Kolumne: 100 Zeilen Liebe

Held der Arbeit

Arbeit ist der neue Fetisch, wer viel zu tun hat, ist hip. Nur unser Autor hat es nicht so mit dem Leistungsprinzip. Doch weil all seine Freunde ziemlich beschäftigt zu sein scheinen, geht er jetzt auch mal samstags ins Büro. Nur so.

Veröffentlicht am 03.03.2017
Illustration von einem Mann im Büro.

Am Samstag bei Sonnenschein arbeiten – für York Pijahn eine echte Überwindung.


Es gibt einen neuen Lieblingssatz in meinem Freundeskreis, eine neue Standardantwort auf „Wie geht’s?“. Und zwar: „Geht okay – aber es ist gerade irre viel los.“ Es gibt den Satz auch mit „wahnsinnig-irre viel los“ und „mega-irre viel los“. Nach Jahren, in denen die Work-Life-Balance das Statussymbol war und alle in meinem Freundeskreis Selfies rumgeschickt haben, auf denen im Hintergrund Frisbees, Hunde, Kinder durcheinanderpurzelten, ist jetzt die Arbeit der neue Fetisch.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich es nicht so mit der Arbeit. Kurios, wie sehr sich das nach Frevel und Gotteslästerung anhört, oder? Wenn ich es mir backen könnte, würde ich meine Kolumne schreiben. Und ansonsten Serien gucken, die Welt über den Rand eines Coffee-to-go-Bechers betrachten, Hobbys haben. That’s it. Ich bin, was die Work-Life-Balance betrifft, immer stark in der Life- und nur mittelstark in der Work-Hälfte gewesen. Das ist jetzt vorbei. Weil sich eine ansteckende, permanente Handy-Herumtipp-Dauerbeschäftigung mit der Arbeit durchgesetzt hat, die jeden, der nicht immer busybusybusy ist, wie das dicke, antriebslose Brillenkind aussehen lässt, das beim Schulsport niemand in die Völkerballmannschaft wählen will.

Der Vielarbeiter liebt es, auf kokette Art zu klagen, dass er „während der Woche ja zu nix kommt“. Weil er – das weht diesem Satz hinterher wie ein dünner Schleier – einfach zu gefragt ist. Der Vielarbeiter geht jeden zweiten Samstag ins Büro. Ich will nicht das dicke Brillenkind sein. Ich will auch wichtig sein. Ich geh jetzt jeden zweiten Samstag ins Büro.

9 Uhr: Ich verabschiede mich an der Wohnungstür von meiner Freundin, als ob ich in den Krieg zöge. Was sich toll anfühlt. Ich bin der Held der Arbeit. Und zu beschäftigt, um mich mit Schnickschnack wie Wochenendeinkauf, Putzen oder den Kindern zu beschäftigen. „Wann kommst du denn wieder?“, fragt meine Freundin misstrauisch, die anscheinend meine Gedanken lesen kann. „Wenn ich was weggeschafft habe. Arbeit hat Vorfahrt“ – mein zweiter Satz ergibt überhaupt keinen Sinn, klingt aber super. Platz da.

9.30 Uhr: Das Büro ist leer wie in einem Endzeitfilm. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich mich für Angst oder Großmachtfantasie entscheiden soll. Ich wähle Großmachtfantasie. Ich bin der last man standing. Doof, dass das niemand mitkriegt. Um Lob für meine Arbeitswut zu bekommen, rufe ich meine Mutter an. „Ich bin auch fleißig, ich backe Baumkuchen.“ Okay. Das ist natürlich was ganz anderes als das, was ich hier leiste, aber das schnallt Mama eh nicht. Ich verschicke SMS an Kollegen mit fadenscheinigen Arbeitsfragen, um zu signalisieren: Bin im Büro.

10.30 Uhr: Da keine Sau auf meine SMS reagiert, fange ich an zu arbeiten. Mit der bockigen Stimmung von jemandem, der nachsitzen muss. Ich schaffe richtig was weg: von 11 bis 12. Da die Kantine geschlossen hat, esse ich Schokoriegel und zwei Tüten Chips aus der Süßigkeitenbox, ohne zu bezahlen.

12 Uhr: Ich bin müde und mir ist ein bisschen übel, draußen scheint die Sonne. Ich würde am liebsten in den Park gehen, habe aber Angst, in meine Familie reinzulaufen. Daher arbeite ich zwei Stunden. Aus denen drei werden. Die Zeit fliegt nicht weg, sie schmilzt. Und ich sitze in der Pfütze, die von einem Samstag übrig geblieben ist.

18 Uhr: Auf dem Nachhauseweg ruft meine Mutter an. „Samstag im Büro.“ Sie lässt es wie einen Vorwurf klingen. „Dass das nicht einreißt.“ Ja, ja. „Du weißt, was Onkel Siegfried immer gesagt hat.“ Ja, ja. An einem sonnigen Tag im Mai 2015 wurde er am Ostufer der Elbe bei Lüneburg beerdigt. Sein Sarg wurde mit einer Fähre über den Fluss gebracht. An Bord waren mehr als 150 Trauergäste, die Blumen ins Wasser warfen. Mein Onkel wurde 86 Jahre alt. Sein Lieblingssatz: „Kinders, macht euch nicht kaputt. Es is’ nicht so entscheidend, wie viel Rente ihr mal bekommt.“ Er hat an dieser Stelle gezwinkert. „Sondern wie lange.“