Wochen auszurufen, hat sie in den letzten Monaten etwas zugelegt – und vorgeschlagen, vor dem Sizilien-Urlaub „gemeinsam abzunehmen“. Gemeinsam abnehmen. Für Männer ist das mit dem Ego schwer zu vereinbaren. Denn auch wenn die letzte Joggingrunde ein halbes Jahr her ist, sind Männer in ihrer Selbstwahrnehmung doch ausnahmslos: Athleten. Und Athleten brauchen: Training, Massagen, Fans. Aber keine Diäten.

Wenn uns vorgeschlagen wird, gemeinsam abzunehmen, ist das ein Schock. Das Wort „gemeinsam“ gibt einem zudem das Gefühl, eigentlich Hilfe zu brauchen. Wir sind nicht mehr der durchtrainierte Typ vom Anfang der Beziehung. Und das hat unsere Freundin offensichtlich mitbekommen. Wir waren Ryan Gosling – jetzt sind wir Teil von „Mike & Molly“.

Vollkommener Quatsch, sagt meine Freundin, die ungefragt die Leitung des Projekts „Abnehmen“ übernommen hat. Seit drei Wochen kocht sie unglaubliche Dinge. Gestern gab es Salat mit Topinambur, wobei der spektakuläre Name dieser Pflanze einen kein bisschen vorbereitet auf eine wässrige, graue, depressive Kartoffelsorte, die übrigens auch als Viehfutter verwendet wird. Zur Nachspeise gab es Kiwanos. Können Sie googeln. Auch Viehfutter. Unser dreijähriger Sohn hat geweint, was ich gut verstehen kann.

Da schlimmes Essen allein nicht schlank macht, gehen wir jetzt jeden zweiten Morgen joggen. Damit wir nicht nach einem Paar aussehen, das gemeinsam abnimmt, laufe ich vor meiner Freundin, in der Pose des Personal Trainers, der seiner Snickers mampfenden Klientin die Schwarte lüftet. Meine Freundin hat sich leider angewöhnt, mich beim Schlusssprint zu überholen. Und dabei „Du wirst langsam besser“ zu sagen – und zwar so, dass das Wort „langsam“ sein maximales Beleidigungspotenzial entfaltet.

Kurz: Wir nehmen ab, aber eher gegeneinander als miteinander. Unser Sohn, von seinen streitsüchtigen Eltern genervt, hat sich für heute übrigens Spaghetti Bolognese gewünscht. Unter dem Vorwand, dass das eine gute Vorbereitung auf den Sizilien-Urlaub ist, haben wir zugestimmt. Kate Moss hat mal gesagt, kein Essen sei so toll, wie das Gefühl, dünn zu sein. Ich sage aus der Tiefe eines hungrigen Herzens: Das Gegenteil ist der Fall.